+
„Tegernseer Bauernbühne“: Das Bild dürfte vor 1922 aufgenommen sein. Es zeigt (mittlere Reihe, sitzend ab 2.v.r.) Gründer Hans Lindner und seine Frau Adele . 1922 übergaben sie die Leitung an Sohn Otto Hans. 

Jubiläum auf der Bühne

  • schließen

Das Tegernseer Volkstheater feiert Jubiläum: Die Bühne wird heuer 120 Jahre alt. Ein Blick auf die lange Tradition – und die bevorstehende Festwoche.

Tegernsee – 120 Jahre Tegernseer Volkstheater: Das feiert die älteste private Profibühne Deutschlands über das Jahr hinweg ausgiebig mit vier neuen Inszenierungen. Ab dem kommenden Wochenende darf das Publikum bei einer Festwoche mitfeiern.

Die Festwoche

Die Vollblut-Theater-Familie Kern und ihr Ensemble feiern das Jubiläum – natürlich – auf jenen Brettern, die ihnen die Welt bedeuten. Von Freitag, 24. August, bis Sonntag, 2. September, steht das Tegernseer Volkstheater um Leiter Andreas Kern täglich im Stammhaus, dem Ludwig-Thoma-Saal in der Tegernseer Rosenstraße, auf der Bühne. Zu sehen gibt es die erfolgreichsten und beliebtesten Stücke der zurückliegenden und aktuellen Spielzeit, die obendrein die enorme Bandbreite des Tegernseer Volkstheaters und von Andreas Kern als Autor widerspiegeln – traditionelle Stücke und moderne Boulevardproduktionen.

Den Auftakt an drei Abenden hintereinander (24., 25. und 26. August) macht der aktuelle Publikums-Renner „De G’schicht von Brandner Kasper“, mit der das Theater kürzlich auf der Waldbühne der Wiesseer Spielbank mit Lob überhäuft wurde. Es folgen das mit reichlich Wortwitz, Ironie und Seitenhieben versehene persönliche Lieblingsstück des Theaterleiters, „Die Schmuggleralm“ (27. August), die Action-Komödie „Countdown in Großhapping“ (30. August) und danach dreimal der Klassiker „Tscharley’s Tante“ (31. August, 1. und 2. September).

Lesen Sie auch: Das sagt Bernd Helfrich über das Fernseh-Aus des Chiemgauer Volkstheaters

Höhepunkt ist der Fest- und Galaabend am Mittwoch, 29. August, zu dem das Tegernseer Volkstheater Freunde, Fans, Theater-Abo-Besitzer, Wegbegleiter, Kollegen und Autoren lädt. Die Gäste erwarten im ausnahmsweise mit Tischen und Bänken bestuhlten Ludwig-Thoma-Saal Schmankerl aus der Region und eine „Talkshow“ zur Geschichte des Theaters mit Kern und seinem Bruder, der Volkstheaterlegende Bernd Helfrich. „Mit der Festwoche zeigen wir einfach, was wir so alles drauf haben“, kündigt Kern an.

Die Theaterfamilie

Neben einem breiten Repertoire an anspruchsvollen, temporeichen und modernen Stücken ist es vor allem die Spielfreunde des Ensembles mit aktuell 17 erwachsenen Schauspielern, sechs Kinderdarstellern, acht Musikern, einem Komponisten und einem Choreografen, die die Tegernseer bekannt und beliebt gemacht hat. Er selbst, glaubt Kern, und auch seine Tochter Fanny, die bei der vierten Inszenierung des Jubiläumsjahres, dem Weihnachtsmusical „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ die Hauptrolle übernehmen wird, habe diese Leidenschaft von seiner Mutter, Amsi Kern, mitgegeben bekommen. Das Handwerks- und Rüstzeug, durch das Andreas Kern geschickt alte Stoffe neu aus- oder für Fernsehaufzeichnungen umarbeitet oder gleich neu verfasst, kam von Vater Lothar Kern, der das Theater von Anfang der 1960er Jahre bis 1991 in der durch Fernsehübertragungen beflügelten Blütezeit des Bayerischen Volkstheaters leitete. 

Dritte Generation: Amsi, g eborene Helfrich, und Lothar Kern, der das Theater 1960 vom Onkel übernahm.

Der erste „Komödienstadel“ im Bayerischen Fernsehen, das auf die Tegernseer aufmerksam geworden war, war „Der Musikantensimmerl“, besetzt mit Lothar und Amsi Kern sowie hauptsächlich dem Tegernseer Ensemble. Zu dieser Zeit teilten sich das Tegernseer Volkstheater, das in ganz Deutschland auf sogenannten Bäder-Tourneen unterwegs war, die deutsche Volkstheaterlandschaft mit dem Ohnsorg- und dem Millowitsch-Theater auf. Allein in Nürnberg gastierten die Tegernseer regelmäßig über Jahre um Weihnachten herum vier Wochen lang.

Außerhalb der Tourneen stand das Ensemble wöchentlich zweimal in Tegernsee sowie je einmal in Bad Wiessee, Bad Tölz und in Bayrischzell oder Bad Reichenhall auf der Bühne. Nach der Gesundheitsreform in den 80er Jahren blieben jedoch viele Gäste in den Kurorten aus – und damit die Tourneebuchungen.

Die Gründungsjahre

Vor der Ära „Kern“ stand dem Theater Onkel O.H. Lindner vor, der das Theater seinerseits 1922 von seinem Vater, Theatergründer Hans Lindner, übertragen bekam. Nach der Gründung 1898 war Hans Lindner mit seiner Theatergruppe zunächst viel im Raum Heilbronn und im Schwarzwald unterwegs. Während des Ersten Weltkriegs, als sowohl Vater Hans als auch Sohn Otto Hans Lindner dienten, hielt Ehefrau und Mutter Adele den Theaterbetrieb aufrecht. Danach, als allerorts das Geld für Vergnügungen fehlte, spielte die „Lindner Truppe“ vornehmlich in der Schweiz. Unter O.H. Kern dehnte sich der Wirkungskreis durch Einladungen auf Österreich, die Schweiz, Italien, Tschechien, Holland und Belgien aus, und man ließ den Titel „Tegernseer Volkstheater“ ins Handelsregister eintragen. 

Auf Achse: Das Tegernseer Volkstheater war viel unterwegs – auf „Bädertournee“ durch Kurorte, im Zweiten Weltkrieg aber auch als Fronttheater in Frankreich.

Im Zweiten Weltkrieg verpflichtete sich das Tegernseer Volkstheater dann als Fronttheater in Frankreich. O.H. Lindner brachte es danach wieder heim an den Tegernsee. Unter ihm entwickelte sich das Repertoire auch weg von den Bauernstücken und Schenkelklopfer-Komödien hin zu ernsteren und zeitgemäßeren Stücken.

Volkstheater heute

Das ist 40 Jahre später auch Enkel Andreas Kern gelungen, der die Bühne 2008 von seinem Bruder Florian übernahm, der das Theater 17 Jahre lang geleitet hatte. Zusammen mit seiner Frau Christina hat Andi Kern, der davor 27 Jahre lang festes Ensemblemitglied beim Chiemgauer Volkstheater seines Bruders Bernd Helfrich war und bei unzähligen Fernsehaufzeichnungen mitwirkte, das Tegernseer Volkstheater erfolgreich ins 21. Jahrhundert geführt. 

Großer Moment: Amsi Kern im Juli 2000 bei der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens mit Sohn Andreas, dem heutigen Leiter. Amsi Kern starb 2002 mit 80 Jahren.

Mit Einfallsreichtum, Humor, Toleranz und Gelassenheit wie Flexibilität hat er das Theater umstrukturiert, das Repertoire um Stücke für nur eine oder vier Personen erweitert und vor allem um moderne Lebensthemen, nicht selten aus dem aktuellen Lokalgeschehen, bereichert. Mit der Festwoche feiert das Ehepaar Kern auch sein persönliches Jubiläum: zehn Jahre als Theaterleiter.

Vorverkauf

Tickets für alle Vorstellungen während der Festwoche (Beginn jeweils 20 Uhr) gibt es im Vorverkauf zu 17,50 Euro zuzüglich Gebühr (Abendkasse: 18,50 Euro) via München Ticket und bei allen Tourist-Infos im Tegernseer Tal. Einladungen für den Festabend gibt es nur auf Anfrage direkt beim Volkstheater

Auch interessant: Der Gmunder Dahoam-is-dahoam-Star Werner Rom im großen Interview

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

1,4 Millionen Euro für die Stadt
Die Tegernseer Kur- und Versorgungsbetriebe (TKV) haben 2018 einen satten Überschuss erwirtschaftet. Nahezu 1,4 Millionen Euro können nun auf das Rücklagenkonto der …
1,4 Millionen Euro für die Stadt
Laura Wagner führt Liste an
In Gmund sind die Grünen schon im Gemeinderat vertreten. Jetzt steht die neue Liste mit Laura Wagner an der Spitze.
Laura Wagner führt Liste an
Ein Leitfaden für Frauchen und Herrchen
So etwas war noch nicht da im Landkreis: Für Urlauber, die mit Hund in die Region kommen, gibt’s jetzt eine eigene Broschüre. Der Tierschutzverein Tegernseer Tal will …
Ein Leitfaden für Frauchen und Herrchen
Sorge um weitere Abholzaktionen
Nach der Abholzaktion am Höhenweg in Tegernsee, wurde im STadtrat nachgehakt. Und es ging um die Frage: Wie steht‘s um den Wald?
Sorge um weitere Abholzaktionen

Kommentare