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Unser Seegeist Michael Heim ist am 29. Januar gestorben.

"Der König ist gegangen"

So rührend verabschiedet sich der "Überführer" von Michael Heim

Tegernseer Tal - Am 29. Januar ist Michael Heim gestorben. Der Historiker war Kolumnist der Tegernseer Zeitung, schrieb als Seegeist bissige Kommentare. Heute nimmt sein Briefpartner, der Überführer, von ihm Abschied.

1983 erschien in der Tegernseer Zeitung die erste Kolumne von Michael Heim. Der Journalist und Historiker schrieb fortan im Wechsel mit Redakteur Hans Sollacher, später mit dem Überführer (seine Identität ist nach wie vor geheim), scharfe Kommentare, die der Gesellschaft am Tegernsee den Spiegel vorhielten. Die Kolumnen erschienen stets in der Wochenendausgabe der Tegernseer Zeitung. 

Am 29. Januar 2015 ist Michael Heim gestorben. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir hier ausnahmsweise den Brief des Überführers, der in der Wochenendausgabe der Tegernseer Zeitung vom 9./10. Januar zum Abschied an Michael Heim erscheint.

Geneigter Leser,

Schweigen ist ein Wort, und damit schon wieder fast sein eigenes Gegenteil. Schweigen ist manchmal ein bewusster Vorgang, die Entscheidung, nachzudenken, bevor man die Stimme erhebt. Schweigen aber kann auch das Fehlen der Worte sein, die hier stehen sollten, denn an wen richte ich meinen Brief, wenn der Adressat ihn gar nicht mehr lesen kann? 

Mein Brieffreund, der Seegeist, ist gegangen, und das neue Jahr beginnt mit einer Lücke, die hier an dieser Stelle so groß ist wie die Welt. Ich habe als Kind und Jugendlicher diese Zeitung nicht so regelmäßig gelesen wie die Eltern und Älteren, doch jeden Samstag blätterte ich eifrig zur Kolumne von Seegeist und Redakteur. Nicht alles habe ich damals verstanden, aber ich liebte die Sprache, den Witz, ich mochte es, wenn die Großkopferten und Gscheithaferl ein bisserl Gegenwind bekamen. Diese Kolumnen, das wurde mir später klar, waren aktive Charakterbildung für viele Personen des öffentlichen Lebens hier im Tal. Wer Macht ausübt, muss lernen, über sich selbst zu lachen, muss es ertragen, dass ein Seegeist kommt, dessen Weitsicht, Bildung und Verständnis der Zusammenhänge deutlich weiter über den zeitlichen und räumlichen Horizont hinaus reicht als der Tunnelblick vieler anderer Beobachter, mich selbst eingeschlossen.

Und auch wenn Worte wie „Einwohnergleichwerte“ in dieser Zeit für mich noch nicht vollkommen verständlich waren, so spürte ich doch die Emotionen, das Gefühl, dass hier unsere, meine Heimat scheibchenweise verkauft wird - und dass sich das nicht ändern wird, wenn die Politik nicht aktiv einschreitet. Wir durften in einer unbeschreiblich schönen Gegend aufwachsen, die Postkarten ziert und Touristen lockt. Eine solche Gegend hat ihren Wert und somit einen Preis. Der Preis, wenn er steigt, ist die Gravitation des Kapitals, das so unaufhaltsam ins Tal fließt wie das Wasser des Söllbachs, dessen Rauschen die Hintergrundmusik meiner Kindheit war. Wo kein Kläger, da kein Richter, sagt das Sprichwort. Aber der Seegeist und der Redakteur klagten, mahnten, richteten, wo andere den Dingen ihren Lauf ließen. 

Die Stimme des Seegeists ist verstummt, niemand wird sie ersetzen können. Aber wir – und damit meine ich Dich und mich, geneigter Leser – können uns daran erinnern, welche ungeheure Neugier diesen Geist geformt hat: das stete Interesse an Vergangenheit und Gegenwart, an Geschichte und Zeitgeschichte, der unaufhaltsame Wissensdurst, aus dem das Verständnis für Zusammenhänge, für lokale und globale Vorgänge erwächst. 

Der Seegeist war kein Freund des Schweigens, und deshalb soll die Flaschenpost weiter über den See gleiten. Der König ist gegangen, zurück bleibt ein Narr an den Rudern, der heute ein bisschen sprachlos aufs Wasser blickt und seinen Freund sucht. Dir, lieber Leser, wünsche ich für das neue Jahr Tatkraft, Glück und vor allem: Neugier. Ich verbleibe, einsam und mit besten Grüßen,

Dein Überführer

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