Außergewöhnlicher neuer Bestandteil in der ehemaligen Klosterkirche St. Quirinus: der Beichtstuhl aus halbrund angeordneten Kalksteinen. Monsignore Walter Waldschütz hofft auf baldige Einweihung.
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Außergewöhnlicher neuer Bestandteil in der ehemaligen Klosterkirche St. Quirinus: der Beichtstuhl aus halbrund angeordneten Kalksteinen. Monsignore Walter Waldschütz hofft auf baldige Einweihung.

Außergewöhnliches Bauwerk

In der Tegernseer Pfarrkirche: Ein Beichtstuhl mit „Wohnzimmer-Charakter“

  • Gerti Reichl
    vonGerti Reichl
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In der Pfarrkirche St. Quirinus in Tegernsee ist ein außergewöhnlicher Beichtstuhl entstanden. Hier können die Gläubigen beichten in Wohnzimmer-Atmosphäre. Leicht war es nicht, den Bau durchzusetzen.

  • Die Pfarrkirche in Tegernsee hat einen neuen - außergewöhnlichen - Beichtstuhl bekommen
  • Pfarrer Waldschütz nennt es einen Beichtstuhl mit „Wohnzimmer-Charakter“
  • Das Bauwerk wurde gegen viele Widerstände durchgesetzt

Tegernsee – Monsignore Walter Waldschütz legt die Hand an den warmen beigen Kalkstein und zieht einen der zusammengefalteten Zettel heraus, die ringsum in den Schlitzen stecken. Sorgen, Nöte und Bitten abladen; einen positiven Mitwisser suchen; jemanden haben, der für einen betet – das hat Tradition in der katholischen Pfarrkirche Tegernsee, einer der bedeutendsten Kirchenbauten Oberbayerns und bis 1803 Klosterkirche der ehemaligen Benediktinerabtei. „Im Sommer finden wir durchschnittlich 300 bis 400 solcher Zettel vor, bis Ostern sind es drei Säcke voll“, sagt Waldschütz und berichtet von den Ziegelsteinen, die das Pastoralteam anfangs dort aufbaute, wo bis zur jüngsten Kirchenrenovierung zwischen 1998 und 2004 ein barocker Beichtstuhl stand und der Platz zuletzt leer war. „Jetzt, wo sich immer mehr Leute von der Kirche verabschieden, brauchen wir solch niederschwellige Angebote und Heil bringende Rituale“, findet der Geistliche. „Wenn wir das nicht schaffen in Tegernsee, wo viele Jahrhunderte gebetet wurde und von wo der Glaube ausging, wo dann?“

Kampf um außergewöhnlichen Beichtstuhl dauerte zehn Jahre

Ziegelsteine und Zettel – „die Klagemauer als Urbeispiel“, sinniert Waldschütz und berichtet von seinem dann folgenden Kampf durch alle Instanzen und Behördenzimmer für einen neuen Beichtstuhl. Zehn Jahre sollte er dauern.

Es war die Idee des Münchner Architekten Martin Spaenle und seines Mitarbeiters Marian Brekalo, den Klagemauer-Gedanken mit „Marchinger“ Jura-Kalkstein von der Donau umzusetzen. Dass sie damit zunächst bei Denkmalschützern auf Granit bissen, war wegen des außergewöhnlichen Stils vorprogrammiert. „Letztlich konnten wir aber alle Beteiligten überzeugen“, resümiert der Münchner Architekt, der sich einen Münchner Steinmetz und das ebenfalls aus der Landeshauptstadt stammende Künstler-Duo „Empfangshalle“ mit Corbinian Böhm und Michael Gruber zur Seite holte.

Gemeinsam entwickelten sie einen Beichtstuhl, der in die drei Meter breite und 1,30 Meter tiefe Nische passt, ohne weder baulich noch optisch vorhandene Kirchenkunst zu verdrängen. Stuck gibt im Hintergrund den Rahmen vor, die Figur des Barmherzigen Jesus, einem Sinnbild der Beichte, wurde so an der Wand platziert, dass sie dem Betrachter – gewollt oder nicht – in die Augen schaut. Der sanfte Schwung der ungleichen und doch harmonisch wirkenden Steinquader und die damit verbundene Optik setzen sich im Inneren fort.

Beheizter Boden und geschwungene Sitzgelegenheit

Wer einen herkömmlichen Beichtstuhl erwartet, in dem Gläubige schon allein beim Betreten Buße tun, der irrt gewaltig: Hellbrauner Filz schmiegt sich über den beheizten Boden, über die wärmende Rückwand und die geschwungene Sitzgelegenheit, auf der man Platz nimmt. Auf Wunsch klappt man ein Trennelement aus der Wand, ehe man das Gespräch mit dem Seelsorger sucht und seinen Worten und Gedanken freien Lauf lässt.

Lesen Sie hier: Pfarrkirche Tegernsee: Kommt ein Fluchtweg durch den Beichtstuhl?

„Nicht nur wegen der Optik, sondern auch, um die Akustik zu dämmen, haben wir den Filz gewählt“, berichtet Architekt Spaenle. Ein durchsichtiger, gewölbter „Himmel“ aus Plexiglas, in dem sich bei sanftem Licht die Struktur der Steine spiegelt, schirmt Geräusche ab und sorgt dafür, dass nichts der Vier-Augen-Gespräche nach außen dringt.

Dass die komplette Konstruktion auf Nussbaumholz-Bohlen ruht, sei ein Tribut an die Denkmalschützer, berichtet Spaenle. „Sollte irgendwann einmal jemand auf die Idee kommen, dieser Beichtstuhl passe doch nicht in diese Kirche, dann kann er entfernt werden, ohne Boden und Stuck zu verletzen.“

Neuer Beichtstuhl wird rund 100.000 Euro kosten

Rund 100.000 Euro wird der Beichtstuhl mit „Wohnzimmer-Charakter“ (Waldschütz) am Ende kosten. Den Großteil übernimmt die Diözese, 30.000 Euro muss die Tegernseer Kirchenverwaltung, die gerade die Orgelsanierung stemmen musste und weitere Brandschutzmaßnahmen im Nacken hat, selbst aufbringen.

Wann der neue Ort zur Beichte sowie für seelsorgerische Gespräche zur Verfügung steht, ist wegen Corona noch offen. Waldschütz holt sich derzeit noch fachlichen Rat ein wegen der Raumklima- und Lüftungsbestimmungen. Dass der Beichtstuhl endlich zur Verfügung steht, hält er für dringend notwendig. Die Zettel, die er dieser Tage schon aus den Schlitzen zwischen dem Kalkstein zieht, geben ihm Recht.

gr

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