Graugänse Tegernsee
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Die Graugänse, hier mit ihrem Nachwuchs auf der Point, haben sich am Tegernsee stark vermehrt.

Tiere sorgen für „gesetzliche Gemengelage“

Was tun gegen die Vermehrung der Graugänse?

  • Gerti Reichl
    vonGerti Reichl
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Die Graugänse am Tegernsee vermehren sich – und alle sind ratlos. Wie könnte man das Problem in den Griff kriegen?

Tegernsee – Sie kamen vor vier Jahren. Zuerst waren es wenige. 2019 zählte Wolfgang Hiller aus Gmund dann schon zwischen 18 und 21 Individuen. Der 85-jährige Vogelexperte bei der Miesbacher Kreisgruppe vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) ist für das Landesamt für Umwelt in Bayern ehrenamtlich als Koordinator der Internationalen Wasservogelzählungen tätig und am Tegernsee seit fast 40 Jahren aktiv. Regelmäßig erheben er und ein Team von fünf bis sieben Mitarbeitern die Bestände und liefern die Ergebnisse an die Staatliche Vogelschutzwarte in Garmisch-Partenkirchen. Von dort gehen die Zahlen an die Deutschlandzentrale nach Münster und weiter an die Europazentrale im britischen Slimbridge. Gegenmaßnahmen, so der Experte, können dort ergriffen werden.

Graugänse am Tegernsee: Das sagt der Vogelexperte

„Seit drei Jahren haben die Tiere am Tegernsee Bruterfolge“, sagt Hiller und legt neue Zahlen vor. So waren es im April insgesamt 50 Graugänse – 20 Erwachsene und 30 Jungvögel. Hiller ist sich ziemlich sicher, dass die Bruten an der Ringseeinsel oder Umgebung stattgefunden haben. „Frisch gemähtes Gras lieben sie besonders“, sagt Hiller und hält dies für den Grund, warum sich die Graugänse, die gelegentlich auch von Mischlingen wie Schwanen- oder Kanadagans begleitet werden, mit Vorliebe auf der Point in Tegernsee, dem Schorn in Rottach-Egern und am Segelhafen in Bad Wiessee aufhalten. Hiller weiß, dass von der Nord- und Ostseeküste immer mehr Gänse ins Alpenvorland, die Seen und den Großraum München kommen. So gab es Mitte März etwa 100 Gänse am Ammersee, jeweils 80 am Chiemsee und Starnberger See, 50 in München-Nymphenburg und 40 an den Ismaninger Stauseen. „Die guten Flieger suchen sich immer neue Lebensräume und besiedeln sie. Durch die wärmeren, meist schneefreien Winter haben die Gänse ganzjährig Zugang zur Nahrung.“

Hiller findet, dass die Zahl bedenklich zugenommen habe. Wie könnte sie wieder reduziert werden? Selbst der Vogelexperte weiß da keinen Rat: „Die Tiere sind schlau. Wenn man Gänse entnimmt, dann wird das Loch wieder aufgefüllt.“ Das müsse man sich so vorstellen: „Die Tiere stehen untereinander in Kontakt, einige machen Kundschafterflüge und signalisieren, dass es am Tegernsee schön ist. Dann kommen neue Gänse. Das ist wie bei den Touristen.“

Graugänse: Tegernsees Bürgermeister sucht das Gespräch

Die Badesaison naht, und angesichts der riesigen Kotmengen der Gänse (zwei Kilogramm, verteilt auf 170 Portionen scheidet jede Gans täglich aus), wächst die Sorge wegen der unangenehmen Situation auf den Liegewiesen. Im Stadtrat erkundigte sich Manuela Brandl (BürgerListe) jüngst wegen Gegenmaßnahmen. „Wir sind seit Jahren mit dem Landratsamt im Gespräch“, sagt Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) auf Nachfrage. Man müsste die Tiere „entnehmen“, sagt er. Die Deutung dieses Worts reicht von fangen, betäuben und versetzen, bis zu jagen. „Doch dafür findet sich kein Jäger, der die Verantwortung übernehmen will“, weiß Hagn. Er will das Problem Graugans demnächst in der Bürgermeisterrunde thematisieren. Denn allein Tegernsee könne dafür nicht zuständig sein.

Tierschützer lehnen Jagd der Graugänse ab

Der Tierschutzverein Tegernseer Tal lehnt eine Jagd strikt ab. „Die bringt nichts und würde nur noch mehr Schaden anrichten“, glaubt die Vorsitzende Johanna Ecker-Schotte. Dem Versuch, die Tiere umzusiedeln, räumt sie keine Erfolgschancen ein. „Außerdem finden sich keine Freiwilligen, schon allein deshalb, weil wir wegen der Corona-Krise keine Spenden mehr haben.“ Das Aufbauen von Hindernissen oder Flatterzäumen wäre eine Möglichkeit, um die Tiere zu vergrämen. Auch die Entnahme von Eiern wäre möglich, um die nächste Population zu verringern, schlägt Ecker-Schotte vor.

Graugänse: So argumentiert das Landratsamt

Wer ist nun zuständig für die Graugänse? „Eigentlich die Stadt Tegernsee als örtliche Sicherheitsbehörde, allerdings auch mehrere Bereiche des Landratsamtes“, sagt Sprecherin Sophie Stadler und spricht von einer „gesetzlichen Gemengelage“. Da sei einerseits das Sicherheitsproblem – vor allem dann, wenn etwa Kleinkinder dort spielen, wo die Uferbereiche durch Überpopulation verkotet seien. „Die Stadt Tegernsee als örtliche Sicherheitsbehörde müsste also geeignete Maßnahmen treffen, um die Gefahr einzudämmen.“ Gemeinsam mit dem Fachbereich Öffentliche Sicherheit am Landratsamt sei daher schon überlegt worden, die Tiere einzufangen. Dies sei so gut wie unmöglich. Auch das Stutzen der Flügel, um zu verhindern, dass sie zurückfliegen, sei nicht mehr erlaubt. Das Einsperren in einer Volière sei für wilde Vögel ebenso nicht geeignet, so Stadler. Sie betont aber: „Eine Lösung muss auch aus naturschutzfachlicher Sicht gefunden werden.“ Denn: Die Gänse hätten erheblichen Einfluss auf die Natur, sie würden heimische Tierarten verdrängen, den See verunreinigen und Einfluss auf das mikrobiologische Gleichgewicht nehmen.

Sollte Tegernsee keine andere Lösung präsentieren, müssten die Tiere entnommen werden. „Das ist natürlich eine sehr unpopuläre Entscheidung“, räumt Stadler ein. Zwischen 1. August und 15. Januar sei die Jagdzeit für Graugänse, „darüber hinaus könnten Sondergenehmigungen erteilt werden, wenn die Gefahr, die von den Gänsen ausgeht, zu groß wird.“ Die Stadt Tegernsee müsste die Entnahme bei der Jagdbehörde beantragen, „dann könnte über die Sondergenehmigung entschieden werden.“ Wer den Schwarzen Peter im Fall der grauen Gänse hätte, liegt dann auf der Hand.

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Rottacher Ladeninhaberin fordert Öffnung am Sonntag.

gr

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