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Hier lachen sie, die Verleiher und der Träger des Nachhaltigkeitspreises (v.l.): Klaus-Dieter Graf von Moltke, Alexander Schmid, Florian Kohler, Georg von Preysing und Reinhold Krämmel. Die Themen, die sie mitbrachten, waren dafür sehr ernst.

Referenten zeichnen düsteres Zukunftsbild

Büttenpapierfabrik gewinnt Nachhaltigkeitspreis

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Tegernsee – Der Gmunder Papierfabrikant Florian Kohler gewinnt Nachhaltigkeitspreis – und warnt vor der drohenden Umweltkatastrophe. Auch die anderen Referenten zeichnen ein düsteres Zukunftsbild.

Florian Kohler wetzt mit den Fingern über eine Pralinenschachtel. Sie ist in Plastikfolie eingeschweißt. „Warum muss das sein?“, fragt er. Der Gmunder Papierfabrikant steht in den Tegernsee Arkaden, dort ließen die Standortmarketing Gesellschaft Landkreis Miesbach (SMG) und das Wirtschaftsforum Oberland ihre Konferenz über „Nachhaltiges Wirtschaften im Oberland“ am Donnerstagabend ausklingen. In den Arkaden gibt es viele leckere und nützliche Dinge, die – wie in jedem Geschäft in der industrialisierten Welt – in Plastik verpackt sind. Kohler blickt sich um, seufzt: „Es gibt immer mehr Plastik auf der Welt.“ 

Böses Plastik

In gewissem Sinne ist Plastik sehr nachhaltig – es hält ewig. In Meeren schwimmen riesige Inseln aus Plastikfolien, noch gefährlicher ist das Mikroplastik, das sie absondern. Die mikroskopisch kleinen Teilchen finden ihren Weg in unsere Nahrungskette, über Seefisch zum Beispiel, sind unkaputtbar und vermutlich krebserregend. Kohler regt das auf. Vor allem dass wir dabei zusehen und weiter fleißig Plastik kaufen. Ganz uneigennützig ist Kohlers Empörung nicht. 

Der Mann macht Papier, mehr edle Blätter als Obsttüten – aber es geht ihm ums Prinzip. Kurz vorher hat er im Tegernseer Barocksaal den Nachhaltigkeitspreis von SMG und Wirtschaftsforum bekommen. „Unsere Welt wird plastifiziert“, ruft er dabei ins Publikum. „Kaufen Sie ökologisches Papier.“ Selbst wenn man vergesse, das zu recyceln, sei das nicht schlimm. „Das vergeht einfach.“ Im Gegensatz zu Plastik. 

Gmunder Papierfabrik produziert eigenen Strom

Kohler hat den Preis nicht bekommen, weil er Papier herstellt. Das Industrieverfahren braucht sogar sehr viel Strom. Papiermaschinen seien nichts anderes als riesige Wäschetrockner, erklärt Kohler. Und die sind bekanntlich alles andere als nachhaltig. Kohlers Trockner schon. Seine Maschinen in der Gmunder Büttenpapierfabrik arbeiten mit einer 97-prozentigen Energieeffizienz. Heißt: So gut wie keine Energie geht verloren, etwa durch Abwärme. Um Kohlers Maschinen sind Kraftwärmekoppler gebaut, aus der Abwärme wird wieder Strom gemacht. Zusätzlich hat er ein Wasserkraftwerk an der Mangfall. „Wir produzieren gut 50 Prozent unseres Stroms selbst.“ 

Auch sein Abwasser lässt Kohler nochmals extra filtern, um die Farben wieder rauszubekommen. So effiziente Anlagen sind nicht billig. Aber Kohler ist ein Überzeugungstäter. „Unser Elektriker sagt, wir rechnen uns das schön. Aber wir machen das jetzt einfach, auch um anderen zu zeigen, dass es geht.“ Über den Preis freut er sich deshalb. „Das ist ein Signal für meine Mitarbeiter, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ 

Elektromobilitäts-Experte: "Bayern trauriges Schlusslicht"

Kohler ist nicht der einzige, der bei der Konferenz mahnende Worte findet. „In Sachen Elektromobilität ist Bayern mit Abstand trauriges Schlusslicht“, sagt Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands für Elektromobilität. „Das macht mir Angst.“ München würde vom Ausland, aber auch anderen deutschen Städten abgehängt, Energiekonzerne und Autoindustrie hätten die Entwicklungen verschlafen. Ob der Rückstand überhaupt noch aufzuholen ist – mehr als fraglich. 

Und Alois Glück, der ehemalige Landtagspräsident, warnt: „Unsere heutige Art zu leben ist nicht zukunftsfähig.“ Die Deutschen müssten endlich verstehen, dass Katastrophen wie die Flüchtlingskrise oder der Klimawandel gemeinsame Ursachen haben: „Wir praktizieren Wohlstand auf Grundlage der Ausbeutung anderer Menschen.“ Dass wir nun alle schnell unseren Lebensstil ändern, glaubt Glück deshalb nicht: „Wirkliche Veränderung kann man nur erreichen, wenn der Leidensdruck groß genug ist.“ Immerhin, die Flüchtlinge sind schon da. Glücks Logik folgend bräuchte es jetzt nur noch explodierende Öl- und Strompreise – und eine Plastikinsel auf dem Tegernsee

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