Seine Fastenpredigt fällt zum zweiten Mal aus, Gedanken macht sich Nico Schifferer trotzdem.
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Seine Fastenpredigt fällt zum zweiten Mal aus, Gedanken macht sich Nico Schifferer trotzdem.

Interview

Wem Fastenprediger Nico Schifferer die Leviten lesen würde, wenn er dürfte.

  • Gerti Reichl
    vonGerti Reichl
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Wegen Corona fällt das Derblecken zum zweiten Mal aus. Wir haben bei den Fastenpredigern Nico Schifferer und Florian „Flickä“ Oberlechner nachgefragt, was uns entgeht.

Tegernsee - Kein gemeinsames Anstoßen mit frisch gezapftem Starkbier, keine Brotzeit, keine Musi, kein Derblecken der Tal-Prominenz und kein Gefrotzel über aufgebrezelte Damen oder die vermeintlich schwache Blase eines Ex-Landrats: Schon zum zweiten Mal muss das Starkbierfest im Bräustüberl Tegernsee mit Nico Schifferer in der Rolle als Bruder Barnabas wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Was hätte Schifferer wohl gepredigt? Wem hätte er die Leviten gelesen und so richtig eingeschenkt? Wir haben ihn gefragt.

Herr Schifferer, oder darf ich Bruder Barnabas sagen: Brauchen Sie Trost, weil das Politikerderblecken schon zum zweiten Mal ausfällt?

Nun, das ist für jeden Bürger, natürlich auch für jeden Menschen, der auf der Bühne steht, eine hochgradig schwierige Zeit. Man sollte aber die Kirche im Dorf lassen und bei der Einschätzung der Bedeutung schon realistisch bleiben. Viele Dinge sind wesentlich wichtiger als ein kabarettistisches Spiegelvorhalten. Aber klar, wenn man etwas elf Jahre in Folge gemacht hat – und gerne gemacht hat –, dann hat sich da schon eine gewisse Freude an der Veranstaltung ausgebildet.

Auch der Bräustüberl-Wirt bräuchte Trost...

Natürlich, Peter Hubert trifft es viel härter. Er trägt immer die Kosten des Events, doch seine 120 Angestellten haben nun schon so lange keine Einnahmen. Man stelle sich eine Bedienung vor, die fest mit Trinkgeldern rechnen darf und monatelang keinen einzigen Bezahlvorgang hat. Nicht zu reden von den fehlenden sozialen Kontakten.

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Was hätten Sie denn für Themen auf der Pfanne?

Nun, das Schöne an der Fastenpredigt ist, dass sich die Themen immer von selber aufdrängen. Man muss keineswegs lange suchen, um kleine und größere Schweinereien und lustige Begebenheiten ausfindig zu machen. Die Politiker und Großkopferten geben sich stets alle Mühe, auffällig zu werden.

Wem würden Sie denn die Leviten besonders gerne lesen?

Wir haben da zwei neu besetzte Positionen im Landkreis, die für den Tegernseer Prediger von besonderer Bedeutung sind: Landrat Olaf von Löwis und den Wiesseer Bürgermeister Robert Kühn. Der eine ein erfahrenes kommunalpolitisches Schlachtross mit altersbedingt genutzter Last-Minute-Chance; der andere ein völlig unerfahrener, hochgradig engagierter CSU-Stopper mit moderner Bürgernähe und dem lebhaften Wunsch, der Autokratie seines Vorgängers ein anderes Modell entgegen zu stellen. Da wäre ein genauerer Blick darauf sicherlich nicht uninteressant.

An weiteren Sticheleien dürfte es Ihnen nicht mangeln.

Oh nein! Da haben wir ja eine unveränderte Liebe einiger prominenter Bauherren mit dem gerne ausgelebten Hang zur Gigantomanie, sozialer Kälte und Unnahbarkeit, wie zum Beispiel Franz Haselberger, der gerne gesamte Gemeinderegierungen tanzen lässt. Man darf gespannt sein, wie sich der neue Wiesseer Gemeinderat samt Bürgermeister schlägt. Überhaupt würden natürlich Bauvorhaben und damit verbundene Bausünden breiten Raum einnehmen. Besonders jene, von denen man nichts hört oder sieht. Bad Wiessee zum Beispiel kaufte das Jod-Schwefelbad vor zehn Jahren! Alles, was man sieht...Oh mei, fahren’s halt einmal vorbei!

Hätten Sie ein Rezept, damit’s besser läuft?

Ich werde sicherlich nicht in das allgemeine Gejammer einstimmen oder gar eine stets besserwisserische Art an den Tag legen, wie dies Herr Lindner von der FDP täglich betreibt. Denn ohne eine eigene, substanzielle Entscheidungskraft sollte man zwar seine eigene Meinung haben und diese auch vertreten, nicht aber ständig jene Menschen vorführen, die wirklich die Verantwortung tragen. Man sollte eben einfach mal die Klappe halten, denn dieses G’schafteln geht mir ordentlich auf ein wichtiges Körperteil.

Jetzt blicken Sie aber gerade über den Tellerrand des Tals hinaus.

Das würde ich wie jedes Jahr wieder gerne tun und zum Beispiel nach Berlin schauen auf „charismatische Erfolgsgaranten“ wie Saskia Esken. Oder über den großen Teich zum Abgang eines Idioten. Aber auch auf Putin-Freunde und Fleischmafiosi. Zentrum aber wäre sicherlich das Geschehen und die Ereignisse im Tal und im Landkreis. Hier natürlich besonders der Verlust meiner lieben Freundin und langjährigen Informantin, Maria Heiss. Jahrzehntelang das gute und aufmerksame Gewissen der Stadt Tegernsee. Man musste nicht immer ihrer Meinung sein, ihr Engagement aber ist nicht hoch genug zu loben. Auf alle Fälle wird sie fehlen.

Wie vertreibt sich der Fastenprediger seine Zeit in der Pandemie?

Der Bruder Barnabas selber hat kaum Kontakte, wartet auf seine Impfung und hat – auch ohne Starkbier – einen coronatechnischen Bauchumfangzuwachs zu verzeichnen. Das stört beim Schreiben erfreulicherweise nicht. Hoffen wir, dass wir uns 2022 gesund und froh gestimmt wiedersehen können und das fortgeschrieben werden kann, was uns solche Freude bereitet und für einige Stunden den Alltag vergessen lässt.

Zuletzt hatte Schifferer 2019 derbleckt.

Auch der „Flickä“ hätte viele Ideen für seine Fastenpredigt

Fastenprediger Florian „Flickä“ Oberlechner beim Starkbierfest im Gasthof Am Gasteig.

Kein Starkbier, kein Derblecken – auch Florian „Flickä“ Oberlechner, der normalerweise im Gmunder Gasthof Am Gasteig der Tal-Prominenz und solche, die es nur sein will, die Leviten liest, hat heuer keinen Auftritt vor Publikum. „Leider ist im vergangenen Jahr ja nicht sehr viel passiert, so dass die Auswahl der Themen sicher schwer geworden wäre“, sagt Oberlechner.

Einfallen würde ihm aber dennoch so einiges – wenn er denn dürfte. Sicher dabei, meint er, wären der Stegbau über die Mangfall in Gmund, wo die Spaziergänger schon seit fast einem Jahr vor einer Absperrung stehen und darauf warten, dass sie endlich ihren Corona-Spaziergang durchgängig am See entlang machen dürfen. Auch zur abgesagten Seeregulierung und dem Stopp nach so vielen Jahren der Planung hätte er ein paar Wörtchen zu sagen.

Gänseplage wäre ein Thema

Bei seiner gedanklichen Reise um den See müsste er natürlich in Tegernsee Halt machen und sich Aktualitäten wie Gänseplage sowie Renaturierung der Schwaighofbucht zur Brust nehmen. Die Themen Brauhaus, Guggemos und überhaupt die Bauerei in der Stadt wären Steilvorlagen für ihn als Fastenprediger.

Rottach-Egern? „Gaaaanz schwierig“ für den „Flickä“, der dann doch lieber seinen Blick nach Kreuth richtet. „Da gäbe es einiges zu sagen“, meint Oberlechner, dem spontan die Debatte um die Abschaffung des Bergsteigerbusses einfällt, „und das im Bergsteigerdorf“. Themen wie die ehemalige May-Klinik und natürlich die Pläne von Hotelier und Unternehmer Korbinian Kohler für das künftige Wildbad Kreuth wären Stoff genug zum Lästern.

Höxit, Huxit, Schexit

„Für Bad Wiessee tut es mir leid, dass letztes Jahr kein würdiges Ausscheiden von Peter Höß und seinem Vize Robert Huber gefeiert werden konnte“, sinniert Oberlechner. Also bleibe ihm nur das: „Ein Höxit für Höß, ein Huxit für Huber und – wenn wir schon dabei sind – ein Schexit für den Ex-Landrat Rzehak.“ Generell herrsche mit dem neuen Rathauschef Robert Kühn eine gewisse Funkstille aus Bad Wiessee – „steilvorlagenmäßig“. Wie gut, dass es aber brachliegende Grundstücke wie Jodbad und Strüngmann gibt sowie Fahrradschieber an der Seepromenade, über die er seine Meinung kundtun könnte. Dass der neue Badepark von den anderen Nachbargemeinden unterstützt wird, würde ihm natürlich auch Stoff liefern.

Die Tradition soll bleiben

Die Ausflugsflut im Sommer und Herbst 2020, die eine Ausbildung von Natur-Rangern zur Folge hatte, „und natürlich a bissal wos von der deutschen Organisation der Corona-Pandemie sowie die gesamte Genderei“ wären dankbare Themen für Oberlechner, der hofft, dass die Tradition von Starkbier und starken Sprüchen, die heuer pausieren muss, nicht in Vergessenheit gerät.

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