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Emmason Amaraihi singt seit Kurzem im Tegernseer Männerchor.

Nigerianer schaute einfach bei Probe vorbei

Wie ein Flüchtling den Tegernseer Männerchor veränderte

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Tegernsee - Eines montags ging Emmason Amaraihi (28), Flüchtling aus Nigeria, einfach zur Probe des Tegernseer Männerchors, sang mit – und blieb. Eine berührende Geschichte in schwierigen Zeiten. 

Update vom 2. Oktober 2015: Jetzt wird Emmason zum Star: Am Sonntag gibt der Männerchor in Tegernsee ein Konzert - und alle kommen wegen des singenden Nigerianers. Die Medienrummel und ein Portrait über Emmason Amaraihi aus Nigeria finden Sie hier

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Die menschliche Tragödie hinter der Flüchtlingskrise kam an einem Montag in die Hochfeldstraße in Tegernsee. Die 25 Sänger des Männerchors Tegernsee trafen sich wie immer im Untergeschoss der Grundschule, um ihre Lieder einzustudieren. Plötzlich ging die Tür auf und ein junger Mann kam herein. Er heiße Emmason Amaraihi, komme aus Nigeria, sei 28 Jahre alt und wolle mitsingen. „Wir haben schon kurz die Luft angehalten“, erzählt Hans Schmidt vom Männerchor. Aber eben nur kurz.

Emmason ist Asylbewerber und wohnt in der Tegernseer Flüchtlingsunterkunft in der Dreifachturnhalle. In seiner Heimat hat er als Elektroingenieur gearbeitet und in einem katholischen Kirchenchor gesungen. Vom Helferkreis erfährt er, dass es in Tegernsee einen Männerchor gibt. „Da könnte ich doch mitsingen“, war seine spontane Reaktion. Also stellte er sich an jenem Montag einfach mal vor.

„Im ersten Moment waren wir schon betreten“, erinnert sich Schmidt. Doch dann hat sich alles schnell ergeben. Die Männer drückten Emmason ein Notenblatt in die Hand und stimmten die ersten Lieder an. „Emmason hat sofort mitgesungen, auch die bairischen Texte.“ Klar habe er sich mit dem Dialekt schwer getan – Emmason spricht schließlich nur etwas deutsch. Doch seine tiefe Bass-Stimme überzeugte. Am Ende des Abends war sicher: Emmason kommt wieder.

Für den Männerchor, der dringend Nachwuchs sucht, ist der Nigerianer aber nicht nur gesanglich eine Bereicherung. „An diesem Abend sind wir zum ersten Mal mit der Flüchtlingssituation tangiert worden“, sagt Schmidt und fügt hinzu: „Das ging uns ganz schön an die Nieren.“ Bei einem Bier nach dem Proben erzählte Emmason auf Englisch den Männern seine Geschichte. Unter Tränen. Die islamistischen Terroristen von Boko Haram haben in seinem Heimatdorf gewütet. Ziel ihrer Gewalt waren vor allem die Christen des Ortes. Mit Hilfe der katholischen Kirche in Nigeria konnte der junge Mann sein Land rechtzeitig verlassen. „Wir haben ihn gefragt, was mit seiner Familie passiert ist. Da hat Emmason nur in den Boden gestarrt und zu zittern begonnen“, sagt Schmidt. „Es hat ihm wohl die Kehle zugeschnürt.“ Täglich versuche er mit seinem Handy seinen Vater zu erreichen, sagte Emmason nur. Bisher vergeblich.

Seit drei Monaten lebt der Nigerianer nun in Deutschland, seit einem Monat in Tegernsee. Im dortigen Deutschkurs ist er der beste Schüler, berichtet seine Lehrerin. Emmason hat sogar schon ein Jobangebot bei einer Elektrofirma im Tal. Sobald sein Asylgesuch durch ist, kann er dort anfangen. Sein Ziel: Irgendwann seinen Master in Elektrotechnik machen. Bis dahin will Emmason weiter singen. Eine eigene Chor-Uniform hat er schon, beim Konzert am 4. Oktober im Tegernseer Barocksaal wird er auf jeden Fall dabei sein. Und vielleicht singt der Tegernseer Männerchor dann auch ein Lied aus Emmasons Heimat Nigeria.

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