Maria Pustejovsky Mitte der 70er in ihrem Wohnung am Tegernsee.
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Maria Pustejovsky Mitte der 70er in ihrem Wohnung am Tegernsee.

Heimatvertriebene

Mehr als „Drei Scheiteln Holz“: Erinnerungen an Maria Pustejovsky als freie Mitarbeiterin unserer Zeitung

Die frühere Sudetendeutsche Maria Pustejovsky schrieb ein Büchlein, in dem sie von ihren Erfahrungen in Tegernsee berichtet. Doch sie schrieb auch für die Tegernseer Zeitung.

Tegernsee – Sie war in der Redaktion der Tegernseer Zeitung nur die „Puste“. Und Maria Pustejovsky, aus deren Bücherl „Drei Scheiteln Holz“ wir in den vergangenen Wochen immer wieder Geschichten veröffentlicht haben, hatte auch gar nichts gegen diese Verkürzung ihres Namens. Denn wenn sie geschwinden Schrittes von ihrer Wohnung am Reisbergerfeld nahe dem Tegernseer Bahnhof in die Redaktion der einstigen Hofbuchdruckerei Boemmel in der Rosenstraße gekommen war, sagte sie selber: „Die Puste ist wieder da.“

Für Redakteure unverzichtbar

Als freie Mitarbeiterin der Heimatzeitung ließ sie sich dann gerne auf ein Schwätzchen ein, selbst wenn der Redaktionsschluss für die neueste Ausgabe eigentlich keine Zeit dafür ließ. Aber sie hatte fast immer eine Neuigkeit aus dem Städtchen am Südostufer des Sees auf Lager, auf die der Redakteur nicht verzichten wollte.

Maria Pustejovsky in den 1960er Jahren.

Und wenn er der „Puste“ klarmachen wollte, dass für ihren Bericht über die Jahreshauptversammlung des Sozialverbandes VdK aktuell kein Platz mehr in der Zeitung sei, meinte sie nur: „Dann bringen Sie es halt in der nächsten Ausgabe.“

Engagiert in vielen Bereichen

Abspeisen ließ sich die „Puste“ nicht leicht. Jahrzehnte lang versorgte sie die Leser mit Berichten etwa über die Beerdigung verstorbener Gemeindebürger oder die Aktivitäten sozialer und karitativer Organisationen – alle sorgfältig getippt auf der legendären Reiseschreibmaschine „Gabriele“. Maria Pustejovsky war Mitglied in mehreren Tegernseer Vereinen und rückte als Sanitäterin bei Notfalleinsätzen des Roten Kreuzes aus. Auch in der katholischen Pfarrei engagierte sie sich.

1946 hatte es sie mit ihren drei Kindern aus dem schlesischen Mährisch-Ostrau nach Tegernsee verschlagen. Kürzlich erschienen in der Heimatzeitung in loser Folge mehrere Kapitel ihres 1987 im Eigenverlag gedruckten Büchleins „Drei Scheiteln Holz“ mit den Erlebnissen einer Flüchtlingsfamilie in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren. Auch das Bändchen „Heimlos“ mit Gedichten aus sechs Jahrzehnten und das Märchenbuch von den Gartenzwergen „Witzleputz, Hinkeputz und Fitzeputz“ zum selber Ausmalen brachte sie heraus.

Witz und Energie als Markenzeichen

Der Autor dieser Zeilen, der von 1983 bis 1985 Redakteur bei der Tegernseer Zeitung war, erinnert sich noch gut an die „Puste“. Ihr konnte man nicht leicht einen Wunsch ausschlagen. Sie hatte Witz, trat aber auch durchaus energisch auf. Ihre Manuskripte waren mit Akribie verfasst, dennoch gab es meistens etwas darin zu redigieren. Sie nahm dem viel jüngeren Redakteur die Änderungen nicht übel, allenfalls merkte sie leicht indigniert an, dass von ihrem Text nicht mehr allzu viel übrig geblieben sei.

Und ein Schlitzohr konnte die „Puste“ sein, wovon folgende Begebenheit zeugt: Lange hatte sich kein Redakteur mehr zur Berichterstattung über das traditionelle weihnachtliche Hirschessen des VdK blicken lassen – Höhepunkt des Vereinsjahres. Doch die „Puste“ wusste um den gesegneten Appetit des Jungredakteurs und bearbeitete den „Herrn Kollegen“ so lange, bis dieser sein Kommen zusagte. Er bekam am festlich gedeckten Tisch einen Ehrenplatz bei den Honoratioren, wurde in der Rede des Vorsitzenden namentlich begrüßt, und vor allem fiel die Portion Hirschbraten besonders üppig aus. Der mehr als satt gewordene Redakteur konnte tags darauf über eine gelungene Feier berichten. Die „Puste“ hatte erreicht, was sie wollte – und war wieder einmal glücklich.

Dankbarkeit über neue Heimat am Tegernsee

Maria Pustejovsky, der der Zweite Weltkrieg ihren über alles geliebten Mann und den drei Kindern den Vater genommen hatte, lebte bis kurz vor ihrem Tod in Tegernsee. Über 50 Jahre blieb sie in dem Ort, an den das Schicksal als Heimatvertriebene sie geführt hatte. Sie war dankbar, ausgerechnet an diesem schönen Fleckchen Erde eine neue Heimat gefunden zu haben.

Am 31. Januar 2001, zwei Tage vor ihrem 94. Geburtstag, starb sie im Kreise ihrer Familie in Waakirchen, wo sie die letzten Jahre verbracht hatte. Auf dem dortigen Friedhof fand die „Puste“ ihre letzte Ruhe. PAUL WINTERER

Lesen Sie auch über Otfrid Pustejovskjy, den Sohn der „Puste“, und über Geschichten aus ihrem Buch „Drei Scheitl Holz“ über Weihnachten nach dem Krieg und einen Konzertbesuch in Tegernsee.

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