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Ein Fleckchen Erde, wie es Angela Brogsitter-Finck gefällt: Beim idyllisch gelegenen Boarhof in Holz stand die Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal der Heimatzeitung Rede und Antwort.

Über Kaltenbrunn, die Klinik, das Almdorf

Die SGT-Chefin im Interview: „Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt“

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Tegernseer Tal – Seit über 40 Jahren gibt's die SGT, seit 10 jahren steht Angela Brogsitter-Finck (72) an ihrer Spitze. Zeit in einem großen Interview zu resümieren - und für neue Projekte Kraft zu schöpfen.

Im Januar 1972 hat ein engagiertes Grüppchen die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, kurz SGT, gegründet. Und so lange es sie gibt, hat sie lautstark ihre Interessen vertreten. Erklärtes Ziel des Vereins ist der Schutz der Landschaft rund um den Tegernsee – große Bauprojekte verfolgen die Mitglieder mit scharfem Blick. Seit 2006 steht Angela Brogsitter-Finck (72) aus Festenbach den mittlerweile rund 500 Mitgliedern vor. Wir sprachen mit ihr über die Rolle der SGT im Tegernseer Tal.

Frau Brogsitter-Finck, Sie sind seit mittlerweile zehn Jahren Vorsitzende der SGT. Ihr Engagement ist ungebrochen – was treibt Sie an?

Brogsitter-Finck: Ich bin inzwischen Ansprechpartnerin für so viele Leute geworden. Tagtäglich nehmen Menschen aus dem gesamten Landkreis Kontakt zu mir auf und bitten mich um Hilfe. Das motiviert. Was mich allerdings traurig macht, ist die Tatsache, dass viele anonym bleiben möchten. Nach dem Motto: „Bitte unsere Namen nicht nennen!“ In manchen Fällen habe ich vollstes Verständnis dafür, würde mir trotzdem in anderen Fällen mehr Zivilcourage wünschen.

Klar, als Gegner großer Bauprojekte macht man sich ja nicht gerade beliebt. Ihnen als SGT-Vorsitzenden darf das wohl nichts ausmachen.

Brogsitter-Finck: Wissen Sie, ich habe mir von Anfang an ein dickes Fell zugelegt. Das war auch nötig, denn als wir zu Beginn meiner Amtszeit gegen die Luxushotel-Pläne in Kaltenbrunn gekämpft haben, sind wir massiv beschimpft worden. Ich halte es da mit dem Sprichwort „Ist der Ruf erst ruiniert...“.

Sie haben Kaltenbrunn angesprochen. Die SGT hat seinerzeit per Popularklage mit verhindert, dass die Hotel-Pläne Schörghubers zustande kamen. Der größte Erfolg der SGT?

Brogsitter-Finck: Ja, das ist bisher sicher unsere größte Errungenschaft gewesen. Ich bin überzeugt, die Mehrheit der Tal-Bürger denkt heute: „Gott sei Dank ist es so gekommen“. Durch die Entwicklung, die Kaltenbrunn mittlerweile genommen hat, fühlen wir uns bestätigt. Als bekannt wurde, dass Käfer die Gastronomie dort übernimmt, habe ich ihm sofort einen Brief geschrieben, ihm alte Fotos des Guts, eine Chronik und ein Kaltenbrunn-Gedicht geschickt. Er hat sehr nett reagiert und versprochen, sensibel mit Kaltenbrunn umzugehen. Später haben wir uns einmal getroffen und ein sehr offenes Gespräch gehabt. Wir hoffen, dass das Gut seinen einmaligen Charakter auch in Zukunft erhalten kann und nicht zu einer massentouristischen Location wird.

Michael Käfer will auf der Wiese oberhalb von Gut Kaltenbrunn einen großen Parkplatz anlegen. Das Landratsamt Miesbach hat dies vorerst abgelehnt. Und auch die SGT hatte sich massiv dagegen gewehrt.

Brogsitter-Finck: Die Schutzgemeinschaft hat bei einem neuerlichen Treffen mit Herrn Käfer ihren Standpunkt ganz klar dargelegt. Die SGT steht für Landschaftsschutz und weist auch auf das Urteil von Juli 2008 hin, in dem auch das Umfeld des Denkmals als unbedingt schützenswert erklärt wird. Sollte das Thema Parkplätze noch einmal aktuell werden, wird sich die Schutzgemeinschaft erneut dagegen zur Wehr setzen. Zunächst aber sind wir froh, dass hier die Gesetze, die wir zum Natur- und Denkmalschutz haben, vom Landratsamt auch befolgt werden.

Die Schutzgemeinschaft wird mittlerweile in den meisten Fällen als ernsthafter Ansprechpartner akzeptiert. Das war nicht immer so. Früher stand der Verein häufig in der Ecke der Nörgler und Querulanten.

Brogsitter-Finck: Das ist richtig. Wir pflegen inzwischen auch einen anderen Umgangston als früher. Außerdem versuche ich, durch hochkarätige Referenten, die wir regelmäßig an den Tegernsee einladen, den Leuten eine andere Sichtweise näher zu bringen. Wir haben inzwischen beste Kontakte zu Persönlichkeiten vom Natur-, Landschafts- und Denkmalschutz. Früher war bei der SGT häufig Aggressivität im Spiel, insofern war der Wechsel des Vorstands im Jahr 2006 vielleicht von Vorteil.

Wie sehen Sie heute die Rolle der SGT im Tegernseer Tal?

Brogsitter-Finck: Ich würde sagen, wir sind eine Art Mahner. Wir sagen den Leuten immer wieder: Die Landschaft ist unser Kapital, je mehr wir sie zubauen, desto weniger Menschen kommen zu uns. Und wir werden mit unseren Bedenken auch ernst genommen. Die Bürgermeister Peter Höß aus Bad Wiessee und Johannes Hagn aus Tegernsee laden uns inzwischen von sich aus ein, um uns bei großen Projekten die Pläne zu präsentieren. Bürgermeister Höß und der Landrat sind im Übrigen auch Mitglieder bei uns.

Wenn Sie zurückdenken: Welche waren die größten, erfolgreichsten Protestaktionen der SGT?

Brogsitter-Finck: Involviert waren wir zum Beispiel bei der Erweiterung des Medical Parks, allerdings ohne Erfolg, bei den momentan ruhenden Erweiterungsplänen des Westerhofs und beim mittlerweile gescheiterten Aja-Hotel. Als es um die Ausbau-Pläne der Orthopädischen Klinik in Tegernsee ging, haben wir im Dezember 2013 sogar einen Protestmarsch organisiert. Über 300 Leute haben mitgemacht. Das war ein deutliches Zeichen. Im direkten Anschluss haben wir eine talweite Unterschriften-Aktion gegen den Ausverkauf unserer Heimat gestartet. 1800 Unterschriften konnten wir damals Bürgermeister Hagn übergeben. Auch haben wir die Petition gegen das Almdorf in Tegernsee unterstützt.

Das Almdorf kommt dennoch, die Petition wurde abgelehnt. Rückschläge zu akzeptieren, gehört für die SGT vermutlich dazu.

Brogsitter-Finck: Ja, das muss man hinnehmen. Wir können freilich nicht immer eine Popularklage anstrengen, das ist eine sehr teure Angelegenheit. Das Almdorf war nicht mehr zu verhindern. In diesem Fall muss man sagen: Ihr wolltet es so, jetzt werdet Ihr mit der Verkehrssituation an diesem Hang leben müssen. Da erinnere ich mich immer an einen Satz des verstorbenen Heimatschützers Michael Heim. Der sagte einmal: „Wir bauen die Landschaft zu für Gäste, die dann nicht mehr kommen, weil wir die Landschaft zugebaut haben“.

Aber Sie nehmen sich ja nicht nur der großen Projekte an.

Brogsitter-Finck: Das stimmt. Als es darum ging, den Gasthof Glasl in Rottach-Egern abzureißen und durch Wohnhäuser zu ersetzen, haben wir zum Beispiel zusammen mit einer Gemeinderätin aus Rottach-Egern das Denkmalamt eingeschaltet. Daraufhin wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Wir sind dafür sehr beschimpft worden. Aber schließlich geht das Haus auf das Jahr 1870 zurück – dort hatte schon der Wildschütz Jennerwein seinen Stammtisch. Und es war eines der schönsten Gasthäuser des Tals.

Die SGT wird heute wohl dringender benötigt denn je. Haben Sie einen Appell für die Zukunft?

Brogsitter-Finck: Wir müssen gemeinsam überlegen, wohin wir wollen und dürfen nicht aufs Geratewohl weiterbauen. Im Grunde sollten wir dem Rat unserer Referenten, des Alpen-Forschers Professor Werner Bätzing und des Architekten Heiner Förderreuther, folgen: erst einmal Deckel drauf und in Ruhe überlegen, welche Entwicklung wir uns für unser schönes Tal wünschen.

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