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Die verschiedenen Seiten Thomas: Der bekannte Fischbachauer Schauspieler Matthias Ransberger liest bei der Tegernseer Woche Bekanntes und Unbekanntes. 

Thoma-Jahr

„Heimat ist etwas Lebendiges“

Der selten gehörte Thoma: Nachmittags-Lesung  mit Matthias Ransberger auf der Tuften.

Tegernsee– 150 Jahre Ludwig Thoma: Anlässlich seines Geburtstags im Januar suchte man auch hier in der Region einen neuen Zugang zum weltbekannten, aber teils auch verpönten Heimatdichter aus Tegernsee. Damals wurde auch die Forderung laut, Thoma als Kronzeuge der Autofiktion und seinen Rang als Romancier des Naturalismus süddeutscher Prägung zu würdigen. Im Rahmen der Tegernseer Woche widmet morgen, Samstag, der 36-jährige Schauspieler Matthias Ransberger aus Fischbachau, der inzwischen in Unterhaching lebt, Thoma eine musikalische Lesung in dessen Haus auf der Tuften. Ransberger ist bekannt von Fernsehsendungen wie etwa „Sturm der Liebe“, „Polizeiruf 110“, „Eine ganz heiße Nummer“, „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, und aus den Hörbüchern „Pirat oder Seeräuber sterben nie“ sowie „Drei Freunde, ein Taxi, kein Plan, aber einmal um die Welt“, die beide auf der Hörbuch-Bestseller-Liste landeten.

Herr Ransberger, was werden Sie am Samstag lesen?

Einerseits Dinge, die man kennt und liebt, beispielsweise aus den „Lausbubengeschichten“ und der „Tante Frieda“. Aber auch aus dem Sozialroman „Ruepp“ als dramatischeres Werk. Und schließlich – um den Zuhörern was Besonderes zu bieten – Texte, die fast noch niemand gehört hat. Das sind Kurzgeschichten und Erzählungen, die vermitteln, dass Thoma es beherrschte, den Menschen aufs Maul zu schauen und bei denen man andererseits ein Gespür davon bekommt, wer er selber war oder auch wie er sich selbst – und das durchaus mit einem Augenzwinkern – gesehen hat. Kurz: Es wird ein Ausschnitt seiner Kunst und aus seinen verschiedenen Schaffensphasen sein. Aber mehr verrate ich jetzt nicht.

Wie ist denn Ihr Zugang zu Thoma?

Zu Thoma kam ich, weil Birgit Halmbacher von der Tegernseer Woche mich nach einer anderen Lesung, einer mit Texten von Jo Hanns Rösler im Rösler-Haus in Fischbachau, angesprochen und direkt danach gefragt hat. Freilich besteht durch die Sprache der lokale Bezug zu den Heimatdichtern. Aber die Thoma-Lesung entsteht speziell für diesen Abend.

Und nach welchen Kriterien haben Sie die Texte ausgewählt?

In erster Linie über die Texte selbst. Nicht über den Bezug zur Stadt oder gar über politische Aussagen.

Wurden Sie durch die Jubiläumsdiskussion im Januar oder vielleicht auch durch die vergangenen Monate, in denen der Begriff Heimat fast schon wieder identitätsstiftend gebraucht wurde, beeinflusst?

Nein. Es wäre ebenso falsch, Heimatverbundenheit zu verklären, wie Thoma und sein Werk in die Jauchegrube der Geschichte zu kippen. Neben dem Text ist für mich der biografische Hintergrund ebenfalls von Interesse. Ich finde, Thoma ist interessanter geworden, dadurch, dass man seine beiden Seiten kennt. Er war in erster Linie ein schwieriger Mensch – sowohl als „linker Monarchist“ als auch am Ende seines Lebens, als er diese rechten Hetzartikel verfasste. Um seine Entwicklung zu verstehen, sollte man weder die Keule des Zeitgeistes schwingen, noch nach biografischen Ausreden suchen. Nach Erklärungen aber schon. Gerade da sind seine Texte mit diesem gewissen Augenzwinkern, von dem ich vorhin gesprochen habe, spannend. Und was die Heimatverbundenheit angeht: Die kommt nicht daher, dass man sich ein schönes Haus am See baut, sondern indem man eingebettet ist in eine Gemeinschaft. Das wusste auch Thoma, eigentlich. Aus seinem Schicksal kann man vielleicht für heute schließen: Heimat funktioniert nicht durch Abschottung, Heimat ist etwas Lebendiges, mit dem man inklusiv umgehen sollte.

Was macht das Format Lesung, das bisher ja doch ein antiquiertes Image hatte, für Sie attraktiv?

Eine Lesung ist nicht einfach. Sie macht einerseits im Vorfeld viel Arbeit, wenn man die richtigen Texte, die bestenfalls auch aktuelle und witzige Bezüge haben, auswählen und zusammenstellen muss. Andererseits kann nicht jeder so lange Bögen denken und sprechen. Mir macht Vorlesen schon seit der vierten Klasse Spaß, seit ich damals einen Lesewettbewerb gewonnen habe. Ich würde das Format also lieber mit vintage als antiquiert beschreiben: uralt, aber immer modern – statt alt und überholt.

Thoma ist mehr als seine „Heilige Nacht“. Was denken Sie, warum wird die so strapaziert? Und könnten Sie sich eine Lesung der „Heiligen Nacht“ vorstellen?

Auf jeden Fall. Allein schon aus Ehrgeiz und als Verbeugung gegenüber meiner Oma, die die „Heilige Nacht“ zweimal in der Fischbachauer Kirche aufgeführt hat. Ich habe das noch bis heute im Ohr. Durch sie ist mir die altbairische Sprache nah. Und wenn man die „Heilige Nacht“ genau betrachtet, sieht man, dass Thoma fast schon eine Kunstsprache verwendet, die die Geschichte universaler macht und durch die man sie sich gleichzeitig passend macht. Durch die Dichtung und deren Melodie bekommt das Werk eine Wucht und Eigenheit. Deshalb ist und bleibt die „Heilige Nacht“ aufführungswürdig.

Die Lesung

mit Matthias Ransberger findet am morgigen Samstag um 15 Uhr im Thoma-Haus auf der Tuften statt. Es gibt noch Karten zu 15 Euro in allen Tourist-Infos am Tegernsee, auf www. tegernsee.com/webshop und an der Abendkasse.

Alexandra Korimorth

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