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Werner Pawlovsky gefällt es gut, der Gemeinde Gmund so gar nicht: das „Schachtelhaus“ in Finsterwald als Beispiel für einen moderneren Stil, der trotzdem passt. 

„Architekten, seid keine Erfüllungsgehilfen!“

Kreisbaumeister im Interview: So geht neue Baukultur

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Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Oder doch nicht? Seit 17 Jahren hat Kreisbaumeister Werner Pawlovsky das letzte Wort, wenn es um Bauvorhaben geht. Ein Interview.

Landkreis – Im Interview spricht der 64-jährige Valleyer über die Baukultur im Landkreis, umstrittene Genehmigungen und einen Arbeitskreis.

Herr Pawlovsky, seit fünf Jahren gibt es eine Baufibel für den Landkreis Miesbach. Wie bindend ist sie für Bauherren und Gemeinden?

Pawlovsky: Sie ist überhaupt nicht bindend. Viele Gemeinden haben ja ihre eigene Gestaltungssatzung. Die Fibel ist gedacht als Anregung für Bauherren und Planer, wie man bei uns regionaltypisch baut. Natürlich ist man gut beraten, wenn man sich daran hält.

Wie oft wird sie überarbeitet?

Pawlovsky: Sie wird erst einmal nicht überarbeitet, denn die traditionelle Bauweise, ein längs gerichteter Baukörper mit einem flachen Satteldach, wird immer regionaltypisch bleiben.

Aktuell werden dennoch immer mehr untypische Häuser gebaut, für die die Gemeinden Ausnahmen machen müssen. Ist das der neue Trend?

Pawlovsky: Aus meiner Sicht ist es der völlig verkehrte Ansatz, wenn jemand meint, er müsse sich mit seinem Haus gewaltsam abheben. Der klassische Fall ist das sogenannte „Toskana-Haus“ mit Walmdach. Andererseits ist die Dachform eines Hauses kein Kriterium für das Sich-Einfügen. Rein rechtlich können wir – wenn nicht in einer Gestaltungssatzung geregelt – eine Dachform nicht verhindern. Auch wenn Dachlandschaften unheimlich wichtig sind für das Erscheinungsbild eines Ortes.

Das „Haus Annamirl“ in Rottach-Egern ist zum Beispiel so ein ungewöhnliches Haus. Mussten Sie lange überlegen bei der Genehmigung?

Pawlovsky: Lange überlegen insofern schon, weil es sich um ein Haus im Außenbereich handelt. Wir haben baurechtlich aber eine Möglichkeit gefunden, das Haus zu genehmigen. Die Gestaltung war für mich nie ein Problem.

Das „Schachtelhaus“ in Finsterwald ist ein Beispiel dafür, dass die Ablehnung der Gemeinde durch die Zustimmung des Landratsamts ersetzt werden kann. Kommt so ein Fall jetzt immer häufiger vor?

Pawlovsky: Das Ersetzen kommt immer dann vor, wenn wir der Überzeugung sind, dass das gemeindliche Einvernehmen zu Unrecht verweigert wurde. Aber dieses „Schachtelhaus“, wie Sie es bezeichnen, widerspricht weder irgendeinem Passus der Gmunder Gestaltungssatzung, noch fügt es sich hinsichtlich Art und Maß nicht in die Umgebung ein. Es ist ja nicht so, dass wir nach Gutsherrenart die Baugenehmigungen erteilen. Wenn die öffentlich-rechtlichen Belange erfüllt sind, dann hat der Bauwerber einen Anspruch auf Baugenehmigung.

An welchen Kriterien orientieren Sie sich bei einer Baugenehmigung?

Pawlovsky: Kritisch ist es immer dann, wenn es sich um eine Baulücke im Innenbereich nach Paragraf 34 Baugesetzbuch handelt. Dann muss sich das Vorhaben nach Art und Maß in die Umgebung einfügen. Ist das der Fall, dann können wir die Zustimmung nicht verweigern.

Können Sie die Umgebung willkürlich wählen?

Pawlovsky: Im Regelfall ist der Umgriff der Bereich, der durch ein Straßengeviert abgegrenzt wird. Manchmal nimmt man die Bebauung auf der anderen Straßenseite mit dazu, aber da wägen wir schon ganz genau ab.

Es bringt also nichts, wenn ein Bauwerber so lange zu Ihnen ins Amt marschiert und Sie bedrängt, bis er seine Genehmigung bekommt.

Pawlovsky: Es gibt, wie gesagt, öffentlich-rechtliche Vorgaben wie Maße und die Abstände. Das sogenannte Nachverdichten geht nicht nach Paragraf 34 Baugesetzbuch, sondern nur, wenn die Gemeinde einen Bebauungsplan aufstellt.

Seit 2010 gibt es einen Arbeitskreis für qualitätsvolles Bauen im Landkreis. Wie wird man da Mitglied?

Pawlovsky: Man wird berufen. Der Arbeitskreis besteht neben dem Kreisbaumeister, dem Leiter des Staatlichen Bauamts, Stefan Deingruber, und dem Pressesprecher des Landratsamts, Birger Nemitz, aus neun Architekten.

Wie oft treffen Sie sich, und was wird besprochen?

Pawlovsky: Wir treffen uns unregelmäßig. Derzeit arbeiten wir an einem Buch, das den Titel „Gut gebaut“ haben wird, 50 schöne Beispiele aus dem Landkreis zeigt und möglichst noch in diesem Jahr erscheinen soll. Zudem finden zwei Mal im Jahr öffentliche Veranstaltungen statt, zu denen der Arbeitskreis auch gezielt Bürgermeister, Gemeinderäte und Bauamtsleiter einlädt. 60 bis 70 Zuhörer kommen regelmäßig. Es könnten ehrlich gesagt noch mehr sein. Zuletzt hatten wir Franz Schröck, Leiter des Architekturforums Allgäu, als Gastredner. Seine These „Baukultur ist Lebensqualität“ unterschreibe ich zu hundert Prozent. Die Intention meines kürzlich verstorbenen Vorgängers (Anmerkung der Redaktion: Karl Roman Schmid) war es ja immer, dass man mit unserer wunderbaren Kulturlandschaft sorgsam und pfleglich umgeht und Sensibilität walten lassen soll.

Diesen Eindruck hat der Bürger aber nicht überall.

Pawlovsky: Dieser Eindruck täuscht! Es liegt allerdings zum Großteil daran, dass die Staatsregierung, im Rhythmus anstehender Wahlen, den öffentlichen Part im Genehmigungsverfahren immer mehr reduziert hat. So sind zum Beispiel Gestaltung und Abstandsflächen nicht mehr Gegenstand der Prüfung.

Wenn also ein Scheich in Tegernsee ein Haus baut mit Fenstern kreuz und quer, dann können Sie nichts machen?

Pawlovsky: Da ist zunächst tatsächlich nichts dagegen zu machen. Das Thema Verunstaltung können Sie vergessen! In Landshut gibt’s jetzt ein grasgrünes Haus, das wurde trotz Ablehnung durch Stadt und Denkmalschutz vom Gericht als zulässig erachtet. Die rechtlichen Grundlagen fehlen, um es zu verhindern. Ich würde mir daher von Bauherren viel mehr Verantwortungsbewusstsein wünschen und von Architekten, dass sie nicht zu bloßen Erfüllungsgehilfen werden von absurden Bauherren-Wünschen. Gute Gestaltung ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage der Proportion, der Konstruktion, der Materialwahl.

Wie stellen Sie sich denn eigentlich künftig das Gesicht des Landkreises vor?

Pawlovsky: Architektur ist auch immer ein Ausdruck der Zeit, in der sie entsteht. Gut ist sie immer dann, wenn ich sorgsam mit dem Gelände und mit den Materialien umgehe. Wenn ich die über Jahrhunderte bewährte, klare rechteckige Bauform aufnehme und in zeitgerechte Formen übertrage. Es muss nicht immer zwingend das mittig geteilte Sprossenfenster sein. Man darf dem Haus schon ansehen, ob es im Jahr 1916 geplant wurde oder 2016.

Der Bauernhof-Stil hat also für die Zukunft ausgedient?

Pawlovsky: Die deutliche Rechteckform, wie beim früheren Einfirsthof, ist auch heute noch richtig. Das „Schachtelhaus“ in Finsterwald hat das gut umgesetzt.

gr

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