Ludwig Thoma: 150. Geburtstag eines Widerspenstigen
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Ludwig Thoma hat Geburtstag. Ein Porträt.
Ludwig Thoma: 150. Geburtstag eines Widerspenstigen
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Lederhose und Gesteckpfeife: Diese Markenzeichen kultivierte der Förstersohn Ludwig Thoma. Das Radl war eher untypisch für ihn.
Großes Porträt über Ludwig Thoma: Zum 150. Geburtstag eines Widerspenstigen
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Die gute Stube auf der Tuften, reich dekoriert mit Jagdtrophäen: Hier lebte Ludwig Thoma.
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Derselbe Raum: Thoma (2. v.re.) mit Freunden. Rechts steht Zeichner Olaf Gulbransson, die zwei Personen links sind unbekannt.
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Thoma, gezeichnet von Olaf Gulbransson.
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Ludwig Thoma (li.) mit einer fidelen Gesellschaft am Tegernsee.
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Pfeife und Zwicker stets griffbereit: Blick auf Thomas Schreibtisch in seinem Tegernseer Haus.
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Erst im November 1915 zog Thoma offiziell von München nach Tegernsee um.

Zum 150. des gefallenen Star-Autors

Porträt über Ludwig Thoma: Geburtstag eines Widerspenstigen

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Eine unkritische Würdigung ist bei diesem Autor nicht möglich. Dafür war Ludwig Thoma zu böse - in vielerlei Hinsicht. Über die Wandlungen eines bayerischen Star-Autors.

Sein Ruf war bis 1989 untadelig, er war der Paradebayer schlechthin. Die „Lausbubengeschichten“, die Filser-Briefe, die Bauernromane – damit hatte sich Ludwig Thoma in die bayerischen Annalen eingeschrieben. Für immer, dachte man. Jahrelang verlieh die Stadt München, die Thomas Haus auf der Tuften in Tegernsee verwaltet, eine Ludwig-Thoma-Medaille an Künstler. Seit 1989 unterlässt man dies. In jenem Jahr nämlich veröffentlichte der Regensburger Historiker Wilhelm Volkert Thomas antisemitische Artikel, die er im „Miesbacher Anzeiger“ 1920 und 1921 geschrieben hatte. Thoma – der Judenhasser. Wumms, das saß. Mit einem Mal war der gefeierte Autor eine Persona non grata. Sicher nicht zu Unrecht. Die Zahl der Bühnen, die heute noch einen Ludwig Thoma ins Programm nimmt, ist seitdem rapide gesunken.

Nur langsam weicht das Entsetzen einem differenzierten Blick. Leben und Werk Thomas lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Der glänzende Satiriker des „Simplicissimus“, des Renommierblatts der Schwabinger Boheme, steht neben dem Autor von Dramen wie „Magdalena“, „Moral“ und „Die Medaille“.

Ludwig Thoma - Exklusiver Einblick in seine Hetzschriften

Der Verfasser der „Lausbubengeschichten“ ist derselbe, der 1920 über das „verjudete“ Berlin geifert. Die bösartig-humorvollen Filser-Briefe stehen neben den zarten Zeilen der „Heiligen Nacht“.

Lederhose und Gesteckpfeife: Diese Markenzeichen kultivierte der Förstersohn Ludwig Thoma. Das Radl war eher untypisch für ihn.

Und wie kam es, dass Thoma, am liebsten mit Lederhose und Gesteckpfeife unterwegs, die schönsten und mondänsten Frauen um sich scharte? Thoma war, da hat die Autorin Martha Schad Recht, ein „Weiberheld“. Wobei er sie vornehmlich anderen Männern ausspannte und die Sache damit etwas verkomplizierte. Marietta (Marion) de Rigardo war seine erste Flamme, und alt werden wollte er mit Marie (Maidi) Liebermann. Beide konnten mit der bäuerlichen Enklave des Autors auf der Tuften 12 in Tegernsee wenig anfangen. Das ließen sie den verschrobenen Hinterwäldler, der in Thoma steckte, auch deutlich wissen: „Wenn Du Deinen Kaffeepot nicht unterm Arm mitnehmen kannst und den ganzen Tag Pfeife suddeln, dann ist’s kein Leben für Dich!“

Aber natürlich, den weltgewandten Thoma, den gab es auch. Legendär ist seine Paris-Reise 1902 mit dem „Simplicissimus“-Verleger Albert Langen, die mit diversen amourösen Eskapaden verbunden ist. Eine Radtour führt ihn 1904 bis nach Spanien und Nordafrika. In Berlin kennt er sich aus. Aber am liebsten war er doch daheim. Die zentralen Lebensstationen verorten Thoma ganz in Oberbayern. Geboren am 21. Januar 1867 in Oberammergau, aufgewachsen in einem Forsthaus in Vorderriß, „schlagender“ Jura-Student in München, fünf Jahre Rechtsanwalt in Dachau.

Pfeife und Zwicker stets griffbereit: Blick auf Thomas Schreibtisch in seinem Tegernseer Haus.

In dieser Lebensphase beginnt er die Schriftstellerei – „Agricola. Bauerngeschichten“ ist sein Erstling, die bäuerliche Welt und der Kampf gegen stumpfsinnige Bürokraten, Juristen und „Pfaffen“ eines seiner Lebensthemen. Es folgen „Andreas Vöst“ und „Der Ruepp“, beide 1979 vom Bayerischen Rundfunk mit einem Staraufgebot (Karl Obermayr und Jörg Hube in den Hauptrollen) verfilmt. So entsteht, zusammen mit den „Lausbubengeschichten“, ein Bild von Ludwig Thoma als Ironiker und Humorist. Es ist die eine, die gute Seite des Ludwig Thoma.

Umfrage: Das sagt das Tegernseeer Tal über Ludwig Thoma

Seit 1898 wird er gefeierter „Simplicissimus“-Autor in München, ab 1900 ist er dort verantwortlicher Redakteur. Seinen beißenden Spott auf den Klerus, ein Markenzeichen Thomas, muss er büßen: Er wird mehrmals angeklagt, zunächst freigesprochen, am 26. Juni 1905 für sein Gedicht „An die Sittlichkeitsprediger zu Köln am Rheine“ jedoch zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, die er in München-Stadelheim verbüßt.

Es kommt der Erste Weltkrieg, es geht der linksliberal getönte Ludwig Thoma. „Der Simpl treibt’s aber auch arg“, stöhnt am 15. August 1914, also wenige Wochen nach Kriegsbeginn, der Schriftsteller Erich Mühsam. „Und immer der haltloseste Hurrapatriotismus, in dem sich Ludwig Thoma, der große Spötter, am lautesten jetzt hervortut.“ Der Fürstenfeldbrucker Kulturreferent Klaus Wollenberg hat 2015 weitere Details zu der Wandlung Thomas im Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Schon bevor Thoma am 14. September 1917 den Gründungsaufruf für den bayerischen Landesverband der scharf nationalistischen „Deutschen Vaterlandspartei“ unterzeichnete, zeigte sich in Briefen seine neue Ausrichtung. Er setzte sich beim bayerischen Kriegsministerium für die Rückkehr des „Simplicissimus“-Zeichners Karl Arnold ein, der im französischen Lille Kriegszeichner geworden war. „Mit Arnold“, so schrieb Thoma, „will ich die beste Propaganda machen, die im Interesse des Ganzen notwendig ist.“

So weit war es mit Ludwig Thoma also gekommen – derjenige, der im „Simplicissimus“ noch vor 1914 über Kaiser und Kirche beißend gespottet hatte, wollte sich jetzt für die nationale Sache einsetzen. Dazwischen steht als einsame Schönheit Thomas vor nunmehr hundert Jahren, mitten im Krieg, veröffentlichte, sozialkritisch gefärbte „Heilige Nacht“ – „Im Wald is so staad, alle Weg san vawaht ...“.

Erst im November 1915 zog Thoma offiziell von München nach Tegernsee um.

Doch war es überhaupt eine Wandlung? Der Autor Michael Skasa hielt die Annahme, Thoma sei in der Kaiserzeit linkskritisch und kämpferisch liberal gewesen, schon 1992 für ein „Missverständnis, dem selbst Karl Kraus und Tucholsky lange unterlagen“. Und in der Tat gibt es Ausrutscher schon vor dem Krieg: In Dachau arrangierte er 1896 eine 25-Jahres-Feier zum Sieg von 1871 und lieferte die schwülstige nationale Rede. Auch im „Simplicissimus“ wütete er 1899 reaktionär gegen politisierende Frauen („taugen nichts im Hause, nichts im Bett“) – eine Frauenrechtlerin war für ihn eine „gebildete, blutlose Emanze“, Rosa Luxemburg „hat sicherlich – was gilt die Wette? – mehr als ein Loch in ihren woll’nen Strümpfen“. Überhaupt war der „Simplicissimus“ von gelegentlichem Antisemitismus nicht frei. Doch angesichts von über 800 Beiträgen, die Thoma für den „Simplicissimus“ verfasste (teils unter dem Pseudonym Peter Schlemihl), sind solche Aussetzer eher selten.

Hingegen kein Versehen, sondern Methode, hatte das, was Ludwig Thoma ab dem 15. Juli 1920 im „Miesbacher Anzeiger“ von sich gab. Am Tegernsee war Thoma verwurzelt. Seit 1908 war er dort auf der Tuften in einem stattlichen Neubau (450 Quadratmeter Wohnfläche und ein Tennisplatz) heimisch. Ein idyllischer Rückzugsort für einen Erfolgsschriftsteller. Für die lokale Zeitung hatte Thoma schon ab 1901 gelegentlich geschrieben – sechs Beiträge sind bekannt. Weltkriegs-Niederlage und Revolution verbitterten ihn. Ab 1920 sudelte er, was das Zeug hielt. Gegen Juden, gegen Demokraten, gegen die Weimarer Republik im Ganzen: „Das Affenwerk von Weimar verachten wir.“ Da wurde es sogar seiner Geliebten Maidie von Liebermann zu bunt. „Schreib für eine anständige Zeitung“, bat sie ihn flehentlich, versah die Rüge aber doch mit dem Abschiedsgruß: „Komm nur, dann fängst du Watschen und Kussis, Deine Maidie.“

Thomas rechtsextreme Ausfälle waren im Übrigen so geheim nicht. Wer es wissen wollte, der wusste es. Der Münchner Rechtsanwalt Max Hirschberg etwa, ein in die USA geflohener Jude, schrieb in seinen in den 1950er-Jahren entstandenen Lebenserinnerungen: „Scharfe Satiren veröffentlichte dort (im „Simplicissimus“, d. Red.) der begabte Ludwig Thoma, der später an nationalistischer Herzverfettung einging.“ Noch deutlicher wurde der Revolutionär Erich Mühsam, der 1921 als Häftling in der Festung Niederschönenfeld einsaß: Ludwig Thoma sei „bereit, jeden Mord gutzuheißen“. In Lion Feuchtwangers „Erfolg“ wird Thoma 1930 in der bösartigen Figur des Dr. Matthäi verarbeitet.

Der späte Thoma geht ganz in seiner Tegernseer Welt auf. Jagd, Wirtshaus, konservative Kreise. Mit Ludwig Ganghofer ist er befreundet, mit Bayerns reaktionären Ministerpräsidenten Gustav von Kahr ebenso. Noch am 27. Juli 1921 besucht ihn der Weltkriegs-General Erich Ludendorff auf der Tuften.

Da war Ludwig Thoma schon schwer krank. Einen Tag vorher hatte er sich in München untersuchen lassen – der Arzt Prof. Boehm riet dringend zu einer Magen-Operation. Am 6. August liegt Thoma in München unterm Messer. Die OP ergibt Magenkrebs im Endstadium. Dem Sterbenden wird die Wahrheit nicht gesagt. Ein Freund, Hans Maier, Kultur-Redakteur bei der „Münchener Zeitung“, fährt ihn am 24. August heim.

Zwei Tage später, abends um halb zehn, stirbt Ludwig Thoma. Er wurde nur 54 Jahre alt. Nur widerwillig und nach Rücksprache mit dem Erzbistum in München lässt der örtliche Pfarrer, der ja von Thomas Hass auf die „Pfaffen“ wusste, eine kirchliche Bestattung zu.

Thoma-Symposium

Zum 150. Geburtstag von Ludwig Thoma gibt es am Tegernsee ein großes Symposium, das der Journalist FranzJosef Rigo organisiert hat. Am Samstag referieren sechs Wissenschaftler über Themen wie Thoma und die Frauen, Thoma als München-Dichter oder Thoma und die Zeitschrift „März“. Beginn ist um 10 Uhr im Ludwig-ThomaSaal (Rosenstraße 5) in Tegernsee. Am Sonntag gibt es  ab 11 Uhr eine Matinee mit Gerhard Polt, er ist Träger der Ludwig-Thoma-Medaille. Achtung: Diese Veranstaltung findet im Seeforum in Rottach-Egern statt. Karten für die Veranstaltungen kosten jeweils zehn Euro.

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