Blick auf den Bahnhof Tegernsee.
+
Blick auf den Bahnhof Tegernsee.

Ortstermin am Bahnhof

So leben Tegernseer mit dem Lint

  • Gerti Reichl
    vonGerti Reichl
    schließen

Von wegen moderner und leiser: Mit der Einführung der Lint-Züge der BRB ist die Belastung für die Anwohner des Bahnhofs Tegernsee offenbar schlimmer geworden.

Tegernsee – Den Spruch, er müsse eben mit Lärm leben, wenn er in Bahnhofsnähe wohne, kann Rudi Geidner schon nicht mehr hören. Das Haus seiner Familie, in dem er wohnt, ist etwa so alt wie der Bahnhof – und der wurde 1902 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Josef Haller geht es nicht anders. Zusammen mit Andreas Feichtner, der sich seit jeher für Mobilitätsthemen in Tegernsee interessiert und für die CSU im Stadtrat sitzt, sowie Tegernsee-Bahn-Geschäftsführer Heino Seeger stehen sie an diesem frühen Morgen am Gleis und warten auf den einfahrenden Lint („Leichter Innovativer Triebwagen“) aus München. Sie wollen endlich einmal laut sagen, was der Betrieb am Bahnhof für sie bedeutet und wo die Probleme liegen. Jetzt, mit der Einführung der 25 neuen Lint-Züge und der öffentlich geführten Debatte um Missstände wie Quietschen und Lücken am Bahnsteig ist es höchste Eisenbahn dafür, finden sie.

Motoren

Die drei Dieselmotoren in jedem Zug sollen leiser sein, heißt es. Von einem „völlig neuen Mobilitätserlebnis“ hatte BRB-Geschäftsführer Fabian Amini bei der Einführung im Juni gesprochen (wir berichteten). „Wir erleben aber, dass es nicht so ist“, sagt Heino Seeger. Die Motoren seien eben „anders laut“. „Wie in einem alten Dieselbus“, findet Rudi Geidner. Hersteller Alstom aus dem niedersächsischen Salzgitter wirbt für die Züge vom Typ Coradia Lint dennoch mit „höchsten Standards in Bezug auf Sicherheit, Lärm und CO2-Emissionen.“

Ortstermin am Bahnhof: (v.l.) Heino Seeger, Rudi Geidner, Andreas Feichtner und Josef Haller.

Druckluft

Morgens um 4 Uhr ist für die Nachbarn die Nacht vorbei. Fünf oder gar sechs Züge (Seeger: „Demnächst noch mehr, wenn sechs weitere Lints im Oberland verteilt werden“) warten auf den Gleisen, teils nur wenige Meter vom Wohnhaus an der Pöttingerstraße entfernt. Die Motoren starten und damit der „höllische Lärm“, so die Anwohner, der Dieselmotoren, die zunächst zur Erzeugung der Druckluft dienen. Die Behälter für Druckluft müssen gefüllt werden, weil jeder Zug diese Luft zum Bremsen und Steuern braucht. Ist der Behälter voll, öffnet sich mit einem „pistolenartigen Knall“ das Überdruckventil, „das ist dann etwa alle zwei Minuten der Fall“, weiß Geidner. Zudem müssen Bremsproben gemacht werden. Bis der erste Zug abfährt – also um 5.05 Uhr. „Triebfahrzeugführer, die mitdenken, machen die Motoren aus, wenn die Behälter voll sind. Andere lassen sie laufen und gehen einfach Kaffeetrinken. Kann man da nichts machen?“, fragt Geidner, der seine Sorgen schon mehrmals per Mail loswerden wollte, nie aber Antwort bekam. Doch, sagt Seeger und kündigt für 2021 oder 2022 die Umsetzung folgender Pläne an: Der Hauptbahnsteig an Gleis 1 und 2 in Tegernsee muss um 38 Zentimeter angehoben werden. Im Zuge dessen werden Kanäle und Leitungen Richtung Güterhalle verlegt. Dort sollen, gut abgeschirmt, ein E-Motor zum Antrieb eines Kompressors und ein Luftbehälter untergebracht werden, um die automatische und kontinuierliche Versorgung der Züge zu ermöglichen. Allerdings wird die Bahnsteigerhöhung nicht über die ganze Länge des Bahnsteigs bis auf Höhe des Bahnhofs umgesetzt. Der Denkmalschutz macht hier einen Strich durch die Rechnung. Und in Zukunft bleiben die Züge dann einfach früher stehen. Übrigens: Auch die ausgemusterten Integrale wurden mit Druckluft versorgt und verursachten Lärm. Es wurde seinerzeit von der früheren Bayerischen Oberlandbahn (BOB) alles dafür getan, um die Geräusche zu vermindern: Ein Schalldämpfer wurde vor dem Überdruckventil aufgesetzt. „Beseitigt“, weiß Geidner, „war die Situation aber nie ganz.“

Stellwerk

Auch hier muss Tegernsee aufrüsten. Denn das manuelle Stellwerk aus dem Jahr 1902 wurde vor etwa 20 Jahren nur teilweise durch ein elektrisches Stellwerk ersetzt. Zwei Weichen müssen noch immer von Hand gestellt werden. „Bei meiner Eisenbahn, die ich als Kind hatte, ging das schon automatisch“, schmunzelt Geidner. Seeger spricht von Investitionskosten von ein bis zwei Millionen Euro.

Quietschen

Dass die Lint-Züge in Kurven quietschen und damit Anwohner nerven (wir berichteten), sei wegen der starren Achskonstruktion absehbar gewesen, erklärt Seeger. Auch bei den Integralen sei das Quietschen anfangs ein Problem gewesen, doch hätte man dort nachgebessert. Seeger: „Aber die Integrale hatten radial einstellbare Radsätze, und somit war das Quietschen konstruktionsbedingt sehr reduziert worden. Hinzu kommt, dass die alte BOB in den Innenseiten der Radscheiben der Integral-Triebzüge Sprengringe verbaut hatte, die als Schalldämpfer wirkten.“ Dass zudem die Bremsen der Lint-Züge beim Halten einen Pfeifton erzeugen und damit lauter seien als die der Integrale, sieht Seeger zum einen in der Wahl des Materials und zum anderen in der Technik der Scheibenbremsen begründet.

Türen

Während früher beim Integral der penetrante Pfeifton nur beim Türenschließen ertönte und nach damaligen Beschwerden in einen angenehmeren Dreiklangton geändert wurde, ist nun zusätzlich auch beim Öffnen ein scharfer Warnton zu hören. Bis weit nach Mitternacht ertönen die Signale, wenn Putzkolonnen in den parkenden Zügen von Tür zu Tür kehren und den Anwohnern signalisieren, dass auch bei der BRB noch nicht an Schlaf zu denken ist.

Ausblick

Bahnsteigerhöhung, Stellwerk, Druckluftanlage – die Tegernsee Bahn, deren Gesellschafter zu je 45 Prozent die Stadt Tegernsee und die Gemeinde Gmund sowie zu zehn Prozent der Landkreis Miesbach sind, muss ihre Hausaufgaben machen und kräftig investieren. Inwieweit sich die BRB beteiligt, muss noch verhandelt werden. Seeger hat in Arnulf Schuchmann, Technischer Geschäftsführer der BRB, einen Gesprächspartner mit einem offenen Ohr gefunden.

Gibt es Hoffnung für die Anwohner, ehe die Maßnahmen umgesetzt sind? Oder wird alles noch schlimmer, wenn mit dem Fahrplanwechsel im Dezember der dichtere 30-Minuten-Takt kommt? Spätestens dann, fordert Andreas Feichtner, sei die Anpassung des RVO-Busplans nötig. aber das ist eine andere Baustelle. Und auch nicht nur in Tegernsee, auch in Gmund beschweren sich Anwohner.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Toter Arzt am Tegernsee: 49-Jährige soll ihren Mann getötet und auf seiner Asche masturbiert haben
Toter Arzt am Tegernsee: 49-Jährige soll ihren Mann getötet und auf seiner Asche masturbiert haben
Gmund: Bauarbeiter sägt sich in Hand - Kripo ermittelt
Gmund: Bauarbeiter sägt sich in Hand - Kripo ermittelt
Nach Bachmair am See: Nächstes Luxus-Hotel am Tegernsee schließt völlig überraschend
Nach Bachmair am See: Nächstes Luxus-Hotel am Tegernsee schließt völlig überraschend
Tödlicher Wanderausflug: Mann bricht in den Tegernseer Alpen zusammen - Todesursache gibt Rätsel auf
Tödlicher Wanderausflug: Mann bricht in den Tegernseer Alpen zusammen - Todesursache gibt Rätsel auf

Kommentare