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Ludwig Thoma mit Freunden am Kaffeetisch in Abwinkl (Foto: Th.Th. Heine): (v.l.) Olaf Gulbransson, Ludwig Thoma, Nelly Gerstle, verh. Wolff, Marion Thoma, Grete Gulbransson

Ausstellung „Trügerische Idylle“ in Tegernsee

Künstler, Nazis und die heile Welt

Künstler, Nazis und die heile Welt: Die Ausstellung „Trügerische Idylle“ im Olaf Gulbransson Museum zeichnet ein vielschichtiges Bild der Zeit zwischen 1900 und 1945 am Tegernsee und ihrer Persönlichkeiten.

Tegernsee – Ein vielschichtiges Bild der vermeintlich heilen Künstlerwelt am Tegernsee: An diesem Sonntag eröffnet im Tegernseer Olaf Gulbransson Museum die Ausstellung „Trügerische Idylle“. Die Sonderausstellung beleuchtet bis 17. September 2017 die Zeit zwischen 1900 und 1945, als das Tal Treffpunkt der Künstler und Schriftsteller war. Die Ausstellung wartet auch mit einer Sensation auf: Erstmals wird Gulbranssons bewusste Entscheidung für Nazi-Deutschland dokumentiert.

Originaldokumente und Briefe zeigen, wie sich Gulbransson mit den „Großen“ des braunen Regimes gut stellt. Ein Schreiben an Hans Frank – als Generalgouverneur auch „Schlächter von Polen“ genannt mit Haus am Schliersee – beginnt mit „Mein lieber Herr Nachbar“. Gulbransson bittet Frank um eine Hilfe für den Garten – letztlich die Anforderung von Zwangsarbeitern. Die ausgestellten Dokumente belegen, dass „Olaf Gulbransson ein Profiteur seiner Machtbeziehungen in der NS-Zeit ist“, sagen Elisabeth Tworek, die Leiterin der Monacensia, die die Ausstellung kuratierte, und Andrea Bambi, die in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung für die Ausstellung verantwortlich ist. Sie kündigt schon jetzt an, dass auch die Dauerausstellung im Gulbransson Museum umgestaltet werden wird: „Es ist an der Zeit, die Haltung des Künstlers in dieser Zeit, dem ein ganzes Haus der Bayerischen Staatsgemäldesammlung gewidmet ist, transparent zu machen.“

Gulbransson hatte eine bewusste Entscheidung für NS-Deutschland getroffen. „Ich verlasse Deutschland nicht“, äußerte er. Gleichzeitig beteiligte er sich an Brief- und Unterschriftenaktionen, die dazu führten, dass sein Kollege beim Simplicissimus, Thomas Theodor Heine, oder der Dichter Thomas Mann Deutschland verlassen mussten. Aus seiner Biografie heraus nachvollziehbar: Gulbransson hatte schon früh ein Trauma mit einer abgesagten Ausstellung erlebt und sich den Machtverhältnissen angepasst.

Überhaupt legt die Ausstellung dem Betrachter nah, jedes Schicksal einzeln zu werten. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende ist es Zeit, nicht mehr in Verallgemeinerungen zu sprechen. Es sind Lebensläufe von Menschen, die Brüche zeigen. Eine Ausstellungsinsel zeigt das Leben Ludwig Thomas, der sich vom linksliberalen Provokateur zum rechtsradikalen Agitator entwickelte. Handgeschriebene Originalartikel mit antisemitischen Hetztiraden, die damals im Miesbacher Anzeiger erschienen, werden in der Vitrine gezeigt.

Dabei gibt es von 1900 bis 1933 ein kulturell vielfältiges und buntes Miteinander am See: Man besucht sich, hilft sich bei Premierenarrangements in Berlin oder München, liebt und entliebt sich. Es ist eine bunte Melange sich gegenseitig befruchtender Künstler, die rund um den Tegernsee leben. Ob jüdisch oder nicht-jüdisch ist damals einerlei. Manche sind hier geboren, wie Grete Weil, manche leben schon lange hier, wie Max Mohr. Viele von ihnen kommen immer wieder auf Sommerfrische, um im Wildbad Kreuth zu kuren, wie die Familien von Thomas Mann und Katja Pringsheim. Andere bleiben für lange Zeit und erleben eine sehr aktive Schaffensperiode wie August Macke. Und wiederum andere werden sesshaft, wie Opernsänger Leo Slezak im Malerwinkel. Sie sehnen sich nach dem einfachen, ursprünglichen Leben auf dem Land, nach einer „heilen Welt“.

Das Jahr 1933 markiert das Ende des Miteinanders. Die Nationalsozialisten missbrauchen die bairische Volkskultur für ihre menschenverachtende Ideologie. Hitler, Himmler und andere NS-Größen inszenieren sich harmlos und bodenständig in Lederhosen und beim Schifferlfahren auf dem Tegernsee. Für Max Mohr, Bruno Frank oder Grete Weil führt das Leben direkt in die Katastrophe. Maidi von Liebermann, Thomas Geliebte, überlebt durch geschicktes Spiel mit dem Ruf und Ruhm, Thomas Erbverwalterin zu sein. Operntenor Slezak und seine Familie überleben, weil seine Tochter Margarete mit Adolf Hitler befreundet ist. Als Hitler ihr 1943 seinen Schutz entzieht, erleben die Slezaks nur mit Glück das Kriegsende.

Die Ausstellung bringt die Menschen dieser Zeit sehr nah, Video-Interviews führen einige der Künstlerschicksale noch drastischer vor Augen. Sie machen deutlich: Das Tegernseer Tal war ein unglaubliches intellektuelles Zentrum, vielleicht einmal ein Idyll. Doch eines mit katastrophalem Ende.

Die Ausstellung

Die Sonderausstellung „Trügerische Idylle“ ist von 28. Mai bis 17. September im Olaf Gulbransson Museum für Grafik und Karikatur in Tegernsee zu sehen. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Die Monacensia hat ein Begleitprogramm (PDF) zusammengestellt.

Buch zur Ausstellung

Elisabeth Tworek hat einen Begleitband herausgegeben. Darin wird auch bisher nicht veröffentlichte Korrespondenz aus Privatbesitz der Familie Gulbransson publiziert. „Trügerische Idylle – Schriftsteller und Künstler am Tegernsee“(Allitera Verlag, München), 208 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-86906-929-6.

Sonja Still

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