Gehen in den Ruhestand: (v.l.) Erika Weiss, Schanni Moorenweiser und Margot Karl. Zusammen waren sie 156 Jahre als Bedienungen fürs Bräustüberl tätig.
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Gehen in den Ruhestand: (v.l.) Erika Weiss, Schanni Moorenweiser und Margot Karl. Zusammen waren sie 156 Jahre als Bedienungen fürs Bräustüberl tätig.

Erinnerungen an aufregende Zeit

Drei Ikonen des Bräustüberls Tegernsee sagen „Pfiat Eich“

  • Gerti Reichl
    VonGerti Reichl
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Mit Jeannine Moorenweiser, Margot Karl und Erika Weiss gehen drei Ikonen des Bräustüberls Tegernsee in den Ruhestand. Zum Abschied erinnern sich die Bedienungen an eine aufregende Zeit.

Tegernsee – Zusammen bringen sie es auf 156 Jahre Dienstzeit im Bräustüberl. Über anderthalb Jahrhunderte Halbekrügerl schleppen, Brotzeit servieren, Tische wischen – und dabei lächeln. Jeannine „Schanni“ Moorenweiser (84), Margot Karl (76) und Erika Weiss (76) sind nicht nur die dienstältesten Bedienungen im Herzoglichen Brauhaus. Sie sind Bräustüberl-Ikonen, vertrauter Anblick für Stammgäste aus nah und fern. Während Wirt Peter Hubert nach vielen Pandemie-Monaten wieder aufgesperrt hat und die Besucher nur so herbeiströmen, haben die drei beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Bedienungen des Bräustüberls Tegernsee lüften manches Geheimnis

Was sie erlebt haben, würde viele Seiten füllen. Bei einem gemeinsamen Treffen im Bräustüberl erzählen sie davon und geben Einblick in ein Leben, das über mehrere Jahrzehnte mehr von Berufung als von Beruf geprägt war. Sie erzählen von alten Zeiten und von Veränderung, von mehreren Wirtsleuten, unter denen sie arbeiten durften, von den Launen mancher Gäste an den Stammtischen und vom Geheimnis der Röcke, die Bräustüberl-Bedienungen tragen.

Sechs Tage Arbeit die Woche waren für die Schanni normal

„Ich bin furchtbar gerne hierher gegangen“, gesteht Jeannine Moorenweiser, die alle nur Schanni nennen. Ihr Tiroler Dialekt ist unüberhörbar, dabei ist Schanni in Frankreich geboren. Seit Langem lebt sie in Hauserdörfl. Schanni erinnert sich noch genau, als sie im Mai 1962 anfing bei der legendären Wirtin Sofie Thurn. Sechs Tage Arbeit die Woche waren damals normal, von morgens 7.30 Uhr bis 12.30 Uhr. „Dann hatten wir Mittagspause, ehe es bis 1 Uhr oder 2 Uhr weiterging.“

Später, unter dem Wirt Josef Mang, wurden Früh- und Spätdienst eingerichtet. Als Peter Hubert 2003 ihr Chef wurde (nach dem Ehepaar Monika und Reiner Prechtl und anfangs zusammen mit Christian Döbler vom Weißen Bräuhaus in München), wollte Schanni das Handtuch werfen – „wegen dem neuen Kassensystem“.

Sogar Bob Marley gehörte zu den Gästen des Bräustüberls Tegernsee

Sie blieb, insgesamt 58 Jahre, versorgte zuletzt immer dienstags ihre Gäste und Stammtische, die ihr zugeteilt waren. „Viele sind mit mir alt geworden“, sagt Schanni und erinnert sich an prominente Besucher. Raggey-Ikone Bob Marley, der hier einkehrte, oder Schauspielerin Lilo Pulver, deren Lachen sie durch das ganze Bräustüberl gehört hat. „Ich würde es heute nicht mehr schaffen“, sagt sie dann und erinnert sich an ihre Knie-OP Anfang März 2020. Dann kam bekanntlich der erste Lockdown, und das Bräustüberl sperrte zu.

„Der Doktor hat mich aus dem Verkehr gezogen.“

Margot Karl

Ach, die Knie. „Der Doktor hat mich aus dem Verkehr gezogen“, sagt Margot Karl, der 54 Jahre laufen und bedienen in den Knochen stecken. An den 15. Juni 1966, ihren ersten Arbeitstag, und die ersten Jahre im Bräustüberl erinnert sie sich noch genau. Sie habe anfangs nicht bleiben wollen, doch die Kolleginnen hätten sie überredet. Zum Glück, denn Margot lernte hier ihren Mann kennen, der im Bräustüberl als Schankkellner arbeitete. Alles war anders damals: „Die Küche war winzig, wir hatten zwei Herdplatten, wo die Würschtl warm gemacht wurden.“

Den Radi mussten die Bedienungen des Bräustüberls per Hand schneiden

Zum Bräustüberl gehörte damals noch der ehemalige Sommerkeller (heute Edeka), wo Mittwoch und Samstag Tanz war und statt Halbekrügerl die Maßen geschleppt werden mussten. Von 360 Stammkrügen musste sie wissen, wer daraus trank, und am Ende des Tages musste der kupferne Brunnen, in denen die Gläser gewaschen wurden, poliert werden. Der Radi musste damals noch von den Bedienungen per Hand geschnitten werden, das Messer brachte jede selber von daheim mit. Auch Margot erinnert sich an die Promis, die hier schon immer einkehrten. Der Herzchirurg Christiaan Bernard fällt ihr ein, oder auch Boris Becker, der immer umringt war von Leuten und sogar Bier trank.

„Ja, ich vermisse das Bräustüberl sehr“, gesteht Margot und schluckt. „Ich tu’ mir schwer, dass ich da nicht mehr bin.“ Aber letztlich glaube sie nicht, dass sie die Arbeit mit Maske, was sie ja im vergangenen Jahr noch von Mai bis September erlebt hat, jetzt noch mal durchstehen würde. „Peter Hubert“, lobt sie, „war ein super Chef. Sie habe ihn schon erlebt, wie er als „Bua“ ins Bräustüberl kam. „Er hat alles wieder ins Ruder gebracht.“ Dass viele Stammgäste nur dort Platz genommen haben, wo sie bedient hat, freut Margot noch immer.

Erika Weiss: Gäste sind heute nicht mehr so gemütlich wie früher

Auch Erika Weiss plagen Knieschmerzen. Kein Wunder: 44 Jahre lang lief die gebürtige Tirolerin auf und ab. Es war der 1. März 1976, als Erika Weiss ihre Arbeit im Bräustüberl aufnahm, nachdem sie bereits im Schlosskeller beschäftigt war. Auch sie hat Zeiten erlebt, als warmes Essen auf der Speisekarte die Ausnahme war, und ein „Ripperl einfach ins Wasser gelegt wurde, ohne es vor dem Servieren auch noch abzubräunen“. Was sich im Laufe der Jahre verändert hat? „Das Verhalten der Gäste“, sagt Erika spontan. Die seien heute nicht mehr so gemütlich wie früher.

Dass sie ihre Stammtische über die Zeit bis zuletzt behalten durfte – den Yachtclub oder den Engerltisch immer montags oder den Stammtisch „Einsame Herzen“ am Sonntag – freue sie sehr – und war ein Vorteil. „Da weißt du gleich, wer was trinkt, wenn er reinkommt.“ Viel Spaß habe sie gehabt.

Das Geheimnis der gestreiften Bräustüberl-Röcke

Die Sache mit den Röcken sollte noch geklärt werden an dieser Stelle. „Ich hab’ sie abgegeben, damit sie eine andere Bedienung bekommt. Was tät ich damit“, sagt Erika Weiss. Es ist Tradition, dass jeden Tag ein anderer Rock getragen wird, immer unterschiedlich gestreift. Der Stoff stammt aus einer speziellen Weberei, die Herstellung kostet mehr als ein Trinkgeld. „Ich hab’ so viele andere Erinnerungen, da brauch’ ich den Rock nicht“, meint Erika. Auch Margot Karl hat ihre Röcke schon weitergeben, Schanni Moorenweiser hat ebenfalls schon kurzen Prozess gemacht: Sie hat ihn weggeworfen, „er war durchgewetzt“.

gr

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