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Wer sich hier niederlässt, fühlt sich wohl: Der Tegernsee steht vor allem bei Personen jenseits der 50 hoch im Kurs. Doch die Zuwanderung verändert das Tal.

Studie legt Veränderungen offen

Wird der Tegernsee ein Altersheim für Super-Reiche?

Welche Folgen hat die Zuwanderung? Wird die Region ein Altersheim für Wohlhabende oder haben junge Familien eine Chance? Eine 60-seitige Studie zeigt, wie sich das Tegernseer Tal verändert.

Tegernseer Tal – Die Talbewohner werden immer reicher und immer älter. An den Häusern und Wohnungen sind immer mehr Rollläden heruntergelassen. Ist es gefühlt nicht so? Das Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wollte es genauer wissen. Für ihre Studie nahm Autorin Cindy Rabe die Stadt Tegernsee und die Gemeinde Rottach-Egern unter die Lupe. Sie interviewte zwischen Juni und November 2015 Gemeindevertreter, Kirchenmitarbeiter und Immobilienhändler, befragte Zugewanderte, widmete sich der Definition „Einheimischer“ und machte sich auf die Spur von Wanderungsmotiven. Wir haben das Werk zusammengefasst:

Gründe für die Zuwanderung

Die Verbesserung der Lebensqualität, so Rabe, stehe für viele Zugezogene an erster Stelle. Dazu gehöre die gute Infrastruktur, das Klima mit viel Sonnenstunden und der hohe Bekanntheitsgrad des Tals. Auch das Streben nach Prestige sei ein Grund. Hier lebende Prominenz wirke anziehend auf weitere Zuwanderer. Zudem sei das Tal ein Refugium, um sich von der Globalisierung zurückzuziehen.

Zuwanderungstypen

Insgesamt, so die Studie, ziehen vor allem Menschen ab 50 Jahren zu, jedoch zu wenige junge Familien mit Kindern. Rabe teilt die Zuwanderer in vier Typen ein. Der Rückwanderer: Er ist zwischen 35 und 45 Jahre alt, hat das Tal einst verlassen (meint mit Beginn der akademischen Ausbildung), ist dann zurückgekehrt, hat seinen Lebensmittelpunkt zwar im Tal, pendelt jedoch viel mit dem Auto. Das Verhältnis zur lokalen Bevölkerung bezeichnet er als positiv oder neutral.

 Der „Amenity Migrant“: Er ist über 60 Jahre alt, zielt auf eine Verbesserung der Lebensqualität ab, weitere Aspekte wie Beruf spielen keine Rolle. Er hat kaum Kontakt zu Einheimischen. Der Familienwanderer: Er ist 30 bis 40 jahre alt, meist weiblich, nach der Zuwanderung wird er auffallend oft geschieden, das Verhältnis zu Einheimischen ist gut. Der Berufswanderer: Er ist zwischen 20 und 40, meist männlich, die Integration ist problemlos. Negativ bewertet er die hohen Immobilienpreise sowie Lebenshaltungskosten und die Bezeichnung, ein „Preuße“ zu sein.

Wo Zuwanderer wohnen

In Tegernsee ist der südliche Leeberg das bevorzugte Ziel, ein Wohnort in Rottach-Egern sollte See- und Bergblick haben. Ihre Freizeit verbringen sie meist im Tal – was ja schließlich auch ein Grund für die Zuwanderung war.

Auswirkungen der Zuwanderung

Nach Meinung der Experten geht ein Großteil der Zugezogenen entweder keiner Tätigkeit nach (da bereits in Rente) oder ist nicht selbständig. Wer arbeitet, pendelt meist, da es außer im Tourismus kaum Arbeitsplätze gibt. Zum Teil werden eigene Ladengeschäfte geführt – in Tegernsee mehr als in Rottach-Egern, wo die Läden eher von Einheimischen geführt werden.

Auswirkungen auf den Immobilienmarkt

Die Preise in der Premiumregion Tegernsee, prognostiziert die Studie, werden weiter steigen. Das Angebot entspreche nicht den Bedürfnissen der Einheimischen. Weil Immobilien vor allem der Geldanlage dienen, könne von Spekulationen gesprochen werden. Wenn überhaupt, dann seien es die Erben der Zugezogenen, die ihre Immobilien verkaufen würden.

Soziale Auswirkungen

Während einigen Zuwanderern die Integration gelingt – vor allem durch Kinder und Arbeit – hätten es Besitzer von Zweitwohnungen schwer. Die Teilnahme an Wald-, Vereins- und Seefesten sowie an den Stammtischen im Bräustüberl fördere die Integration, glauben Experten vor Ort. Die Realität sehe aber anders aus, so die Zuwanderer. Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen hätten zwar ein hohes soziales Bewusstsein, sie bringen sich aber meist nicht selber ein, sondern unterstützen Aktionen eher finanziell oder spenden etwas. Negativ wird angemerkt, dass durch die Zuwanderung das Leben zunehmend städtisch geprägt sei.

Veränderung des Ortsbildes

Auch wenn der Anteil höher eingeschätzt wird: Rottach-Egern hat rund 16 Prozent Zweitwohnsitze, in Tegernsee sind es 20. Dies, so die Studie, sei dennoch ein sehr hoher Anteil, verglichen mit anderen Regionen in Deutschland.

Die Bewertung

Die Zuwanderung wird von der alteingesessenen Bevölkerung jeweils nach dem Verhalten bewertet und nicht pauschal als gut oder schlecht. Positiv werden unter anderem die Steuereinnahmen und die Zunahme der Kaufkraft bewertet. Auch würde das Bewusstsein für Tradition und Heimat gestärkt. Negativ wird die Überalterung, der Wegzug der Jungen, die Verdrängung der Einheimischen aufgrund steigender Preise, der Anstieg der Kriminalität und die Veränderung des Ortsbilds durch Zweitwohnungen gesehen.

Fazit

Durch die Migration kommt es zu einer angespannten Lage auf dem Immobilien- und Grundstücksmarkt. Städtische Lebensweisen nehmen zu. Experten wüssten zwar um die Probleme für einheimische Familien, aber aufgrund rechtlicher Hindernisse seien die Handlungsmöglichkeiten beschränkt. „Bislang wird es von den Gemeinden versäumt, das wirtschaftliche und soziale Potenzial effektiv zu nutzen“, resümiert die Autorin. Von der Nutzung dieses Potenzials und dem Setzen erfolgreicher Maßnahmen auf dem Immobilienmarkt hänge es ab, welchen Einfluss die Zuwanderung auf künftige Entwicklungen habe, ob die Region attraktiv und dynamisch bleibe oder „ein Altersheim für Wohlhabende“ werde.

Das sagt Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn

„Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse und geht in die Tiefe. Wir kennen bereits die mit der Zuwanderung verbundenen Problematiken und versuchen gegenzusteuern.“ Jeder, der hierher komme und baut müsse sich darüber klar sein, dass er Natur zerstöre, die er suche. Die Kuhglocken-Debatte aus Rottach-Egern sei ein Beispiel dafür.

Die gesamte Studie zum Nachlesen gibt‘s hier.

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