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Tegernseer Turnhalle: So ist die Lage wirklich

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Von: Klaus-Maria Mehr

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Flüchtling in Tegernseer Turnhalle
Bei der Arbeit: Sozialpädagogin Irene Gifthaler unterhält sich mit einem Asylbewerber in der Tegernseer Dreifachturnhalle. Dort sind aktuell 116 Flüchtlinge verschiedenster Nationen untergebracht. © Ralf Poeplau

Tegernsee - Prügelnde Asylbewerber, Attacken auf Polizisten, das alles in der Tegernseer Turnhalle. Gerät die Lage außer Kontrolle? Wir waren in der Turnhalle und haben nachgefragt.

Irene Gifthaler ist eine Frau klarer Worte. Muss sie auch sein. Ihr Arbeitgeber, der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch, betreut für das Landratsamt die Asylbewerber im Landkreis Miesbach. Allein Gifthaler hat die Verantwortung für 220 Asylbewerber in 13 Unterkünften. Der Job macht die Sozialpädagogin zur Expertin – und Realistin. Für unsere Zeitung beantwortet sie die drängendsten Fragen über die aktuelle Situation in der Tegernseer Dreifachturnhalle. 

Schläger-Attacke: Das sind die Folgen

Was den Vorfall von Dienstagabend angeht bestätigt Gifthaler die Schilderungen der Polizei Bad Wiessee. „Die Beiden kommen nicht zurück“, sagt die Sozialpädagogin über die an dem Streit beteiligten Senegalesen (20 und 28). „Wir versuchen, jetzt wieder Ruhe reinzubringen.“ Bei den Vorfällen handle es sich um Ausnahmen, bei den gewaltbereiten Männern um Einzeltäter. An dem Vorurteil, dass Straftaten, die Asylbewerber begehen, nicht geahndet werden, ist freilich nichts dran, genauso, wie bei vielen anderen Vorurteilen. Normalerweise sei die Atmosphäre in der Dreifachturnhalle sehr friedlich. „Sonst würde ich mich als Frau da auch nicht mehr hineintrauen.“ 

Trister Alltag: So wohnen die 116 Flüchtlinge.Verschiedenste Nationen, kaum Abwechslung

Turnhalle Flüchtlingsunterkunft in Tegernsee
Trister Alltag: So wohnen die 116 Flüchtlinge. © Ralf Poeplau

Verschiedenste Nationen, kaum Abwechslung

Dass kleinere Streitereien eskalieren, überrascht Gifthaler allerdings nicht. 116 Männer sind aktuell in der Turnhalle untergebracht. Zur Zeit muss der Landkreis wöchentlich 29 neue Flüchtlinge aufnehmen, viele davon kommen in die Dreifachturnhalle, da sie für bis zu 150 Menschen ausgelegt ist. Unter anderem handelt es sich um Männer aus Nigeria, Syrien, Pakistan, Kongo, Senegal, Mali und Somalia. „Die verschiedenen Nationen sind ein Problem. Selbst die Afrikaner können nicht untereinander kommunizieren.“ 

Bewegung macht den Unterschied

Mit dem Hintergrund der traumatisierenden Flucht und der ungewissen Zukunft, der die Asylbewerber entgegensehen, ist also genug Konfliktpotenzial gegeben. Die Ferien kommen noch dazu, da machen nämlich die Sportvereine Urlaub. So banal es klingt: Ein bisschen Bewegung wirkt Wunder. Man muss sich vorstellen, dass die Männer Tag für Tag in der Halle sitzen, zum Nichtstun verdammt, und auf ihr Schicksal wartend. „Der sportliche Ausgleich macht sehr viel aus“, sagt Gifthaler. Mehrere Vereine haben sich angeboten, die Asylbewerber mit auf ihre Plätze zu lassen. 

Neuer Sozialarbeiter ist Schwarzafrikaner

Zusätzlich kann der Verein Mensch zu Mensch inzwischen auf einen neuen Mitarbeiter zurückgreifen. Eddy Biyogho kommt aus Gabun in Schwarzafrika, spricht fließend Englisch, Französisch und perfekt Deutsch. Biyogho hat in Deutschland Soziale Arbeit studiert und kommt jetzt drei Mal die Woche in die Turnhalle. Und dann sind da auch noch die unzähligen Ehrenamtlichen. 

So viele Helfer wie noch nie

Man könnte meinen, die jüngsten Vorfälle würden freiwillige Helfer abschrecken. Nach dem Motto: Wer traut sich da noch rein? „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Gifthaler. Auch aufgrund des Aufrufs am Wochenende in unserer Zeitung melden sich fast täglich neue Helfer für die Tegernseer Unterkunft. „Mindestens drei bis vier pro Woche.“ Das erstaunt selbst die Sozialpädagogin. 

„Wir haben ein tolles Deutschkursangebot.“ Trotz der hohen Zahl von 116 Asylbewerbern kann jeder der Männer mehrmals die Woche Deutschkurse wahrnehmen, wenn er denn will. Das Gymnasium hat dafür eigens ein Klassenzimmer gestellt, der Rest lernt in der Halle selbst. 

Die vielen Helfer wollen koordiniert werden. Bis vor kurzem war das der Job von Eva Nentwich, die eine 450-Euro-Stelle für 20 Stunden pro Monat hatte, die bei der Nachbarschaftshilfe angesiedelt war. Sie war für den Helferkreis verantwortlich, der sich um die damals noch 30 Asylbewerber in der städtischen Turnhalle kümmerte. Aufgrund der neuen Situation gibt es die Stelle nicht mehr. Bei über 100 Flüchtlingen und unzähligen Helfern standen die 20 Stunden einfach in keinem Verhältnis mehr. Nentwich setzt sich dennoch weiterhin für die Asylbewerber Tegernsees ein – jetzt auf ehrenamtlicher Basis.

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