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Applaus für Joe Kaeser: Vor Gästen des Bezirks Oberland des Wirtschaftsbeirats (in der Mitte Co-Vorsitzende Kornelia Kneissl) spricht der Siemens-Chef über Unternehmen im globalen Wettbewerb.

Joe Kaeser beim Wirtschaftsbeirat am Tegernsee

Siemens-Chef fordert Menschlichkeit

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In Tegernsee hat Siemens-Chef Joe Kaeser (62) Einblick in sein unternehmerisches Handeln gegeben – mit überraschenden Aussagen.

Tegernsee – Das Tegernseer Tal ist nicht arm an prominenten Gästen, und doch ist dieser Besuch ein kleiner Coup. Immerhin sitzt an diesem Montagabend der Chef eines der weltweit größten Technologie-Unternehmen im Hotel Das Tegernsee – um mit dem Bezirk Oberland des Wirtschaftsbeirats Bayern über die Soziale Marktwirtschaft zu diskutieren. Als „Dinosaurier im positiven Sinne“ stellt ihn gewohnt keck Bezirksvorsitzender Anton Stetter vor. Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, agiere in einer Zeit, in der an „charismatischen Industrieführern nicht gerade ein Gedränge herrscht“.

Der Dinosaurier lässt es langsam angehen, spricht zu Beginn seines Impulsvortrags über „eine Zeit mit gewaltigen Umbrüchen“ und „Herausforderungen, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr hatten“. Dann wird der 62-Jährige konkret und definiert die in seinen Augen fünf größten Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft: der rasante Anstieg des Populismus, die globale Migration, der Klimawandel, die disruptive Kraft neuer Technologien sowie der Opportunismus und das kurzfristige Denken in Unternehmen.

„Der Kapitalismus ist zu weit gegangen“

Was tun dagegen? Der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft nicht zuletzt durch die Digitalisierung setzt Kaeser die Idee eines „inklusiven Kapitalismus“ entgegen. „Der Kapitalismus ist die Methode der Wahl, aber er ist zu weit gegangen“, findet der gebürtige Niederbayer, der seit 2013 an der Spitze des international agierenden Siemens-Konzerns steht. „Er darf nicht weiter spalten.“ Unternehmen seien deshalb gefordert, zu den Besten ihrer Branche zu gehören und dann ihren Mitarbeitern und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. „Nur wer hat, kann auch geben“, sagt Kaeser und nennt als Beispiel das Dampfturbinenwerk im sächsischen Görlitz, das Siemens entgegen ursprünglicher Pläne nun doch nicht schließt, sondern zum Wasserstoff-Kompetenzzentrum umbaut: „Ein Unternehmen, das 6,5 Milliarden Euro im Jahr verdient, kann auch mal Menschlichkeit zeigen.“

Innovation und Bildung als Schlüssel

Als Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit definiert Kaeser Innovation und Bildung. Letztere sei alternativlos, insbesondere auch im Handwerk. „Dem Handwerk wird die Digitalisierung am wenigsten anhaben können, sie ist die Zukunftsbranche in der digitalen Welt“, prophezeit der Spitzenmanager bei seinem Besuch am Tegernsee. „Wir müssen es deshalb wieder so etablieren wie früher zu Zeiten des Wirtschaftswunders.“ Kaeser schlägt damit den Bogen zurück zu Ludwig Erhards Idee der Sozialen Marktwirtschaft und zur Frage, ob sie noch zeitgemäß ist. „Wahrscheinlich nicht mehr, was den Wohlstand für alle angeht“, philosophiert er. „Wir brauchen aber Würde für alle.“

„Auf europäischer Ebene besser werden“

Im anschließenden Podiumsgespräch mit der CSU-Europaabgeordneten Angelika Niebler und Landtagspräsidentin Ilse Aigner geht es schließlich auch um den Welthandel. Kaeser hält eine gemeinsame Außen- und Wirtschaftspolitik der Europäischen Union für unerlässlich. „Heute sind wir zwischen den Machtblöcken USA und China nur taktisches Beiwerk“, konstatiert der 62-Jährige. „Um auf Augenhöhe agieren zu können, müssen wir auf europäischer Ebene besser werden. So lange wir uns auseinanderdividieren lassen, haben die anderen Schlaraffenland.“ Niebler, die auch Präsidentin des Wirtschaftsbeirats Bayern ist, pflichtet dem Siemens-Chef bei: „Wir müssen zusammenhalten, sonst fliegt der Laden auseinander.“

sh

Lesen Sie auch: Das hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier zuletzt beim Wirtschaftsbeirat zu sagen.

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