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Mühevolle Arbeit: Sixtus Lampl hat ein Werk für das Tegernseer Klosterjubiläum 1746 wiederentdeckt und bereitet die Noten für eine Aufführung vor. 

Sixtus Lampl (79) überträgt alte Noten in die heutige Zeit

Tegernseer Musikschatz ausgegraben

  • Gerti Reichl
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Dass Corona zum Daheimbleiben zwang, kam Sixtus Lampl (79) gerade recht: Er hat einen Musikschatz ausgegraben und überträgt die Noten in die heutige Zeit. 

Tegernsee/Valley – Sixtus Lampl sitzt an seinem großen Schreibtisch im Alten Schloss Valley und blickt hinaus auf die weißen Rosen im Schlossgarten, die in der Sonne leuchten. Vor ihm auf dem Tisch ein Stapel Kopien alter – nein, sehr alter – Notenblätter. Sie stammen aus dem Jahr 1746 und ziehen den Musikwissenschaftler in seinen Bann. Es handelt sich um die „Cymbala Jubilationis“, sechs Messen mit dem Obertitel „Opus X“, die Frater Marianus Königsperger (1708-1769) aus dem ehemaligen Benediktinerkloster Prüfening bei Regensburg komponiert und einst dem Tegernseer Abt Gregor Plaichshirn (1685-1762) gewidmet hat.

Vor 50 Jahren hatte sich Lampl das Opus X des Fraters bereits vorgeknöpft. Der ehemalige Oberkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Träger der Denkmalschutzmedaille des Landkreises ist schon immer fasziniert von unbekannten Musikwerken bayerischer Klöster. Mit dem Kloster Tegernsee verbindet den Schlierseer dabei eine ganz besondere Beziehung. In der Barockaula hat er sein Abitur geschrieben, später verfasste er seine Doktorarbeit über „Die Klosterkirche Tegernsee“.

Immer wieder gräbt Lampl Musikwerke aus, transkribiert sie in heutige Noten und studiert sie mit seinen Valleyer Barockmusikfreunden ein. So war es auch beim Werk Königspergers, der zu seiner Zeit bereits sehr berühmt war, da seine Musik schon damals vom Verlagshaus Lotter in Augsburg gedruckt und verlegt wurde. Die alten Noten bekam Lampl aus der Bayerischen Staatsbibliothek. Sie dienten als Vorlage, um daraus bereits 1970 das „Kyrie“ und das „Gloria“ in Partitur zu schreiben. Die abgeschriebenen Noten blieben bis 2019 in Lampls Archiv, ehe er das „Kyrie“ zu Königspergers 250. Todesjahr mit seinem Ensemble in der Zollingerhalle in Valley in der Reihe „Musica di Baviera“ aufführte.

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Noten für das Jahrtausend-Jubiläum des Klosters Tegernsee

des „Ich habe damals noch nicht geahnt, dass dieses Opus X für das Tegernseer Jahrtausend-Jubiläum 1746 komponiert worden war“, erzählt Lampl. Hinweise im lateinischen Text zu den Noten hätten ihn jedoch neugierig gemacht. „In der Staatsbibliothek wollte ich die Reststücke bestellen, doch man gab mir die Auskunft, dass die Noten nicht vorhanden seien. Man bemühte sich aber um die Originalnoten und verwies mich an einen Kontakt im Archiv in Münster“, berichtet Lampl. Gregor Dworzak, Vorsitzender des Fördervereins für das Museum, das Orgelsammler Lampl plant, kam ihm schließlich zu Hilfe, um die Noten doch in der Staatsbibliothek ausfindig zu machen.

Seit einem halben Jahr sitzt der 79-Jährige nun daran, die fehlenden Stimmen in heute übliche Notenschrift zu übertragen. 15 Sätze hat das Werk, „für Orchester und Sopran hab ich die neuen Noten schon geschafft“, sagt Lampl. Etwa 300 Stunden Schreibarbeit wird er schätzungsweise brauchen.

Dann kann er 2021 mit dem Einstudieren für Soli, Chor und Orchester beginnen. „Die Musik wird kulturgeschichtlich durch die Wiederaufführung ein Highlight“, kündigt Lampl schon jetzt an. „Denn bisher wurde noch bei keinem Kloster in Bayern eine derartige Jahrtausend-Messe der damaligen Zeit aufgefunden und wieder aufgeführt.“ Durch die Säkularisation 1803 sei leider unendlich viel von dieser musikalischen Blüte zerstört und kostbares Notenmaterial verbrannt, sagt er. „Wir stehen“, da ist sich Lampl sicher, „damit an einer Anfangserkenntnis, welch künstlerisch geistiges Leben aus dem 18. Jahrhundert vernichtet wurde.“

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Was die Zuhörer wohl erwartet? Wenn Lampl die Noten auf sein Blatt schreibt, dann hört er sie schon: die „wohlgeformte Barockmusik“, die freilich nichts mit Mozart zu tun habe, „etwas abstrakt, aber wohlgeformt“ sei.

Natürlich hat Lampl Monsignore Walter Waldschütz bereits von seiner kostbaren Wiederentdeckung informiert. „Er zeigte schon im letzten Jahr für das Kyrie großes Interesse.“ Für eine Gesamtaufführung in der ehemaligen Klosterkirche Tegernsee durch das Ensemble Musica di Baviera wird Waldschütz die Schirmherrschaft übernehmen.

Noch ist es nicht so weit. Viele Stunden Arbeit liegen noch vor dem Musikwissenschaftler. „Das ist anstrengend“, sagt Lampl. „Vier Stunden kann ich am Stück darüber sitzen, dann muss ich wieder Pause machen.“ Ein Blick auf die Rosen in seinem Schlossgarten hilft ihm dabei.

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gr

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