Die Zukunft im Blick hat Manfred Pfeiler, geschäftsführender Werkleiter des E-Werks Tegernsee. Das Unternehmen blickt auf eine lange Geschichte zurück.
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Die Zukunft im Blick hat Manfred Pfeiler, geschäftsführender Werkleiter des E-Werks Tegernsee.

Interview mit dem Geschäftsführenden Werkleiter Manfred Pfeiler

125 Jahre E-Werk Tegernsee: „Die Energiewende muss vorankommen“

  • Gerti Reichl
    VonGerti Reichl
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Vor 125 Jahren verblüffte der Tegernseer Holzhändler Carl Miller die Oberen der Stadt mit einer Glühlampe. Die Gründung des E-Werk war eingeläutet. Wir haben uns mit E-Werk-Chef Manfred Pfeiler über die Zukunft unterhalten.

 Tegernsee - Es war im Jahr 1896: Da lud der Tegernseer Holzhändler Carl Miller die Stadt-Oberen zu „Demonstrationszwecken“ in den „Steinmetz-Saal“ ein. Dass er vor den Augen der Tegernseer eine Glühlampe zum Leuchten brachte, angetrieben von einem Dynamo, den der Alpbach mit seiner Wasserkraft ins Laufen brachte, war der Startschuss für die nun 125-jährige ErfolgsgeschichteLängst ist das E-Werk Tegernsee (EWT) mit dem Geschäftsführenden Werkleiter Manfred Pfeiler an der Spitze mehr als ein Energielieferant. Es ist zu einem breit aufgestellten Unternehmen herangewachsen, das sich auch für zukünftige Herausforderungen rüstet. Im Interview spricht Pfeiler über das Heute und Morgen.

Herr Pfeiler, wie unterscheidet sich das E-Werk Tegernsee von den großen Strom-Playern in Deutschland?

Das kann ich Ihnen gerne sagen. Indem wir einen Leitfaden haben, der für uns wichtig ist. Er heißt „Aus der Region für die Region“.

Können Sie diesen Leitsatz konkretisieren?

Er bedeutet zunächst, dass wir ein regionales Versorgungsunternehmen sind mit einer 125-jährigen Existenz, was heute nicht mehr gang und gäbe ist, denn viele Firmen verändern sich namentlich und werden geschluckt. Seit 1934 sind wir im Besitz der Stadt Tegernsee, die seither die Komplementärin ist, also Vollhafter. Der Enkel des Gründers, Kommanditist Dieter Miller, lebt heute bei New York. Miller und seine Frau sind mit 2,04 Prozent weiterhin kleine Minderheitsgesellschafter, 97,96 Prozent gehören der Stadt. Somit bestimmen der Stadtrat, Bürgermeister Johannes Hagn, meine Person und mein Stellvertreter Frank Thinnes die Entwicklung.

Und was bedeutet die Aussage „für die Region“?

Sie lässt sich anhand unserer Mitarbeiterstruktur gut erklären. Wir haben 40 Mitarbeiter – 20 im EWT, der Netzgesellschaft, 20 in der neuen Vertriebs- und Service KG, die für Wasserkraft, die Verwaltung und die Gebäude zuständig ist. Unsere Mitarbeiter kommen alle aus der Region, teils schon über mehrere Generationen einer Familie. Wir hatten in den vergangenen Jahren sechs Auszubildende, zum neuen Ausbildungsjahr haben wir zwei neue Azubis. Mit der Realschule Tegernseer Tal arbeiten wir eng zusammen. Unseren Mitarbeitern bieten wir gute Aufstiegschancen, leisten volle Unterstützung und Fortbildungsmöglichkeiten. viele Kollegen sind bei der Feuerwehr oder anderen Rettungsdiensten, alle haben hier ihren Lebensmittelpunkt und identifizieren sich mit dem E-Werk. Soziales und ehrenamtliches Engagement ist uns und ihnen wichtig.

Woher bezieht das E-Werk eigentlich seinen Strom? Wie setzt sich der Strommix zusammen?

Wir haben Verbände, die für uns den Strom einkaufen, wir handeln selber nicht an der Strombörse. Abstrakt dargestellt ist es so: Alles ist ein großer See, in den eingespeist wird. Daraus entnehmen wir den Strom. Rund 60 Prozent stammen dabei aus erneuerbaren Energien wie Wind, Wasser oder Geothermie. Den Wasserstrom beziehen wir aus zertifizierten Kraftwerken, die meist am Inn liegen. Je mehr Nachfrage dafür da ist, desto mehr wird davon eingespeist.

Wie viel Strom erzeugen Sie tatsächlich selbst?

Zwei Prozent stammen aus eigener Produktion, nämlich aus Wasserkraft und Einspeisung aus etlichen eigenen Photovoltaik-Anlagen. Im Solarbereich sind wir nicht aktiv, dieses Geschäft machen andere.

Wie wird sich der Bereich erneuerbare Energien entwickeln?

Natürlich soll ein weiterer Ausbau erfolgen, in welchem Maß und Tempo, das wird sich nach der Bundestagswahl zeigen. Was die Photovoltaik betrifft, so bremsen uns Lieferschwierigkeiten derzeit ein wenig ein. Bei der Wasserkraft sind wir mit unseren beiden Werken an der Weissach und am Söllbach auf dem neuesten Stand und am oberen Limit, eine Erweiterung ist da nicht möglich.

Angesichts der Regenfälle heuer müsste dieser Bereich gut laufen.

Tatsächlich ist das so. Plötzliche Regenereignisse sind jedoch nicht so ideal, da sich die Rechen mit Treibgut verlegen und die Kraftwerke daher oftmals abgeschaltet werden müssen.

Wie hoch ist denn der Anteil der E-Werks-Kunden am Tegernsee?

Es sind mehr als 83 Prozent.

Stromausfälle sind extrem selten geworden. Täuscht diese Einschätzung?

Nein, das stimmt. Wir haben da viel Geld investiert und fast alles unter die Erde gebracht. Die Ausfalldauer je Letztverbraucher lag auch 2020 wieder unter dem Bundesdurchschnitt.

Das E-Werk geht unter die Bauherren und will ein Projekt in Oberhof in der Gemeinde Kreuth realisieren. Ist das ein zukünftiges Geschäftsmodell?

Auf einer Wiese, die dem E-Werk ohnehin gehört und die bisher landwirtschaftlich genutzt wurde, planen wir drei Mehrfamilienhäuser mit 16 Wohnungen. In zwei Häuser werden Mitarbeiter von uns einziehen, für ein Haus mit vier Wohnungen bekommt die Gemeinde Kreuth das Belegungsrecht. Wir werden Niedrig-Energie-Häuser bauen, in Holzbauweise und mit modernster Technik, die wenig Energie benötigt. Geplant ist eine Grundwasser-Wärmepumpe. Außerdem, und das ist völlig neu, werden wir ein Car-Sharing aufbauen für die Bewohner. Wir hoffen auf eine Genehmigung demnächst und wollen möglichst noch heuer mit dem Rohbau beginnen, wir investieren etwa vier Millionen Euro. Den Architektenwettbewerb hat übrigens Florian Erhardt gewonnen.

Das E-Werk Tegernsee engagiert sich auch in Sachen E-Mobilität.

Oh ja, da ist viel Dynamik drin, weil wir auch Mitarbeiter haben, die sich hier engagieren. Acht Ladesäulen haben wir im Tal bereits errichtet, als Netzbetreiber schlagen wir den Kommunen gute Standorte vor. Hier muss man wissen, dass es gewaltige Fördermittel gibt.

Wo geht die Reise hin für das E-Werk?

Wir sehen uns künftig auch als Dienstleistungsplattform, die Aufgaben im Wasser- und Wärmeabrechnungsbereich übernimmt. Das technische und kaufmännische Knowhow hätten wir bereits aufgebaut. Für die Tegernsee-Bahn wickeln wir beispielsweise bereits alles Kaufmännische ab.

...und was Ihr Kerngeschäft, den Strom betrifft?

Sicher hängt jetzt viel von der Bundestagswahl ab, aber dass sich etwas verändern muss, ist ganz klar. Wir sind ja Mitglied bei der Energiewende Oberland und haben uns dafür ausgesprochen, dass die Energiewende schnell vorankommen muss. Die Bürokratie muss abgebaut, Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt werden.

Ist Wasserstoff für Sie ein Thema?

Wir haben uns damit beschäftigt, aber es wird vermutlich kein Thema sein für uns. Deshalb, weil wir hier nie die Möglichkeit haben werden, so viel Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, dass wir diesen in Wasserstoff umwandeln können. Wir können froh sein, wenn wir mit Photovoltaik-
anlagen einmal 20 Prozent der Energie werden erzeugen können. Unser Strom, den wir erzeugen, wird sofort eingespeist und verbraucht. Wir werden immer Strom dazukaufen müssen, das ist auch der Lage des Tegernseer Tals geschuldet

Könnte der See zur Energiegewinnung genutzt werden?

Eine See-Wärme-Pumpe, wie es sie am Zugersee oder am Zürichsee gibt, ist wirtschaftlich nicht interessant. Und auch aus Gründen des Umweltschutzes ist das kein Thema für uns.

Wird das 125-jährige Bestehen noch gefeiert?

Für dieses Jahr haben wir wegen Corona davon abgesehen. Im Stadtrat haben wir gemeinsam eine Torte angeschnitten, das war’s. Im September 2022 planen wir dann einen Gesundheits- und Energietag im Kurpark. Außerdem haben wir insgesamt 25 000 Euro an die fünf Talgemeinden gespendet, damit diese Vereine im Tegernseer Tal unterstützen, gemäß unserem Leitsatz „aus der Region für die Region“.

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