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Rottach unter Beschuss: Eines der wenigen Aufnahmen dieser Zeit. Wir haben alles hier gesammelt.

Große History-Reportage

Das Kriegsende im Tegernseer Tal - Ein Krimi bis zum Schluss

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April 1945: Das Tegernseer Tal steht kurz vor der Zerstörung - eine Gruppe versucht den US-Angriff zu verhindern und die SS zum Aufgeben zu bewegen. Das Kriegsende im Tal.

April 1945*: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spitzt sich die Lage im Tegernseer Tal zu. SS, amerikanische Einheiten, Flüchtlinge, Verletzte, KZ-Häftlinge kommen hier zusammen – und bilden eine explosive Mischung. Plötzlich steht es Spitz auf Knopf, das Tegernseer Tal steht kurz vor der Zerstörung. Wir blicken auf die letzten, alles entscheidenden Kriegstage am Tegernsee zurück. Mit Bildern, Zeitzeugenberichten – und bisher unveröffentlichten Dokumenten.

Rottach unter Beschuss: Eines der wenigen Aufnahmen dieser Zeit. Wir haben alles hier gesammelt.

Seit der Machtergreifung der Nazis leben viele NS-Größen im Tegernseer Tal – Hitlers beliebter Urlaubsort. In St. Quirin hat sich Reichspressesprecher und SS-Obergruppenführer Max Amann eine stattliche Villa bauen lassen. Und damit ist er nicht allein.

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Auch das Anwesen von SS-Chef Heinrich Himmler steht bis heute in Gmund. 

Da hat er gewohnt: Die Himmler-Villa in St. Quirin.

Seine Tochter Gudrun – er nennt sie Püppi – geht mit anderen Tal-Kindern in Reichersbeuern zur Schule. Mitschüler Ali Limmer aus Rottach-Egern erinnert sich an eine schaurige Begegnung mit dem Nazi:

Glaubt man Gerüchten, hatte Himmler – hier mit Tochter Gudrun – damals große Pläne für das Tegernseer Tal. 

Heinrich Himmler mit Tochter Püppi.

Zeitzeuge Anderl Stadler aus Gmund erfährt davon an der Front in Russland.

Doch so weit kommt es nicht. Statt Himmlers Jagdgebiet ist das Tegernseer Tal in den letzten Kriegsjahren zum Rückzugsraum für Flüchtlinge geworden. Die Region gilt im April ’45 als Lazarettstadt. Alle Hotels sind längst Krankenhäuser. Die Überfahrt in Rottach-Egern (Foto) dient als Reservelazarett, man kümmert sich dort um neurologische Fälle. 

War damals auch ein Krankenhaus: Das heutige Luxushotel Überfahrt am Rande der Egerner Bucht.

Halb Bad Wiessee besteht aus Entbindungsstationen, im Tegernseer Schloss ist die Münchner Uniklinik untergebracht. Jedes Haus rund um den Tegernsee platzt aus allen Nähten.

Wenige Tage vor Kriegsende leben Schätzungen zufolge rund 34.000 Zivilisten im Tal. Allein in Bad Wiessee sollen es an die 12.000 gewesen sein – mehr als das Doppelte der heutigen Einwohnerzahl. Hinzu kommt ein nicht abreißender Flüchtlingsstrom aus desertierten Wehrmachtssoldaten, Heimatlosen – und KZ-Häftlingen.

Ende April 1945 werden Tausende KZ-Häftlinge aus Dachau und den Außenlagern 70 Kilometer durch Schneetreiben und Kälte in Richtung Alpentäler, den letzten Rückzugsorten der SS, getrieben. Zwischen dem 1. und 2. Mai erreichen sie Waakirchen. Ein Mahnmal am Waakirchner Ortsausgang erinnert heute an den sogenannten Todesmarsch.

Mahnmal am Waakirchner Ortsrand.

Der damalige Waakirchner Pfarrer Georg Hunklinger spricht von 2700 Gefangenen, die aus Dachau die kleine Ortschaft erreichen.

Georg Hunklinger, 1945 war er Gemeindepfarrer in Waakirchen.

“Es fehlt an Medizin und Essen. Ein grauenvolles Elend! Neun Mann sterben, fünf finden wir am letzten Lagerplatz im Schopfloch, einen noch am 1. August im Gebüsch. Alle fünfzehn liegen im neuen Friedhof Massengrab II. Namen sind nicht bekannt, nur von den meisten die Nummern.”

Der Todesmarsch zieht durch Waakirchen.

Nicht nur der Ortspfarrer, sondern auch viele Tal-Bewohner erinnern sich an ihre Begegnungen mit den KZ-Häftlingen. Es berichten Franz Schwarzenböck und Hermine Kaiser aus Bad Wiessee, Ludwig Lang aus Gmund und Christl Gehrke aus Bad Wiessee:

Der Bericht des Pfarrers klingt nüchtern. Deutlicher werden die Qualen durch die Worte eines Überlebenden: Der litauische Jude Zwi Katz war damals 14. In der Zeitschrift Tegernseer Tal sind Auszüge seines Berichtes veröffentlicht:

„Ich gehe jetzt wahrscheinlich meinen letzten Weg. Jemand vor mir stürzt im Schritt voraus aufs Gesicht in den Schnee. Die Wachen gehen vorbei, keiner kümmert sich um ihn.“

Katz ahmt den Sturz nach und flüchtet. Im Waldstück Schopfloch kurz vor Waakirchen wird er mit vielen anderen KZ-Häftlingen von einem Rot-Kreuz-Auto aufgesammelt, sie finden in einer Scheune in Waakirchen Zuflucht (Das Foto zeigt das Feichtner Anwesen).

Todesmarsch macht Station in Waakirchen, hier am Feichtner Anwesen.

Doch die Angst bleibt. Dann kommen die Amerikaner. Katz überbringt die Nachricht seinen Mithäftlingen in der Scheune – sie sind auch noch Kinder. Als Beweis hält er triumphierend eine Schachtel Camel-Zigaretten hoch, die er von einem GI bekommen hatte.

„Eine Weile herrschte seltsame Stille, dann brach es los. Jemand schrie ,Camel-Zigaretten‘ – und ein lauter jubelnder Freudenschrei erschütterte die Scheune.“

Während die einen in Waakirchen gerettet werden, steht der Kampf ums Tegernseer Tal erst noch aus. 

Der Aufstellungsbefehl der SS-Panzerdivision Götz von Berlichingen.

Parallel zum Einmarsch der amerikanischen Truppen in Waakirchen, zieht sich die SS-Panzerdivision Götz von Berlichingen unter Kommandant Georg Bochmann ins Tal zurück. Sie gehört zu einer der letzten regimetreuen Truppen.

Mitglieder der SS-Panzerdivision Götz von Berlichingen.

Das Ziel der jungen Männer: Sie wollen die Alpenfestung an vorderster Front verteidigen.

Die meisten Tal-Bewohner hätten sich zu diesem Zeitpunkt gern sofort den heranrückenden Amerikanern ergeben. Doch die Angst war groß. Denn die SS-Division hatte ihre Befehle. 

Wer sich ergibt, wird geschossen. So war die Order - auch noch in den letzten Kriegstagen.

Nach und nach besetzten sie die einzelnen Tal-Gemeinden.

Der Wiesseer Pfarrer Johann Gansler (l.) und der Gmunder Pfarrer Otto Heichele.

Pfarrer Otto Heichele berichtet aus Gmund:

“Plötzlich war die SS da. Der Tegernsee sollte verteidigt werden. Ein höherer Stab lag im Himmler Anwesen.”

Pfarrer Johann Gansler berichtet aus Bad Wiessee:

“In der Nacht ging es los. Ich selbst wurde gegen 5 Uhr geweckt und sollte den Pfarrhof öffnen für die Errichtung des Artilleriegefechtsstandes. Als ich dies verweigerte, benützten sie dazu meine Holzliege. Die SS befestigte nun den Kirchbichl. Ich war außer mir und stellte einen SS-Offizier zur Rede: Ich könnte es jetzt verstehen, warum die Amis unsere Kirchen und Lazarette zusammenwarfen, wenn diese als Deckung und Tarnung benutzt würden. Sie hätten mich bald an die Wand gestellt.”


Während die SS die Gemeinden im Tegernseer Tal befestigt, rücken die Amerikaner weiter vor. Am 2. Mai erreichen sie das nördliche Mangfall-Ufer in Gmund. Die dortige Brücke hat die SS bereits gesprengt, jetzt hat sie sich auf der gegenüberliegenden Flussseite in mehreren Stellungen verschanzt und beschießt die US-Truppen mit Panzerfäusten. Gregor Dorfmeister aus Gmund erinnert sich:

In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai liefern sich Amerikaner und die deutsche Panzerdivision ein Artilleriegefecht. Im ganzen Tal regnet es Granaten. Im Bild ist ein getroffenes Haus in Weißach zu sehen. 

Diese Bilder kennt man heute aus Syrien: Ein Weissacher Anwesen - komplett ausgebombt.

Wiessees Pfarrer Johann Gansler:

“Bald flogen die Granaten in unser schönes Dörfchen. Ungefähr 20 Häuser bekamen Treffer.”

Pfarrer Josef Kronast in Egern erinnert sich:

“Besonders schaurig waren die Nächte. Durch Granateneinschlag ging ein Haus in Flammen auf. Einer Frau wurden durch Granatsplitter das rechte Bein und der rechte Arm abgeschlagen. Sie verstarb nach einigen Monaten.”

Am Morgen des 3. Mai warten die Menschen im Tegernseer Tal auf den bevorstehenden Angriff der amerikanischen Tiefflieger. Ihre Zerstörungskraft wäre noch weitaus größer als die Gefechte in der Nacht.

In Rottach-Egern versucht der dort stationierte Schweizer Vizekonsul Paul Frei, Schlimmeres zu verhindern. Für seine Friedensbemühungen wird Frei (Mitte) später Ehrenbürger der Gemeinde und bekommt eine Büste im Rathaus.

Der Schweizer Vizekonsul Paul Frei (m.).

In einem Brief an seine Frau am 4. Mai berichtet Frei:

“Mein liebes Frauli, vergangenen Montag gelangten die Gemeindevorstände von Rottach, Tegernsee und Wiessee an mich mit dem Ersuchen, ich möchte die Amerikaner wissen lassen, daß sie bereit seien, sich kampflos zu ergeben. Ich habe den Auftrag angenommen.”

(Hinweis der Redaktion: Frei nennt den SS-Chef in seinem Schreiben Borchmann. Tatsächlich heißt er aber Bochmann.)

Und so erklärt sich Frei bereit, in die Höhle des Löwen, zum SS-Oberführer Bochmann, zu fahren. 

Und tatsächlich: Die Rückzugsverhandlungen mit der Division Götz von Berlichingen gelingen, wie bis heute das Abkommen beweist, auf dem kurze Zeit später Blut vergossen wird:

Rottach-Egern, Nachmittag, 5 Uhr. Konsul Frei schafft das Unmögliche: Er überredet die SS zum Rückzug.

Denn die Amerikaner müssen dieses Dokument ja erstmal in die Hände bekommen. Twittern war damals schwierig. Und dafür finden sich drei mutige Kuriere - die ihren Mut teuer bezahlen werden:

Mutige Kuriere: (v.l.) Franz Heiss, Karl Freidrich Scheid und Paul Winter.

Der Wehrmachtsoffizier Franz Heiss, Stabsarzt Karl Friedrich Scheid und Paul Winter als Dolmetscher (v.l.) erklären sich bereit, den Amerikanern das Abkommen zu überbringen. Maria Heiss, damals Scheids Sekretärin im Lazarett in der Überfahrt und Verlobte von Franz Heiss, erinnert sich.

Das letzte Stück von Wiessee zu den Amerikanern nach Gmund gehen die Männer zu Fuß. Am Franzosenhölzl in Bad Wiessee fallen plötzlich Schüsse. Woher sie kommen ist bis heute unklar. Viele verdächtigen die SS-Stellung am Ortsausgang, andere gehen von versprengten deutschen Armeeeinheiten aus. Heiss wird am Bein getroffen, Scheid und Winter erleiden lebensbedrohliche Verletzungen.

Während es Scheid und Heiss zu den Amerikanern schaffen und das Dokument übergeben, fehlt von Winter bis heute jede Spur. Scheid erliegt später seinen Verletzungen. Frei schreibt an seine Frau:

“Eine innere Stimme sagte mir, nicht mitzufahren.”

Heute erinnert ein Mahnmal am Franzosenhölzl an die drei Männer.

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Kurz nach Scheid, Winter und Heiss startet von Tegernsee aus eine zweite Verhandlungsaktion. Major Hannibal von Lüttichau wird wegen einer Kopfverletzung im Reservelazarett Tegernseer Schloss behandelt. 

Am Nachmittag des 3. Mai beobachtet er:

“Ein amerikanischer Artillerieflieger erkundete die Stellung der schweren Infanteriewaffen (in Tegernsee, Anm. d. Red.).”

Lüttichau beschließt selbst aktiv zu werden und macht sich in den frühen Morgenstunden des 4. Mai zu den Amerikanern auf. In einem bisher nie veröffentlichten Video-Interview mit Heimatforscher Markus Wrba berichtet der 2002 verstorbene Major von jenen Stunden.

Unabhängig voneinander gelingt es Hannibal von Lüttichau, Scheid, Winter und Heiss gerade noch rechtzeitig die Nachricht vom Rückzug des SS an die Amerikaner zu überbringen. Die US-Armee hatte die Fliegerstaffeln zur Bombardierung des Tals schon angefordert.

SS-Chef Bochmann hält sich an die Abmachung und zieht sich mit seiner Division hinter die Weißach zurück. In Kreuth kommt es zu letzten Gefechten. Die Division Götz von Berlichingen kapituliert am 6. Mai nähe Glashütte. Hier ein Auszug aus dem Kapitulationsbefehl, dem letzten Befehl für die SS-Division:

Kapitulationsbefehl.

Schon am Morgen des 4. Mai zieht die US-Armee friedlich in die Gemeinden am Tegernsee ein. 

Eine Mutter mit ihrem Kind auf einem Panzer in Kreuth-Scharling.

Dank des mutigen Einsatzes von Frei, Lüttichau, Scheid, Winter, Heiss und mutigen Tal-Bewohnern wird das Tal in letzter Sekunde vor seiner Vernichtung bewahrt. Der Krieg ist endlich vorbei.

Die Menschen atmen auf, die verlassenen SS-Geschütze werden zum Spielplatz. Doch noch Jahre später sind die Nachwirkungen des Krieges zu spüren. Die damals zwölfjährige Christl Gehrke aus Bad Wiessee erinnert sich, wie sie ihren Vater 1947 nach der Kriegsgefangenschaft wiedertrifft – gerade einmal 45 Kilo schwer:

Ende

Wir danken allen Unterstützern, diese Geschichte möglich gemacht haben:

Fotos:

Tegernseer Tal Verlag, Markus Wrba, United States Holocaust Memorial Museum/Eric Saul, Erzdiözese München und Freising, Ullstein Foto, Thomas Plettenberg, Veronika Stangl

Redaktion und Texte:

Klaus-Maria Mehr und Veronika Stangl

Technische Umsetzung:

Vincent Shafiey

Video:

Markus Wrba, Alexander Alzetta, Andreas Auer, Markus Herder, Conni Winkler, Maximilian Regul

Zeitzeugenberichte:

Michael Wandt

Weitere Quellen:

Tegernseer Tal – Zeitschrift für Kultur, Landschaft, Geschichte, Volkstum, Ausgabe 141; Peter Pfister: Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising

Historische Beratung:

Michael Heim und Markus Wrba

sta/kmm

*Der Artikel wurde 2015 zu 70 Jahren Kriegsende veröffentlicht und aus aktuellem Anlass neu publiziert.

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