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Tatort Tegernsee: Auf diesem Sportplatz hat ein Asylbewerber einen Angriff vorgetäuscht.

"Deutschland ist kein Wunschkonzert""

Nach vorgetäuschtem Überfall: Flüchtling verurteilt

Tegernsee - Er täuschte einen Überfall vor, um in eine andere Unterkunft verlegt zu werden. Jetzt wurde der 24-jährige Asylbewerber aus Pakistan zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

Ein junger Mann liegt verletzt auf dem Sportplatz an der Tegernseer Asylunterkunft. An seinem Kopf klafft eine blutende Wunde. Um seinen Mund ist ein Knebel, um seinen Hals ein Handtuch gewickelt. Seine Hände sind auf dem Rücken mit einem Gürtel gefesselt, seine Beine von einem festgezurrten T-Shirt umschlungen. Alles deutet auf einen Überfall hin. Doch weit gefehlt: Das vermeintliche Opfer ist selbst für seinen Zustand verantwortlich (wir berichteten). Wegen Vortäuschens einer Straftat musste sich der Flüchtling nun vor dem Miesbacher Amtsgericht verantworten.

Der 24-jährige Pakistaner lebte zum Tatzeitpunkt im Oktober 2015 in der Tegernseer Asylunterkunft. Wie er bei der Verhandlung aussagte, sah er den vorgetäuschten Überfall damals als einzige Chance, in eine andere Unterkunft verlegt zu werden. Nach Frankfurt, wo sein Cousin in einer Flüchtlingsunterkunft lebt. Verlegt wurde der Pakistaner dann auch, jedoch lediglich nach Hausham. Er litt an schweren Depressionen und hatte Heimweh, seine Mitbewohner in Tegernsee mochten ihn nicht.

Also fasste er eines Abends den Entschluss, sich eine Bierflasche auf den Kopf zu schlagen. Dann fesselte er sich Mund, Hände und Beine, legte sich neben eine Treppe und wartete, bis ihn Security-Mitarbeiter fanden. Diese alarmierten den Rettungsdienst, der den Mann ins Krankenhaus Agatharied brachte. Als ihn die Miesbacher Polizei zu dem Vorfall befragte, wollte er sich zunächst nicht daran erinnern – dann erzählte er doch.

Zwei Männer hätten sich von hinten angeschlichen, ihm den Fuß in den Rücken gerammt, eine Bierflasche über den Kopf gezogen und ihn gefesselt. Weil die Ermittler einen fremdenfeindlichen Angriff nicht ausschlossen, war in den folgenden Tagen ein Großaufgebot an Polizisten, Spurensicherern und Gutachtern im Tegernseer Tal unterwegs. Währenddessen musste sich das angebliche Opfer mehreren rechtsmedizinischen Untersuchungen unterziehen. Das Ergebnis: keine Hämatome, keine Fesselspuren und auch keine Rückenverletzungen.

Als die Polizei den Asylbewerber mit den Ergebnissen konfrontierte, verstrickte er sich in Widersprüche und gestand – jedoch erst nach zehn Tagen. „Ich kam mit großen Hoffnungen nach Deutschland und jetzt ist hier alles noch schlechter als in Pakistan“, sagte der Flüchtling vor Gericht. „Da müssen Sie dann aber nicht so etwas abziehen, die Polizei anlügen und sie zehn Tage lang hinhalten“, entgegnete Amtsrichter Walter Leitner. „Sie haben da wirklich einen gewaltigen Apparat losgetreten.“

Immerhin hat der Mann durch seine Aktion einen Schaden von rund 6000 Euro verursacht. „Für nichts und wieder nichts“, sagte der sichtlich verärgerte Richter. Als Rechtsreferendar Giannini für den Pakistaner eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung sowie eine Geldauflage von 900 Euro forderte, brach dieser in Tränen aus. Als er sich wieder beruhigt hatte, gestand er kleinlaut seinen Fehler ein: „Ich war einfach todunglücklich und wusste mir nicht anders zu helfen.“

Leitner brummte ihm letztlich eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten sowie eine Geldauflage von 200 Euro an die Stiftung der Polizeigewerkschaft auf. „Es war schon sehr fein gemacht“, sagte der Richter. „Aber alles nur, weil sie verlegt werden wollten? Es ist hier in Deutschland kein Wunschkonzert.“

Von Philip Hamm

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