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Auf dem Gelände an der Perronstraße stand mal das Erholungsheim der Unicredit. 

Interessengemeinschaft kritisiert Pläne in Tegernsee-Süd

Perronstraße: Neue Kritik an Klinik-Plänen 

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In Tegernsee-Süd an der Perronstraße will Klaus Dieter Burkhart, Chef des Deutschen Zentrums für Frischzellentherapie, ein Sanatorium und eine Klinik bauen. Die Kritik an seinen Plänen wächst.

Tegernsee – Im August 2016 hatte Klaus Dieter Burkhart (61) dem Tegernseer Stadtrat seine Pläne präsentiert und zusammen mit einem einstimmigen Grundsatzbeschluss ordentlich Rückenwind erfahren. Burkhart möchte das 1,5 Hektar große Areal, das er der Unicredit abgekauft hat, mit einem dreiteiligen Ensemble bebauen: Im hinteren Bereich will er selbst ein Sanatorium errichten und dort seine Zelltherapie anbieten, entlang der Perronstraße und im unteren Bereich sollen zwei mehrstöckige Bauten als Klinik genutzt werden. Insgesamt 121 Klinikzimmer, sieben Wohnungen für Mitarbeiter, eine Tiefgarage mit 59 Stellplätzen sowie 26 oberirdische Parkplätze sind vorgesehen. Die Stadt treibt seither den Bebauungsplan voran und ist gerade dabei, sämtliche Stellungnahmen auszuwerten und abzuwägen. „Wir nehmen uns dafür alle Zeit der Welt“, sagt Bürgermeister Johannes Hagn (CSU), was die Tatsache erklärt, dass das Projekt zuletzt im April öffentlich behandelt wurde. „Die Abwägungen müssen rechtssicher sein, sonst würde das ganze Verfahren wieder neu beginnen“, erklärt der Bürgermeister.

Die Klinikgebäude (vorne und r.) sowie der Sanatoriums-Komplex (angedeutet im Hintergrund).

Inzwischen wird immer mehr Kritik laut. Die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) gab bereits eine vernichtende Stellungnahme ab und wetterte: „Schlimmer geht’s nimmer.“ Die Baumasse und eine Versiegelung des Grundstücks mit bis zu 70 Prozent sei nicht mehr verträglich. Mit den drei gekrümmten Baukörpern, die im Tal keine Tradition hätten, versuche man lediglich, die Baumasse kleiner aussehen zu lassen. Auch in der Nachbargemeinde Rottach-Egern stoßen die Pläne auf Kritik: „Unglaublich massiv und sehr bedauerlich“, hieß es im Gemeinderat. Die Versiegelung, die niedrige Zahl an Personalwohnungen, zu wenig Parkplätze und die fehlende Abbiegespur stehen dort im Fokus der Kritik.

„Planung hat erhebliche Mängel“

Auch die Interessengemeinschaft Perronstraße, die schon gegen die Pläne des a-ja-Konzerns protestiert hatte, bezieht ausführlich Stellung. Nach Informationen unserer Redaktion liegt der Stadt inzwischen eine 13-seitige Stellungnahme vor. Man habe ein direktes Gespräch gesucht, „doch der Investor hat das leider abgelehnt“, so Anwalt Bernhard Schex, der die Interessengemeinschaft vertritt. Grundsätzlich seien die Nachbarn an einer funktionierenden und nachhaltigen Planung interessiert, so Schex. Doch diese Planung leide an „erheblichen Mängeln und gehe von unrealistischen Annahmen aus“. Der aktuell gültige Bebauungsplan sehe schon eine Versechsfachung des mittlerweile abgerissenen Bestands vor. Burkhart würde dieses Bauvolumen um 50 Prozent steigern.

„Fehlerhaftes Verkehrskonzept“

Vier Punkte rückt die Interessengemeinschaft in den Mittelpunkt ihrer Kritik: Erstens würde die unzureichende Zahl an Parkplätzen eine chaotische Situation in der Nachbarschaft zur Folge haben. So will der Investor mit 85 Plätzen auskommen, bei a-ja seien es immerhin 163 gewesen. Zweitens sei das Verkehrskonzept, das eine Verkehrsführung über die Perronstraße vorsieht und auf eine Linksabbiegespur von der Schwaighofstraße verzichtet, „fehlerbehaftet, rechtswidrig und unschlüssig.“ Selbst a-ja habe mit einer Linksabbiegespur geplant. Drittens seien das Bauvolumen, die Gestaltung und die Anordnung der Bauten weder mit dem Ortsbild noch mit der nachbarschaftlichen Rücksichtnahme vereinbar. Zuletzt wird kritisiert, dass zum einen die Zukunft der Frischzellentherapie höchst ungewiss sei, und dass zum anderen ein Betreiber der Klinik noch nicht feststehe. Dr. Martin Marianowicz, Inhaber der Wiesseer Privatklinik Jägerwinkel, war abgesprungen.

„Die vorliegende Planung bedeutet eine wesentliche Verschlechterung gegenüber dem zweiten Planentwurf von a-ja, der letztlich zurückgezogen wurde“, heißt es in der Stellungnahme zusammenfassend. „Wir hoffen, die Stadträte werden dies erkennen und eine schlüssigere Planung verlangen.“

Wann das Thema Perronstraße wieder im Stadtrat aufschlagen wird, ist offen. Burkhart will sich auf Nachfrage nicht weiter äußern. Weder zu seinen Bauplänen, noch zur Frage, ob schon ein Betreiber für die Klinik feststehe. Er beteuert lediglich: „Den Betreiber zu finden, ist kein Problem.“ Im Übrigen gehe „alles seinen Gang.“

Das sagen Behörden zum Thema Frischzellen

Was passiert mit dem Sanatorium, wenn eines Tages eine neue Nutzung nötig wäre. Dieser Fall könnte nach Ansicht der Interessengemeinschaft Perronstraße durchaus eintreten, da die Zukunft der Frischzellen-Therapie höchst ungewiss sei. 

Unsere Redaktion hat dazu beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nachgefragt. In seiner Antwort verweist das Institut auf die Zusammenfassung eines Gutachtens zur parenteralen Anwendung von Frischzellen und xenogenen Organextrakten beim Menschen vom 29. August 2016. Darin heißt es im Ergebnis: „Für die Herstellung und parenterale Anwendung von Frischzellen und xenogenen Organextrakten in Deutschland wird die Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit wissenschaftlich als nicht belegt angesehen. Die Injektion von Frischzellen und xenogenen Organextrakten, die nicht behördlich als Arzneimittel zugelassen sind, würden ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen. „Gegenüber dem fehlenden, nicht erwiesenen Nutzen, überwiegen die möglichen schädlichen Wirkungen. Diese Arzneimittel sind deshalb als bedenklich anzusehen.“ 

Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege erklärt schriftlich auf Nachfrage, dass Bayern schon immer aus Gründen der Patientensicherheit und eines deutschlandweit einheitlichen Vollzugs klare und strenge Vorschriften zu Frischzellen gefordert und daher auch eine entsprechende Bundesratsinitiative vom 22. April 2016 unterstützt habe. Für eine solche Regelung sei jedoch der Bund zuständig, der die Bundesratsinitiative bislang noch nicht umgesetzt habe. Frischzellzubereitungen seien in der Regel xenogene Arzneimittel, also Arzneimittel, die lebende tierische Gewebe oder Zellen sind oder diese enthalten. Dafür sei eine Herstellungserlaubnis nötig. Diese werde von den örtlichen Behörden erteilt. 

Hergestellt werden die Zell-Extrakte im Fall Burkhart im Frischzellenzentrum in Bad Tölz. Etwa 20 Tiere, so Burkharts Angaben, sterben jährlich für die Gewinnung des Extrakts. Die eigene Schafherde grast bei Schloss Elmau bei Garmisch. Mangels geeigneter Hotels vor Ort, werden die Patienten – darunter viele Gäste aus China und Russland – aber meist am Tegernsee untergebracht, etwa im Hotel Egerner Höfe. Das Umfeld am Tegernsee passe einfach besser, so Burkhart. Den Standort im Hotel möchte Burkhart aufgeben, daher solle sein Sanatorium in Tegernsee-Süd entstehen.

 In der Kurstadt Bad Tölz scheint sich die Begeisterung über Burkhart inzwischen in Grenzen zu halten. Schließlich hatte man mit dem Bau des Frischzellenzentrums im Badeteil auch auf einen Impuls für den Tölzer Tourismus gehofft. Doch der war bislang ausgeblieben.

gr

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