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Zum Umfallen komisch stellt Simon Pearce Szenen nach, die er als Farbiger im Alltag immer wieder erlebt.

Auftritt von Simon Pearce im Ludwig-Thoma-Saal

Drohbrief an farbigen Comedian schockiert Publikum

Zum Umfallen komisch war der Auftritt von Simon Pearce in Tegernsee. Zwischenzeitlich aber sank die Stimmung auf den Gefrierpunkt: Der farbige Comedian zitierte aus einem Drohbrief, den er erhalten hatte.

TegernseeMit seinen Erfahrungen als dunkelhäutiger Bayer, aufgewachsen in Pullach als Sohn einer Volksschauspieler-Emanze und eines Afrikaners, hat Simon Pearce anderen Bayern etwas voraus: Der 36-Jährige kennt seine Heimat und seine Mitmenschen in- und auswendig. Soll heißen: als ein Bayer unter Bayern, aber auch als offensichtlich Zuagroaster, dem man distanziert, vorurteilsbehaftet und bisweilen sogar mit Hass begegnet. Letzteres möchte man kaum glauben, wenn der quirlige Schauspieler auf die Bühne des Ludwig-Thoma-Saals hüpft, per Schnellabfrage feststellt, dass bis auf zwei „Brüder und Schwestern“ nur lauter Weiße, keine Prominenz, aber auch kein AfDler im Publikum sitzt.

Mit persönlichen Bekenntnissen über die Natur seiner Haare („Schiebehaar und die Neigung zur Glatzenbildung habe ich vom Papa geerbt“), seines Mundwerks („Habe ich von der Mama geerbt und hat mir schon oft Ärger eingehandelt“) und seiner Geschwister („eine African Queen und ein leicht angebrannter Athlet“), seiner Hautprobleme und seiner „Hobbitfüße“ macht er sich in seinem neuen Programm „Pea(r)ce on Earth“ verletzlich.

Und er ist es wohl auch, glaubt man seinen Erfahrungen mit überdurchschnittlich häufigen Polizei- oder Schaffnerkontrollen, die er auf der Bühne zum Umfallen lustig nachstellt. Als Zuschauer muss man da unwillkürlich lachen, auch wenn der Hintergrund nicht wirklich komisch ist.

Es sind Vorurteile, mit denen Simon Pearce im Alltag zu kämpfen hat und die mehr noch als vor der Flüchtlingswelle bestätigt sein wollen. So jedenfalls interpretiert Pearce die Kommentare in Onlinezeitungen, die bei Vergehen durch Farbige, Flüchtlinge oder Asylbewerber exponentiell hoch liegen, während die Kommentare bei ähnlichen Übergriffen durch Weiße an einer Hand abzuzählen seien. Diese Vorurteile sowie Wut und Angst seien es, die dem Weltfrieden entgegenstünden, glaubt Pearce.

Der Comedian führt für jede dieser Emotionslagen Beispiele an – sowohl wie er sie erfahren hat als auch wie sie ihm widerfahren sind. So findet er stets den richtigen Ton. Das Tegernseer Publikum amüsiert sich prächtig, wenn es Pearce beim Fliegen, beim Schwimmen, beim Tauchen im Meer (alles aus der „Weißen-Hai-Perspektive“) oder – schwarzgeschminkt mit Baströckchen, sozusagen kostümiert als Weißer, der sich als Farbiger verkleidet – auf einen Faschingsball begleitet. So lustig er sie in der Rückschau darstellt, Pearce Welt ist deutlich komplizierter als die eines weißen Bayern.

Anonymer Schreiber droht mit ansteckenden Viren

Das zeigt auch der Drohbrief, den die Tegernseer Tourist-Info im November 2015 kurz vor dem damaligen Auftritt des Comedians im Ludwig-Thoma-Saal erhalten hatte und aus dem Pearce nun zitierte. Darin droht der zunächst anonyme Fax-Absender damit, „zur allgemeinen Volksbelustigung ein bisschen Tränengas, Pfefferspray und verschiedene hochansteckende Viren“ zu dem Auftritt mitzubringen. Gleichzeitig wird Pearce massiv beleidigt und auch persönlich bedroht: „Eine Tracht Prügel gibt’s am Ende für ihn gratis dazu“, heißt es in dem Schreiben, das mit „Nigger-nein-danke-Verein Miesbach“ unterschrieben worden war. Der Auftritt des Schauspielers fand damals trotzdem statt.

Thomas Six von der Tourist-Info Tegernsee bestätigte noch am Samstag gegenüber der Tegernseer Zeitung, dass dieser Drohbrief tatsächlich kurz vor dem Pearce-Konzert im Jahr 2015 bei der TI unter dem Deckmäntelchen einer Kartenreservierung eingetroffen war. Man habe damals Herrn Pearce umgehend über den Erhalt des Faxes informiert und dieses auch der Polizei in Bad Wiessee übergeben. Obwohl die Beamten an die Tat eines „Spinners“ glaubten, hätten sie den Drohbrief polizeiintern weitergeleitet.

Mit Folgen: Vor der Pearce-Vorstellung mit 230 Zuschauern im November 2015 wurde der Ludwig-Thoma-Saal mit einem Bomben-Spürhund untersucht und gesichert. Vier Kriminalbeamte in zivil waren während der Vorstellung anwesend. Pearce war dabei nicht der einzige, der Drohbriefe dieses Verfassers erhielt: Auch Angela Merkel oder Cem Özdemir zählten zu den Adressaten.

Da der Verfasser, der sämtliche Drohbriefe über eine vermeintliche Rottacher Faxnummer verschickte, vor Kurzem als in Italien lebender Deutscher ausfindig gemacht, verhaftet und angeklagt werden konnte, hat sich Pearce nun dazu entschlossen, die Angelegenheit in sein Programm einzuarbeiten.

Alexandra Korimorth

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