Der Richter verurteilte den Pagen zu einer Bewährungsstrafe (Symbolfoto).
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Der Richter verurteilte den Pagen zu einer Bewährungsstrafe (Symbolfoto).

Page (39) aus Bad Wiessee bestiehlt Gäste

Mit Mastercode Hotelsafes geöffnet

Wegen besonders schweren Diebstahls musste sich ein Wiesseer (39) vor dem Amtsgericht verantworten. Der ehemalige Page eines Hotels in Tegernsee soll vier Gäste bestohlen haben.

Tegernsee ‒ Die Verhandlung erstreckte sich über zwei Tage. Am ersten Verhandlungstag wies der Angeklagte alle Schuld von sich. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, 2019 vier Mal mit Duplikaten von Gästezimmerkarten in Zimmer eingedrungen sein, um drei- und vierstellige Geldbeträge aus Safes und Hosentaschen zu entwenden. Am zweiten Verhandlungstag sagte als Zeuge ein 30-jähriger Stuttgarter aus. Er habe vor seinem Aufenthalt 1000 Euro abgehoben und das Geldbündel in die Hosentasche gesteckt. Bei der Ankunft im Hotel habe der Angeklagte seinen Wagen und das Gepäck versorgt, woraufhin er zehn Euro aus der Hosentasche geholt und es ihm als Trinkgeld gegeben habe. Dann seien er und seine Frau in den Spa-Bereich gegangen, anschließend in ein Restaurant. Als er bezahlen wollte, habe er nur noch 700 Euro in der Tasche gehabt.

Angeklagter belauscht offenbar Gespräch mit Geschäftsführer

Zurück im Hotel habe er überall gesucht, doch ohne Erfolg. Dann sei der Geschäftsführer informiert worden, der in einem Büro neben der Rezeption die Sache aufgenommen habe. Möglicherweise habe man das Gespräch draußen hören können, mutmaßte der Zeuge. Jedenfalls habe es unmittelbar nachher einen „komischen Moment“ gegeben. Statt den Gästen am Aufzug den Vortritt zu lassen, sei der Angeklagte mit eingestiegen: „Er hat uns angesprochen, ob vielleicht etwas nicht passt, da er gehört hätte, dass wir mit dem Chef gesprochen hätten.“

Sicherheitschefin stellt eigene Recherchen an - und entdeckt einen Zusammenhang

Parallel zu den polizeilichen Ermittlungen habe sie selbst zu recherchieren begonnen, erklärte die Koordinatorin für Datenschutz und Informationssicherheit des Hotels. Sie habe Dienstpläne, Videomaterial einer Überwachungskamera im Rezeptionsbereich sowie Daten des Kartencodierungs- und Türschließsystems ausgewertet. Ihr Ergebnis: Der Angeklagte habe als Einziger in allen vier Fällen Dienst gehabt. In drei Fällen seien die entsprechenden Kartenduplikate von ihm codiert und zweimal auch zum Öffnen der Tür verwendet worden.

Einige Gäste hätten außerdem im Vorfeld seltsame Anrufe bekommen, weshalb man die Diensthandys der Angestellten überprüft habe. Auf dem Telefon des Angeklagten seien aber genau diese Verbindungsnachweise aus der Liste gelöscht worden. Bereits 2011 hatte der Wiesseer eine Abmahnung von der Geschäftsleitung bekommen, weil er Zimmer in Abwesenheit der Bewohner betreten hatte. Dass er den Mastercode für die Safes gekannt habe, sei durchaus möglich.

Vorstrafe gerade mal ein Jahr alt

Zu seinem Nachteil gereichte dem Angeklagten auch eine Vorstrafe: 2018 hatte er in einem Münchner Kaufhaus eine Jacke im Wert von 329 Euro gestohlen. Eine hohe Rückfallgeschwindigkeit, konstatierte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Zwar gebe es keine konkreten Beweise, aber eine klare Indizienkette. Er forderte eine Strafe von eineinhalb Jahren und 4390 Euro Wertersatz.

„Mit hoher krimineller Energie vorgegangen“

Verteidiger Andre Gewehr hingegen zweifelte die Aussagekraft der Indizien an. Es seien Unterstellungen und Verdächtigungen. Er plädierte für Freispruch. Der Angeklagte sei trickreich und mit hoher krimineller Energie vorgegangen, urteilte Richter Walter Leitner schließlich und verhängte eine Bewährungsstrafe von eineinviertel Jahren und eine Geldbuße von 4000 Euro.

Stefan Gernböck

Lesen Sie auch: Ein Giftmord erschüttert Tegernsee.

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