Die nagelneue Dachhaut des Kirchleins in St. Quirin wird noch in diesem Frühjahr wieder entfernt. Der Grund: Sie passt nicht zum geschichtsträchtigen Unterbau. 
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Die nagelneue Dachhaut des Kirchleins in St. Quirin wird noch in diesem Frühjahr wieder entfernt. Der Grund: Sie passt nicht zum geschichtsträchtigen Unterbau. 

Kunsthistorisches Kleinod

Kirchlein in St. Quirin: Neustart nach missglücktem Sanierungsbeginn - Ziegel müssen runter

  • Christina Jachert-Maier
    vonChristina Jachert-Maier
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Bei der Sanierung des Kirchleins in St. Quirin ist viel schief gelaufen. Wie groß seine historische Bedeutung ist, wurde spät erkannt. Jetzt müssen die neuen Dachziegel wieder runter.

  • Die Kirche in St. Quirin ist seit 2017 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen.
  • Fehler bei der Auswahl der ausführenden Betriebe: Dachhaut wird jetzt ausgetauscht.
  • Mit der Wiedereinweihung ist 2023 zu rechnen.

St. Quirin - Begonnen hat die Sanierung schon 2017. Die Pfarrei Tegernsee, zu der das direkt an der Bundesstraße gelegene Kirchlein gehört, definierte handfeste Ziele: Das lecke Dach sollte wieder dicht werden, die Fundamente trocken. Weil der Turm marode war, ließ man ihn erneuern. Dass es nicht rund läuft, ließ sich 2018 erahnen, als der neu aufs Kirchendach gesetzte Turm schief zu stehen schien. Es gab viel Spott, der schiefe Turm wurde zum Motiv beim Faschingszug.

„Das passiert, wenn man etwas lotrecht auf ein Gebäude setzt, das in sich schief ist“, sagt Diözesanbaumeister Hanns-Martin Römisch. Als es zu dem Desaster kam, war die Sanierung des eher unauffälligen Gotteshauses gleich neben der Bundesstraße noch nicht auf dem Radar der kirchenhistorischen Expertenriege. Dort rückte St. Quirin erst in den Fokus, als ein Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege bat, sich die Sache doch einmal anzusehen. Da klaffte ein 40 Zentimeter großes Loch zwischen Mauerwerk und Dach.

„Man hat nicht die richtigen Leute engagiert“

Was war passiert? „Man hat nicht die richtigen Leute engagiert“, erklärt der promovierte Kunsthistoriker Norbert Jocher. Hauptabteilungsleiter Kunst beim Erzbischöflichen Ordinariat. Betriebe, die solide Handwerksarbeit abliefern. Eine gute Wahl für einen Neubau, aber nicht für die Sanierung eines der bedeutendsten Denkmäler im Tegernseer Tal. Der Legende nach steht es dort, wo um das Jahr 800 herum die Reliquien des Heiligen Quirinus auf dem Weg von Rom ins Kloster Tegernsee Halt machten, „woraufhin eine heilsame Quelle entsprang“.

Der Tegernseer Abt Kaspar Aindorfer ließ um 1460 die bis heute bestehende Steinkirche bauen, wohl in Zusammenhang mit der Entdeckung des heilkräftigen Quirinus-Öls am gegenüberliegenden Seeufer in Bad Wiessee. Als Fassung der Quirinus-Quelle steht ein Rotmarmor-Brunnen im Zentrum der Kirche. Es ist ein Ziehbrunnen, aus dem sich bis heute Wasser schöpfen lässt. Kostbarer Stuck und Fresken zieren den Innenraum.

Kirche mit besonderer Aura

Die Kirche habe eine ganz besondere Aura, sagt Pfarrer Walter Waldschütz. Hier habe er „die intensivsten und spirituellsten Gottesdienste“ gefeiert, immer mit einer großen Zahl von Besuchern. Die historische Bedeutung, so Waldschütz, sei der Pfarrei vor Ort aber nicht in diesem Maß bekannt gewesen. Dass die Kunsthistoriker vom Ordinariat die laufende Sanierung erst mal stoppten, sorgte kurzfristig für Ärger. „Wir wären ja schon längst fertig“, sagt Waldschütz. Aber nach vielen Gesprächen mit den Fachleuten verstehe er, dass die Sanierung mit besonderem Sachverstand angepackt werden muss.

Dachhaut wird ausgetauscht

Das geschieht jetzt. Es sind neue Planer am Werk. Gesetzt ist: Die 2019 neu aufgesetzte Dachhaut muss wieder weg. „Die klebt wie eine Tapete auf der Kirche“, erklärt Römisch. Ein Fremdkörper auf dem historischen Bau. „Dächer hängen im Lauf der Jahrhunderte durch“, meint Römisch. Damit sich das Dach wieder an den Unterbau anpassen kann, werden die „Biberschwänze“ durch Ziegel vom Typ „Mönch und Nonne“ ersetzt.

Die Untersuchung des Innenraums dauert noch an. Erste Analysen haben ergeben, dass die hölzernen Dachbalken aus den Jahren 1429 oder 1430 stammen. Die Kirche dürfte also noch älter sein als bisher angenommen. Wie sehr man sich bei der Restaurierung dem einstigen Erscheinungsbild annähern wolle, sei zu diskutieren und hänge auch von den finanziellen Möglichkeiten ab, meint Jocher. Aktuell rechnet das Ordinariat damit, dass die ursprünglich auf 1,7 Millionen Euro geschätzten Kosten auf 2 Millionen Euro steigen.

Kirche bleibt bis 2023 geschlossen

Die Dachhaut wird ausgetauscht, sobald es die Witterung zulässt. Die Außenarbeiten sollen heuer fertig werden. Dann geht es innen weiter. Mit der Wiedereinweihung ist 2023 zu rechnen.

Die Kirche mit dem wundersamen Brunnen soll nach der Sanierung offen stehen und – wie in der Legende – ein Ort für Rast und Einkehr werden. „So können wir Menschen erreichen“, sagt Waldschütz. Bei der Restaurierung will Römisch mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen: „Wenn wir den Gefühlsschleier von Jahrhunderten wegputzen, haben wir versagt.“

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