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Reinhorchen ins Paradies: Kobells originaler „Brandner-Kasper“ auf CD

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Begleitet von Musik des Seer Dreigsangs (stehend) und anderer Gruppen las Beni Eisenburg (auf der Bühne 2.v.r.) im Barocksaal den Brandner Kasper im Original von Franz von Kobell, wie ihn das Museum Tegernseer Tal nun auch auf CD und an einer Hörstation in der Sonderausstellung verewigt hat.
Begleitet von Musik des Seer Dreigsangs (stehend) und anderer Gruppen las Beni Eisenburg (auf der Bühne 2.v.r.) im Barocksaal den Brandner Kasper im Original von Franz von Kobell, wie ihn das Museum Tegernseer Tal nun auch auf CD und an einer Hörstation in der Sonderausstellung verewigt hat. © Christian Scholle

Der Brandner Kasper ist legendär geworden. Seine Urfassung gibt es nun auf CD, unnachahmlich gelesen von Beni Eisenburg, mit Musik. Das Museum Tegernseer Tal hat sie nun in Tegernsee präsentiert.

Tegernsee – Die „G’schicht vom Brandner-Kasper“ ist legendär geworden. Das Original von Franz von Kobell hat das Museum Tegernseer Tal, das dem wohl berühmtesten „Anwohner“ des Alpbachs überm Tegernsee eine Sonderausstellung widmet, nun auf CD verewigt. Im Tegernseer Barocksaal stellten Beni Eisenburg und Edmund Schimeta diese nun vor.

Launig trat Beni Eisenburg auf die Bühne. „Wer jetzt denkt, ,Mei, duad der allweil no’ was?‘, den versteh ich“, scherzte der über 80 Jahre alte inzwischen ehemalige Heimat- und Kulturpfleger. „Aber man hat mich gebeten, den Brandner vom Kobell aufzulesen, und ich freu mich drüber.“ Und es wurde eine Freude. Wer anders als Eisenburg hätte diese Fassung des Brandner Kasper im Dialekt auch lesen sollen? Der Dürnbacher trägt aus dem Original vor, das 1871 in den „Fliegenden Blättern“ erstmals veröffentlicht wurde. Eisenburg spricht in seiner so besonderen, sonoren Erzählweise in feinem Bairisch, das nur noch wenige beherrschen.

Den Ur-Brandner-Kasper, den der Mineralogieprofessor und Schriftsteller Franz von Kobell vor 151 Jahren als „Melancholieaustreiber“ in für ihn traurigen Zeiten schrieb, umfasst nur wenige Seiten. Das war überraschend für die Zuhörer, die gut die Hälfte des Barocksaals füllten. Denn den meisten ist doch die lange Theaterfassung von Kurt Wilhelm oder die aus dem Münchner Volkstheater eher ein Begriff.

Kam der Brandner Kaspar aus Tirol?

Dass es unzählige Adaptionen gibt, trug Edmund Schimeta, Leiter des Museums Tegernseer Tal, vor. Man erfuhr da Erstaunliches. Etwa dass Beni Eisenburg in den 1970er-Jahren mal selbst den Boanlkramer in einer Theaterinszenierung gespielt hatte. Und dass in den Matrikelbüchern des Tegernseer Tals zwar nie ein Brandner Kasper genannt wird, wohl aber einer aus Brandenberg in Tirol. Selbiger Kasper Brandner war zur Kloster-Apotheke nach Tegernsee gekommen, um sich Medizin zu holen, verstarb aber hier ganz plötzlich.

Franz von Kobell war geachteter Jäger, sein Buch „Wildanger“ diente viele Jahrzehnte als Ausbildungslektüre. Davon berichtete Schimeta, und auch über den letzten Wolf, der 1837 am Söllbachgraben von Forstwart Hohenadel erlegt wurde. Im Museum Tegernseer Tal bewahrt man bis heute einen Abdruck des Schädels dieses letzten Wolfes auf.

Zeitgenössische Musikbeispiele untermalen Lesung

Waren nun schon die vielseitigen Vorträge fürs Publikum beeindruckend, wurde der Abend durch die musikalische Umrahmung gar zauberhaft. Die Saitenmusik Höß-Hornsteiner-Halmbacher, die Gmunder Kaffeehausmusi (Martha und Helmut Höllwart, Michael Rieke) und der Seer Dreigesang (Klaus Altmann, Birgit Halmbacher und Martha Höllwart) präsentierten Musik aus jener Zeit. Da gab’s das Tegernseer Menuett oder die Stephanie-Polka, die Herzog Max im 19. Jahrhundert komponierte. Da gab es Lieder, die Franz von Kobell noch aufgezeichnet hat. Das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern und Musikprofessor Sepp Hornsteiner sorgten für die zeitgemäße Aufbereitung.

Am Ende hob der Seer Dreigsang, der sich unbedingt öfter zu Auftritten zusammenfinden sollte, zum „Verkehrten Jodler“ an, und die Atmosphäre im alten Tegernseer Barocksaal wandelte sich fast schon ins Erhabene: Oben, im Deckengemälde des Barocksaals, tummeln sich die fröhlichen Musen der Dichtung, des Tanzes, der Musik, das Kloster steht im Bild mit weitem Blick auf den See. Gleich wie im Gemälde machte draußen der Regen kurz Pause, der Nebel gab den Blick auf See und Berge frei, während die Musik spielte und Eisenburg las, wie der Brandner hinein ins Paradies geht: „Und die zwoa stenga jetz’ in an’ weit’n Saal mit durchsichtigi Wand wie g’schliffe’s Spieg’lglas und da hat ma’ weit ‘nausg’segn in an’ Gart’n mit die schönst’n Bloamen in alli Färb’n und mit großi Baam’ voll’ Aepfi und Birn und Pfersi’ und Pomerantsch’n (...) Die schönst’n Eng’I san ‘rumg’wand’lt mit silberni Flüg’I und es war a’ Freud’, daß ihm der Petrus, der zuag’schaugt hat, sich d’ Aug’n g’wischt hat.“

CD und Ausstellung mit Hörstation

Die CD mit Eisenburgs Lesung der „G’schicht von’ Brandner-Kasper“ im Original von Franz von Kobell mit historischen Musikbeispielen aus dem Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern ist zu zwölf Euro erhältlich im Museum Tegernseer Tal in Tegernsee. Dort ist die Sonderausstellung „Im bayerischen Paradies“ ab Sonntag, 15. Mai 2022, bis 3. Oktober 2022 zu sehen – und zuvor bei der zweiten „Langen Nacht der Kunst“ am Tegernsee am 13. und 14. Mai 2022. Die Lesung ist in der Ausstellung selbst an einer Hörstation zu finden. Infos gibt es auf der Internetseite des Museums.

Sonja Still

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