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Kaum Privatsphäre haben die Asylbewerber in der Tegernseer Turnhalle. Jetzt kommen weitere Flüchtlinge hinzu. Das Foto ist Ende 2014 entstanden, als die Notunterkunft in Tegernsee eingerichtet wurde.

Druck aufs gesamte Tal wird größer

Asyl in Tegernsee: In der Turnhalle wird's noch enger

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Tegernsee - In der Tegernseer Flüchtlingsunterkunft sind am Donnerstag acht weitere Betten aufgestellt worden. Damit werden in Kürze bis zu 40 Menschen dort leben. Zu viele, wie allen bewusst ist.

Rund 30 Asylbewerber sind im Moment in der städtischen Turnhalle in Tegernsee untergebracht – darunter eine einzige Frau. Die Asylsuchenden stammen überwiegend aus Afrika, ein Ehepaar kommt aus Syrien, ein weiterer Flüchtling ist Palästinenser. Die Situation ist angespannt: wegen der fehlenden Privatsphäre, der sprachlichen Barrieren und nicht zuletzt wegen der brütenden Hitze in der Halle. „Die Menschen leben zum Teil seit vier Monaten in der Unterkunft“, sagt Bürgermeister Johannes Hagn (CSU). „Sie wollen endlich weiter.“

In dieser schwierigen Situation kam die Nachricht des Landratsamtes einer Hiobsbotschaft gleich: In der Turnhalle sollen noch diese Woche acht weitere Flüchtlinge einziehen. Der Aufbau der Betten ging am Donnerstagmorgen über die Bühne – im Beisein der Wiesseer Polizei. Es habe im Vorfeld „kleinere Widerstände“ der Bewohner gegen die Verdichtung ihrer Unterkunft gegeben, teilt Landratsamts-Sprecher Gerhard Brandl auf Nachfrage mit. Daher seien die Beamten vorsorglich hinzugezogen worden.

Doch es kam zu keinen Zwischenfällen, wie am Donnerstag alle Beteiligten versicherten. „Die Polizei war nicht da, um repressiv zu wirken, sondern um zu zeigen, dass sie sich kümmert“, beschwichtigt Hagn. Dennoch ist dem Bürgermeister klar, dass die Situation in der Tegernseer Unterkunft mit acht zusätzlichen Asylbewerbern problematisch werden könnte. „Das ist definitiv zu viel – das weiß auch das Landratsamt“, macht Hagn deutlich. Schließlich sei die Situation um Weihnachten herum, als 40 Asylsuchende in der Halle lebten, schon einmal kurz vorm Eskalieren gewesen.

Aus dieser Zeit stammt auch das Versprechen des Landrats, die Tegernseer Halle künftig mit maximal 30 Flüchtlingen zu belegen. Angesichts der derzeit herrschenden Notsituation sei dieses Versprechen aber nicht haltbar gewesen, sagt Hagn. Und zeigt Verständnis für die Kreis-Behörde: „Die sind dort am Anschlag.“ Der Druck aufs Tegernseer Tal ist auch deshalb so groß, weil das Haus Rheinland in Bad Wiessee – wie berichtet – zur Unterbringung minderjähriger Flüchtlinge genutzt wird und daher für erwachsene Asylbewerber ausfällt. „Wir hatten keine andere Wahl“, erklärt Brandl mit Blick auf die zusätzliche Belegung der Tegernseer Turnhalle.

Die acht neuen Bewohner werden laut Landratsamt dieser Tage dort eintreffen. Wenn’s soweit ist, müssen die Tegernseer Asylbewerber noch enger zusammenrücken. Und die Helfer werden ihnen vermitteln müssen, dass die zusätzliche Belegung einer Notlage geschuldet ist. „Das ist gar nicht so einfach“, weiß Hagn. Denn die Flüchtlinge sind in ihrer Unterkunft quasi von der Außenwelt abgeschnitten. Sie können weder Zeitung lesen, noch haben sie einen Fernseher. Und noch ein weiteres Problem könnte in den anstehenden Sommerferien dazukommen: Dann nämlich fällt das Catering weg, das die Mensa-Betreiber vom gegenüber liegenden Gymnasium übernommen haben. Einen Ersatz zu finden, sei schwierig, meint Hagn. „Wir müssen wohl Küchen-Container aufstellen, damit sich die Asylbewerber selbst versorgen können.“ Das wiederum gilt es den Anwohnern schonend beizubringen. Eine Situation also, die von allen Beteiligten viel Fingerspitzengefühl erfordert. Und in Zukunft noch erfordern wird. Hagn: „Wir wissen ja nicht, was in zwei bis drei Jahren sein wird.“

Die Situation in den anderen Tal-Gemeinden

577 Asylbewerber leben derzeit im Landkreis Miesbach, 23 weitere sind angekündigt. Neben Tegernsee müssen auch die anderen Tal-Gemeinden und Waakirchen damit rechnen, dass sie neue Flüchtlinge aufnehmen müssen.

In Waakirchen hat Bürgermeister Sepp Hartl bereits eine Vorankündigung des Landratsamtes erreicht. Demnach muss die Gemeinde mit der Zuweisung weiterer Asylbewerber rechnen. Bis Ende des Jahres könnten es 52 Flüchtlinge in Waakirchen werden. „Und dann haben wir auch mit der Turnhalle ein Problem.“ Dort leben im Moment 20 Flüchtlinge. Die Gemeinde habe zwar noch ein Haus in petto, das sei aber erst ab September frei. Und auch was den umstrittenen Container-Standort in Schaftlach angeht, schaut keine schnelle Lösung her. Derzeit prüfe die Gemeinde, ob sie das Grundstück selbst bebaut und die Gebäude dann für Asylbewerber zur Verfügung stellt. Die Containerfläche zu verkleinern, komme laut Hartl von Seiten des Landratsamts nicht in Frage. „Dafür seien die Kosten zu hoch.“

In Gmund ist man dagegen für einen weiteren Flüchtlingsansturm gut gerüstet, so Bürgermeister Georg von Preysing. Derzeit leben 36 Asylbewerber im Ort. „Mir ist auch nichts bekannt, dass wir weitere Asylbewerber zu erwarten haben.“ Und wenn doch: In der Seeturnhalle habe die Gemeinde eine weitere Wohnung ertüchtigt, so dass dort insgesamt bis zu 37 Flüchtlinge leben können. „Und eine weitere Wohnung für sieben Asylbewerber steht bereit, die ist noch gar nicht belegt.“

Die Gemeinde Kreuth hat drei Unterkünfte für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, zwei davon – das ehemalige Kinderheim in Riedlern und eine Privatwohnung – sind mit 18 und fünf Bewohnern bereits voll belegt. Das dritte Objekt, ein Obdachlosenheim in Reitrain, „wurde gerade notdürftig hergerichtet“, berichtet Bürgermeister Josef Bierschneider. Hier ist Platz für acht weitere Asylsuchende, die in Kürze einziehen werden. Eine weitere Verdichtung in den Unterkünften, so Bierschneider, sei allerdings nicht mehr möglich.

Rottach-Egern, das bislang kaum Asylbewerber im Ort hat, ist mittlerweile ebenfalls aktiv geworden. Dort wird es wohl auf einen Container-Standort hinauslaufen. Die Gemeinde habe dem Landratsamt schon vor etlichen Wochen eine Fläche hinter dem Rathaus angeboten, warte bislang aber vergeblich auf eine Antwort der Behörde. „Darüber sind wir schon sehr verwundert“, sagt Bürgermeister Christian Köck. Er betont, dass auch sein Ort gewillt sei zu helfen. Dies hat Köck am Donnerstag mit einer spontanen Aktion bewiesen: Auf Bitten seines Amtskollegen Johannes Hagn erklärte er sich bereit, das syrische Ehepaar aus der Tegernseer Turnhalle, das dort sehr isoliert lebe, in einer Rottacher Gemeindewohnung unterzubringen.

sta/gab

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