+
Wanderparadies Tegernsee – wandern die Zweitwohnungsbesitzer bald aus?

Wohnungsbesitzer legen Widerspruch ein

Gemeinden vs. Teilzeit-Tegernseer: Krieg um „Syltisierung“ des Tals eskaliert

  • schließen

Eine Wohnung am Tegernsee – wer wünscht sich das nicht? Den Gemeinden sind die vielen Zweitwohnungsbesitzer mittlerweile eher lästig - und sie lassen sie kräftig zahlen.

Tegernsee – Wilhelm Ammon aus Fürth besitzt seit 43 Jahren eine Ferienwohnung in Bad Wiessee. Eine Wohnung im Ferienparadies – wer würde da Nein sagen? Ammon indes überlegt, ob er seine Wohnung nicht lieber verkaufen sollte. Seine Familie fühle sich behandelt „wie Aussätzige“, sagt er. Grund ist die „total übertriebene“ (Ammon) Zweitwohnungssteuer.

Bis zum vergangenen Jahr wurde die 2005 durch den Bayerischen Landtag eingeführte Zweitwohnungssteuer nach einem Stufenmodell abgerechnet: Je höher die zu erzielende Nettokaltmiete, desto höher die Steuer. Doch Ende 2017 untersagte das Bundesverwaltungsgericht dieses Modell. Begründung: Die Staffelung sei an den Grenzen der einzelnen Stufen ungerecht – wer zum Beispiel eine Jahresmiete von 10.000 Euro zu erwarten hatte, der zahlte jährlich 900 Euro; bei 10.001 Euro indes waren es schon 1800 Euro.

Widerspruch gegen den Steuerbescheid

Gegen diese Ungerechtigkeit hatten Zweitwohnungsbesitzer in Bad Wiessee und Schliersee geklagt – doch ihr Erfolg erweist sich nun als teuer erkaufter Pyrrhussieg: Denn die Gemeinden sind nun dazu übergegangen, einen festen Prozentsatz der Nettokaltmiete zu verlangen – und der ist zumeist höher als der frühere Staffelbetrag. Ammon zum Beispiel zahlt jetzt nicht 900 Euro pro Jahr, sondern 1141 Euro. „Und dazu kommen noch die Kurkarten“, schimpft er. Gegen den Steuerbescheid hat er Widerspruch eingelegt.

Lesen Sie auch: Nach zu wenig Resonanz: Frist für Erbschaftssteuer-Petition verlängert

Dabei hat Ammon noch Glück, dass er sein Feriendomizil in Bad Wiessee hat – und nicht in Tegernsee. Dort werden pauschal 20 Prozent der Miete als Steuer veranschlagt, in Bad Wiessee und den anderen Tegernsee-Gemeinden nur zwölf Prozent. Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Zweitwohnungsbesitzer, die nach seiner Ansicht kostbaren Wohnraum für Einheimische okkupieren. Aus seiner Sicht „können sich viel zu viele Leute eine Zweitwohnung leisten“ – aktuell sind es 464 Zweitwohnungen bei einer Einwohnerzahl von 3600. Er warne vor einer „Syltisierung“ am Tegernsee, hatte Hagn im Stadtrat gesagt. 

Leere Immobilien am Tegernsee?

Das Schlagwort steht für eine Preisexplosion bei Immobilien, die dann über Monate leer stehen. Das will Hagn nicht. Im ganzen Landkreis fehle es an kleineren Wohnungen – eine Studie ergab einen Fehlbestand von 79 Prozent bei Einzimmerwohnungen. Daher sagt der Bürgermeister offen, dass er sich von der Steuer eine Steuerungswirkung erhofft. „Ich denke, dass wir sie in einigen Jahren noch nach oben anpassen müssen“ – 20 Prozent seien „erst der Anfang“.

Das Okay vom Bayerischen Gemeindetag hat er. „Die Rechtsprechung sagt eindeutig, dass bei einer Steuer eine gewisse Lenkungswirkung erlaubt ist“, erklärt der Steuerfachmann des Verbands, Georg Große Verspohl. Nur eine „erdrosselnde Wirkung ist nicht möglich“. Die Höchstgrenze in Deutschland liegt momentan bei 35 Prozent – diesen Steuersatz erhebt Baden-Baden von seinen Zweitwohnungseigentümern. Zwar gebe es „jede Menge Widersprüche“, sagt Bürgermeister Hagn, aber „unsere Satzung ist absolut wasserdicht“.

Lesen Sie auch: Deshalb richteten die Scheyerner Mönche eine Luftbrücke ein

Tegernsee ist – vielleicht bis jetzt – ein Sonderfall, nirgendwo sonst gibt es so viel Unmut. Dabei erheben rund 140 Gemeinden in Bayern die Zweitwohnungssteuer. Oberstdorf im Allgäu zum Beispiel hat bei knapp 10.000 Einwohnern rund 2000 Zweitwohnungen. Hier wird bisher nach Stufen abgerechnet, die Beträge reichen von 310 bis 1030 Euro jährlich. Eventuell werde das System umgestellt, heißt es. Garmisch-Partenkirchen mit seinen über 1600 Zweitwohnungen rechnet immer schon nach einem festen Prozentsatz ab – neun Prozent der Jahresrohmiete. Proteste sind nicht bekannt.

Dirk Walter

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Achtung: Glaslstraße in Rottach wird gesperrt
Die Glaslstraße in Rottach-Egern bekommt einen neuen Belag. Dafür muss die Straße allerdings bald komplett gesperrt werden, sofern das Wetter passt.
Achtung: Glaslstraße in Rottach wird gesperrt
Große Party mit viel Promi-Alarm: Das ist der neue Sternekoch am Tegernsee
Der neue Sternekoch am Tegernsee, Thomas Kellermann (47), soll vor allem für eins stehen: Heimat. Mit einer großen Party mit viel Prominenz wurde er nun in die Egerner …
Große Party mit viel Promi-Alarm: Das ist der neue Sternekoch am Tegernsee
Unser Tipp zur Fußball-WM: Experten vs. Redaktion - für 18. Juni
Wir starten in die zweite WM-Woche. Den Tipp des Tages haben heute Franz Leitner, Vereinswirt des SV Miesbach, und Merkur-Mitarbeiter Hans-Peter Koller.
Unser Tipp zur Fußball-WM: Experten vs. Redaktion - für 18. Juni
Am Oedberg: Testlauf für Wohnmobil-Stellplätze
Gibt es vielleicht bald offizielle Wohnmobil-Stellplätze in Gmund? Auf dem Freizeitgelände am Oedbeg wird zumindest ein Testlauf gestartet. Noch in diesem Sommer will …
Am Oedberg: Testlauf für Wohnmobil-Stellplätze

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.