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Ludwig Thoma

Diskussion zum antisemitischen Heimatdichter

Darf man nach Ludwig Thoma noch Straßen benennen?

Tegernsee - Ludwig Thoma, geschätzter Heimatdichter - und glühender Antisemit. Mit seinen 1920/21 anonym veröffentlichten Hetzartikeln schockiert der Literat vom Tegernsee noch heute.

Es war ein heikles Thema, das zur Matinee im Tegernseer Olaf Gulbransson Museum bei einem Vortrag angepackt wurde. Hinter dem Titel „Ludwig Thoma in der Weimarer Republik“ versteckte sich der Versuch, eine Haltung zu den antisemitischen und politischen Hetzartikeln des Literaten zu erlangen, die Thoma in seinen letzten eineinhalb Lebensjahren schrieb. 

Ende der 1980er Jahre erst galt als gesichert, dass Ludwig Thoma (1867-1921), der angesehene Schriftsteller, einstiger Chefredakteur der satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus, Verfasser jener Hetzartikel war, die im Miesbacher Anzeiger anonym veröffentlicht wurden. Ist es möglich, dass dieser kritische, kongeniale Geist, der Impulsgeber für die Simpl-Zeichner Olaf Gulbransson und Eduard Thöny war, einen solchen Gesinnungswandel durchlebt hat? Das konnte nicht durch seine Magenkrebserkrankung und die unerfüllte Liebesbeziehung zu Maidi von Liebermann erklärt sein. Eine Umschreibung der Literaturgeschichte wurde gefordert, das bayerische Standbild wackelt – bis heute. 

Die Referentin Gertrud Maria Rösch erläutert Thomas Haltung in der Weimarer Republik.

Sollte man also keine Straße mehr nach Ludwig Thoma benennen? Das war die Frage, die Klaus Fresenius, zweiter Vorsitzender der Olaf Gulbransson Gesellschaft, Referentin Gertrud Maria Rösch stellte. Die Professorin der Universität Heidelberg suchte die Erklärung in der Zeitgeschichte. Souverän wob sie das Bild eines zwiegespaltenen Ludwig Thoma und einer hilflosen Redaktion. Während Thoma, als der nationalistische Ton zunahm, vorschlug, den Simplicissimus einzustellen, waren die anderen Redaktionsmitglieder aus finanziellen Gründen dagegen. „Hätte man das getan, hätte man verhindert, dass sich die Satirezeitschrift auf die Kriegspropaganda einlassen musste und sich plötzlich an der Seite Wilhelms II. sah, den man zuvor mit allen Mitteln der Satire kritisiert hatte“, erklärte Rösch. Thoma habe das in einen heftigen Zwiespalt gestürzt. Als Satiriker musste er parteipolitisch unabhängig bleiben, persönlich aber wollte er Partei ergreifen. Denn er war erschüttert von dem Verlust der Tradition. 

Ab 1917, spätestens aber nach seinem überzogenen Schmähbrief gegen den Papst, der versuchte den Frieden zu wahren, wurde aus dem Satiriker Thoma ein Parteipolitiker. „Damit verletzte er das Bild des Satirikers, und das schlug wiederum auf die Simpl-Redaktion zurück“, sagte Rösch. Thoma kam ab 1918 nur noch widerwillig in die Redaktion, die Kollegen sahen sich zu einer Erklärung in der Frankfurter Zeitung genötigt, mit der sie sich von Peter Schlemihl – das war Thomas Pseudonym – distanzierten. Daraufhin gab Thoma politische Unwissenheit zu. Ein politischer und beruflicher Selbstmord. Dann kam das Ereignis, das Thoma vollends radikalisierte: die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919. „Thomas Extratour belastete die Redaktion. Es gab Streit, aber sie konnten die Zeitschrift, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienten, nicht aufgeben. Einzig Thoma war finanziell davon unabhängig“, weiß Rösch. Und der sei ab 1920 seiner politischen Gesinnung, die sich von jeher gegen die Avantgarde, die expressionistische Literatur und Malerei richtete, im Miesbacher Anzeiger nachgegangen. 

„Auch wenn Thoma beteuerte, dass er ‚so sehr er die ostjüdische Kultur hasse, das antisemitische Programm nicht billige und wirklich kein Antisemit‘ sei und ‚seine Ruah‘ wolle, täuscht es nicht darüber hinweg, dass er ein jämmerliches Doppelspiel spielte“, erklärte Rösch. „Und dass er Texte schrieb, die ekelhaft waren.“ Diesen psychoanalytischen Ansatz von Rösch wertete Fresenius als wertschätzend und forderte, dass man Brüche im Leben einfach aushalten müsse. „Auch wenn sich Thomas Irrungen nicht wegdiskutieren lassen, so sollte man Ludwig-Thoma-Straßen deshalb nicht umbenennen“, plädierte Fresenius. „Das eine kann gelten und das andere muss nicht verdammt werden.“

Von Alexandra Korimorth

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