Auch vor der Vertreibung, hier im Jahr 1941 in Ostrava, mochte Maria Pustejovsky kulturelle Angebote.
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Auch vor der Vertreibung, hier im Jahr 1941 in Ostrava, mochte Maria Pustejovsky kulturelle Angebote.

Heimatvertriebene Sudetendeutsche

Drei Scheiteln Holz als Eintritt: Der erste Konzertbesuch nach dem Krieg am Tegernsee

Der Sudetendeutsche Otfrid Pustejovsky veröffentlicht 74 Jahre nach seiner Vertreibung Erzählungen seiner Mutter. In der Titelgeschichte des Buchs schreibt Maria Maria Pustejovsky über den ersten Konzertbesuch in Tegernsee.

Tegernsee – Wie Heuschrecken kamen die Heimatvertriebenen aus Ostpreußen, Schlesien und aus dem Sudetenland ins Tegernseer Tal und belegten die noch freien Quartiere in kleinen Pensionen und Privathäusern. Ich sage, die noch freien – denn die Hotels und großen Pensionen sowie das herzogliche Schloss beherbergten die evakuierten Kliniken und Krankenhäuser aus München. So kam auch der letzte Transport aus dem „Kuhländchen“, wie die ehemalige Kornkammer im Sudetengau hieß, im Kreis Miesbach an.

Unser Domizil war eine einst vornehme Pension

Unser Domizil war eine einst vornehme Pension. Als letzte kamen wir, meine drei Kinder und ich, aus dem Lager und mussten mit einem ehedem als Leseraum benützten Zimmer vorlieb nehmen. Mit drei Fenstern neben der Tür zum Garten, ohne fließendes Wasser, so hauste ich mit den drei Kindern. Statt eines Schrankes hatten wir einen Kleiderständer, den ich Kandelaber nannte, wie so ein Stück in Österreich hieß. Die Kinder amüsierten sich über diesen Ausdruck.

Das tägliche Essen holten wir aus der nahe gelegenen Hotelküche und der menschenfreundliche Koch schöpfte, wenn niemand an der Theke stand, eine Gratis-Portion dazu. Obwohl wir einige Reichsmark herübergebracht hatten, nützten sie uns nichts, denn es gab ja kaum etwas zu kaufen. In dem jetzigen Wartehäuschen der Schifffahrt am Rathaus war ein kleiner Gemüseladen. Ich sah eine lange Menschenschlange stehen. Was es gab, konnte ich nicht sehen, stellte mich aber ebenfalls an.

Vorne angekommen, las ich auf einer Tafel: Heute frische rote Beete. Wie überrascht war ich dann, rote Rüben zu sehen. Der Ausdruck „Rote Beete“ war uns fremd, und die Kinder lachten noch lange über diese kleine Episode. Obst und Gemüse waren für uns jahrelang ein Fremdwort. Nur die würzige Seeluft, die wunderschöne Gegend konnten wir genießen.

Brennmaterial war Mangelware

So gingen wir viel spazieren, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Bei einem solchen Spaziergang fiel mir ein handgeschriebenes Plakat auf: In einem Privathaus gab man ein Kammerkonzert bei sehr mäßigem Eintritt. Aber betont wurde: Jeder Gast sollte zwei bis drei größere Scheiteln Holz mitbringen. Brennmaterial war damals Mangelware und nur auf Bezugschein vom Gemeindeamt in beschränktem Maße zu bekommen. Die Wälder rings ums Tal waren daher sauber ausgeklaubt. Jeden Tag ging ich also in dem milden Herbstwetter spazieren und las immer wieder das Plakat mit der Ankündigung des Konzerts. Die einzige Voraussetzung, um an diesem Konzert teilzunehmen: drei Scheitln Holz! Dies wäre ohne meinen zwölfjährigen Buben ein fast unlösbares Problem gewesen. Erinnerungen wurden wach. Das letzte Konzert hatte ich während eines kurzen Fronturlaubes meines Mannes erlebt. Nun wollte ich nach langer Zeit wieder Gelegenheit haben, geistig und seelisch aufzutanken.

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So ging ich also los, bewaffnet mit drei großen Holzscheiteln, in das angegebene Haus Adlerberg. In der kleinen, aber mit auserlesenem Geschmack eingerichteten Diele empfingen drei vornehme Damen die Gäste, eine bereits betagte und zwei etwas jüngere – wie ich dann erfuhr, war es eine Mutter mit ihren beiden Töchtern, welche dieses schöne Haus bewohnten. Alle drei Frauen trugen lange Roben – wie lange hatte ich solche Abendkleider nicht mehr gesehen? Wohlige Wärme umfing mich, und ich konnte es kaum fassen. In diesem Salon, der sich bald mit Besuchern füllte, fühlte man sich geborgen wie in einer Familie. Eine harmonische Zusammengehörigkeit, man lächelte sich zu wie unter Freunden. Es wirkte fast grotesk, wenn Damen, in Pelze gehüllt – Schätze aus guten Tagen – ihre Holzscheiteln aus dem Heimatblatt, der Tegernseer Zeitung, wickelten. Außer den heimischen Bewohnern des Ortes kamen auch die Ärzte der umliegenden Krankenhäuser, Redakteure der Lokalzeitungen und kunsthungrige, musikliebende Menschen. Es blieb nicht bei diesem ersten Hauskonzert in diesem gastfreundlichen Haus. Aber der erste Besuch hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck.

Viele Menschen, welche damals diese Musikabende erlebten, sind verzogen, verstorben – aber diejenigen, die noch leben, werden gewiss nie diesen Kunstgenuss vergessen, welcher die triste Zeit erhellte und Hoffnung weckte für ein neues Vaterland. Sooft ich am Ortsfriedhof am Grab der drei Damen vorbeigehe, steigt ein „Dankeschön“ für die Abgeschiedenen empor.

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