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Am 30. Januar ist Schluss: Gertraud Eberwein (2.v.l.) gibt ihre Bäckerei in Tegernsee auf. Betroffen sind die Bäcker Melanie Simon, Maria Haslach, Bettina Pfeifer, Marion Schmitt, Norbert Heidenreich und Thomas Schneider.

Inhaberin fühlt sich "verarscht"

In der Bäckerei Eberwein ist bald der Ofen aus

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Tegernsee - Die Bäckerei Eberwein in Tegernsee-Süd ist ein Traditionsbetrieb, der zuletzt im Wettstreit mit den Großbäckern nicht mehr mithalten konnte. Jetzt ist endgültig Schluss.

Auf diesen Tag ist Gertraud Eberwein (63) inzwischen vorbereitet: Am Samstag, 30. Januar, wird sie zum letzten Mal ab morgens um 6 Uhr in ihrem kleinen Laden stehen und frische Semmeln, Brezen, Brote und Gebäck oder das ein oder andere Lebensmittel über die Ladentheke reichen. Bis 12.30 Uhr. „Dann wird der Schlüssel umgedreht, für immer“, sagt die 63-Jährige. „Es tut mir wahnsinnig leid für meine Stammkunden, aber es hilft nichts. Kosten und Erlöse rechnen sich nicht mehr.“ 

Eberwein macht den Strukturwandel verantwortlich für diese Entwicklung: „Die Zeiten für kleine Läden sind einfach vorbei.“ Mit der Eröffnung des Discounters Lidl schräg gegenüber habe es 2009 angefangen. „Als dann dort auch noch ein Backshop eröffnet hat, ist der Zug komplett abgefahren“, sagt Eberwein. Nicht nur als Geschäftsfrau, sondern als Bürgerin fühle sie sich „verarscht“, zumal Lidl eigentlich zweimal von den Tegernseern per Bürgerentscheid abgelehnt worden sei. Das Einkaufsverhalten habe sich verändert, „vor allem, weil jede Tankstelle und jeder Lotto-Shop günstige Backwaren anbieten“. Ihre Ware habe nunmal ihren Preis, und der liege eben deutlich über dem Discounter-Produkt. 

Auch das Liefergeschäft sei zuletzt eingebrochen. „Früher versorgten wir viele Gästehäuser, jetzt wird dort hauptsächlich Tiefkühlware aufgebacken“, weiß Eberwein. Auch das Gymnasium gehörte zu ihren Kunden. „Letztes Jahr, am zweiten Schultag, hat man mir dann gesagt, dass jetzt so viele Flüchtlinge da seien. Man habe einen Großbäcker gefunden.“ Das war’s. 

Mit der Schließung stirbt wieder ein Stück Tradition. Denn die Bäckerei Eberwein gehörte bisher zu den noch wenig verbleibenden Betrieben am Tegernsee, die jede Breze noch per Hand drehen. Hier werden nicht einfach Tiefkühl-Teiglinge im Ofen aufgebacken und Brote aus Fertigmischungen den ganzen Tag über frisch angeboten. „Wir haben fast alles nach eigenen Rezepten hergestellt“, erzählt Eberwein. 

1948 hatte ihr Vater Richard Eberwein in dem Haus an der Schwaighofstraße die Bäckerei eröffnet. Sohn Hubert sollte den Betrieb eines Tages übernehmen. Doch er starb 1986 an Leukämie. Seine Schwester Gertraud war beruflich als Oberstudienrätin in Würzburg tätig, erledigte aber schon immer nebenher die Buchhaltung. Als ihr Vater 2003 starb, kehrte Gertraud wieder heim an den Tegernsee und übernahm den Betrieb, zu dem auch ein kleines Café mit gut 30 Plätzen und einer Terrasse gehört, in dem auch Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn offenbar regelmäßig einkehrte. Neun Angestellte hatte Eberwein zuletzt, drei in der Backstube, sechs im Laden. Als ihr Meister in der Backstube 2011 aufhörte, bekam sie eine Ausnahmegenehmigung, und der dienstälteste Geselle durfte weitermachen. 

Was aus dem Laden nun wird, kann die Inhaberin noch nicht sagen. Ihre Mitarbeiter seien zum Glück alle woanders untergekommen. Eberwein wohnt selbst im ersten Stock und kann sich gut vorstellen, dass wieder ein Laden dort einzieht. Bewerbungen hat sie schon.

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