+
Die beiden Skelette der Klostergründer Adalbert und Ottkar haben Professor Andreas Nerlich (l.) und Kirchenhistoriker Roland Götz gründlich analysiert. Ihre Erkenntnisse präsentierten sie in zwei gut besuchten Vorträgen.

Wer waren Adalbert und Ottkar?

Skelette liefern hochspannende Details

Tegernsee - Wer genau waren eigentlich die Klostergründer Adalbert und Ottkar? Die Gebeine der Brüder lieferten neue Erkenntnisse. Darüber berichtet wurde in hochspannenden Vorträgen.

Die Vorträge, zu denen der Altertumsgauverein ins Museum Tegernseer Tal geladen hatte, waren so spannend, dass man sie getrost mit einem Fernsehkrimi vergleichen kann. Zwar ist der Münchner Pathologe Professor Andreas Nerlich kaum so verschroben wie sein TV-Kollege Professor Boerne im Tatort Münster. Und Kirchenhistoriker Roland Götz darf bestimmt nicht einfach mit dem prolligen TV-Ermittler Thiel verglichen werden. Aber ein wenig muss man schon an das Ermittler-Duo denken, wenn die beiden Gelehrten die Fakten ihrer Forschungsarbeit präsentieren.

Roland Götz trägt vor, was Literatur und Dokumente hergeben. Und das ist sehr wenig. Vieles, was die Tegernseer Schüler zur Gründungslegende des Klosters lernen, ist spätere Ausschmückung der Geschichte. „Als Fakten, die zeitnah zur Klostergründung aufgezeichnet sind, erfahren wir nur die Namen der Klostergründer, Adalbert und Ottkar, dass sie edler Abkunft sind und leibliche Brüder“, berichtet Götz. „Diese Aufzeichnung fand etwa hundert Jahre später statt, also so, als ob wir heute über persönliche Erlebnisse im Weltkrieg schreiben würden. Alles Weitere ist spätere literarische Ausschmückung.“ Es sei nicht leicht, sich nur auf die Fakten zu berufen und sich daran zu halten. Immerhin bietet die Geschichte viel Anlass, über das Leben und Lieben der adligen Herren zu spekulieren.

Unter dem Hochaltar in der ehemaligen Klosterkirche in Tegernsee befindet sich das Grab der beiden Klosterstifter.

Als vor 15 Jahren die Tegernseer Kirche renoviert wurde, war das Stiftergrab, das sich unter dem Hochaltar befindet, geöffnet worden. Zwei gut erhaltene Skelette befanden sich darin, getrennt durch eine beschriftete Holzlatte. Man entnahm Gewebeproben und setzte dann die Gebeine wieder bei. Es war wohl das vierte Mal in der gut 1200-jährigen Geschichte, dass es dazu kam.

Auch 1962 wurde das Grab geöffnet, damals gab es allerdings noch keine DNA-Analyse. Das Handwerkszeug der Kriminalistik ist erst in den vergangenen Jahren so ausgereift, dass per DNA, Radio-Karbon und Strontium-Bestimmungen die Jahrhunderte aufgeschlüsselt werden können. Die Kosten für die Untersuchungen tragen der Altertumsgauverein, die Stadt Tegernsee und der Lions-Club Tegernsee.

Die DNA-Analyse ergibt, dass es sich wirklich um zwei leibliche Brüder handelt. Ihr Alter dürfte etwa acht Jahre auseinander liegen. Der eine war 1,87 Meter, der andere 1,85 Meter groß. Für damalige Verhältnisse mehr als 15 Zentimeter größer als die Durchschnittsbevölkerung. Der eine hat schwer und viel gearbeitet, sein Knochengerüst zeigt unter anderem mehrere Arthrose-Stellen auf. Er ist um die 36 Jahre alt geworden und starb vermutlich an einem Nebenhöhlenkarzinom. „Etwas, das heute als Berufskrankheit der Schreiner anerkannt ist“, sagt Professor Nerlich. „Er hat also viel mit Holz gearbeitet, vielleicht ja die erste Kirche gezimmert.“ Es muss Ottkar sein, denn wir wissen aus der Kirchengeschichte, dass er vor Adalbert gestorben ist.

„Das zweite Skelett zeigt nur wenig Arthrose. Wir können sagen: Der hat nix gearbeitet“, so der Professor weiter. Die Vermutung liegt nahe, dass dies wohl der Abt war, der einfach körperlich weniger gefordert war. Adalbert dürfte um die 60 Jahre alt geworden sein.

Per Radio-Karbon-Untersuchung wollten die Forscher eingrenzen, in welchem Jahrhundert die beiden gelebt haben – und wurden erstmal auf eine falsche Fährte gelockt, weil die beiden Stifter wohl ziemlich viel Fisch aßen. In den Quellen wird davon berichtet, dass „die beiden Brüder sich mit Beharrlichkeit dem Fischfang widmeten“. Das wiederum verfälscht die Radio-Karbon-Konzentration. Die höheren Werte führen also ins verkehrte Jahrhundert, wenn man von dem Effekt nichts weiß. Die Tegernseer Gelehrten sind nur durch Zufall darauf gestoßen. Jetzt weiß man: Ottkar lebte vermutlich von 751 bis 787, Adalbert von 743 bis 803. Damit stimmt aber das Jahr der Klostergründung, das traditionell mit 746 benannt wird, nicht mehr. Man geht daher eher von Mitte der 760er-Jahre als Gründerzeit aus.

Denn Adalbert wird im Alter von drei Jahren noch zuhause bei seiner Mutter vermutlich an der Küste Frankreichs, gelebt haben, Ottkar war noch gar nicht geboren. Die Küstennähe leitet man ab aus den Ergebnissen von Zahnschmelzanalysen.

Und nun kommt eine bayerische Prinzessin ins Spiel. Wenn die Legenden stimmen, waren die Stifterbrüder hochwohlgeborene Adlige, die aus dem Geschlecht der Karolinger stammten. Eine Stammbaumrekonstruktion ergibt, dass die beiden die Söhne von Grifo, einem Sohn von Karl Martell und seiner zweiten Frau, der bayerischen Prinzessin Swanahilde, sein könnten. Grifo war ein Cousin des berühmten bayerischen Herzogs Tassilo und wurde von seinen Verwandten mit seinem Herzogtum erst belehnt und dann irgendwann deshalb von ihnen gemeuchelt – gut möglich, dass die Söhne das Weite suchten, sich in Swanahildes Herkunftsländereien flüchteten und im Tegernseer Tal schließlich ihre Ruhe fanden. Vielleicht war es aber auch ganz anders.

Von Sonja Still

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Die AfD und ihr dubioser Politiker-Prinz vom Tegernsee
München - Mit Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau aus Tegernsee zieht die AfD in die Wahl. Ein Politiker-Prinz für Oberbayern? Schöne Geschichte für die Partei - …
Die AfD und ihr dubioser Politiker-Prinz vom Tegernsee
Das sagt der Experte zur Bodenbeschaffenheit am Tegernsee
Tiefgaragen, die Bebauung des Leebergs, der Krater in der Lindenstraße: Der Ingenieur Rasso Bumiller (47) ist Bodengutachter und spricht im Interview über brisante …
Das sagt der Experte zur Bodenbeschaffenheit am Tegernsee
Perronstraße: Sanatoriums-Projekt kommt voran
Das einstige Erholungsheim der Unicredit an der Perronstraße wird derzeit abgerissen. An seiner Stelle sollen ein Sanatorium und eine Klinik entstehen. Das Vorhaben …
Perronstraße: Sanatoriums-Projekt kommt voran
In Bad Wiessee an Bayerns Spitze gepokert
Beim Finale der 4. Poker-Meisterschaft der Spielbanken Bayern erwiesen sich zwei Gäste der Spielbank Bad Wiessee als beste Spieler.
In Bad Wiessee an Bayerns Spitze gepokert

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare