Sein Handwerk versteht Elektroniker Sharif Qurbani (l.). Der junge Afghane kam als Geflüchteter nach Tegernsee, jetzt hat er die Gesellenprüfung geschafft. Mit ihm freut sich Ausbilder Robin Baart.  Foto: Thomas Plettenberg
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Sein Handwerk versteht Elektroniker Sharif Qurbani (l.). Der junge Afghane kam als Geflüchteter nach Tegernsee, jetzt hat er die Gesellenprüfung geschafft. Mit ihm freut sich Ausbilder Robin Baart.

Fünf Jahre nach dem Flüchtlingsquartier in der Tegernseer Turnhalle

Junger Afghane schafft Gesellenprüfung zum Elektroniker - Viel Unterstützung vom E-Werk Tegernsee

  • Christina Jachert-Maier
    vonChristina Jachert-Maier
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Sharif Qurbani (26) aus Afghanistan hat’s geschafft. Vor fünf Jahren wurde er in der Turnhalle einquartiert. Jetzt hat er nach einer Ausbildung beim E-Werk Tegernsee die Gesellenprüfung geschafft.

Tegernsee – Die Praxis war kein Problem, die Theorie schon. Doch im zweiten Anlauf meisterte Sharif Qurbani fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland den Ritt durch die Fachbegriffe und legte die Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer für München und Oberbayern erfolgreich ab. Der 26-Jährige ist jetzt ein gefragter Mann auf dem Arbeitsmarkt: Elektroniker, Fachbereich Energie- und Gebäudetechnik. Als solcher ist er dort beschäftigt, wo er auch gelernt hat: im Tegernseer E-Werk.

„Es ist absolut toll, wie der junge Mann das geschafft hat“, sagt Werksleiter Manfred Pfeiler. Sharif, wie ihn die Kollegen alle nennen, sei fleißig, höflich, hilfsbereit und überaus lernwillig. Und er hatte starke Unterstützer an seiner Seite.

Erst in der Turnhalle Tegernsee, dann in der Traglufthalle in Rottach-Egern

Davon hätte der junge Afghane kaum zu träumen gewagt, als man ihm 2015 nach seiner Flucht nach Deutschland ein Lager in der Tegernseer Turnhalle zuwies. Daheim hatte er Sozialwissenschaften studiert, jetzt verstand er kein Wort. „Ich habe erst nur mit dem Handy deutsch gelernt“, erinnert sich Sharif. Als 21-Jähriger floh er allein aus Afghanistan, in der Hoffnung auf eine Chance, ohne Krieg in Sicherheit zu leben. Dafür paukte er Vokabeln, während andere in der Halle die Nacht zum Tage machten. Geholfen hat ihm erst Ursula Janssen, die den Geflüchteten Deutschunterricht gab. Es folgten diverse Kurse, später die ausbildungsbegleitenden Hilfen von Kolping in Miesbach.

Sein Lager in der Tegernseer Halle tauschte Sharif nach ein paar Monaten gegen eines in der Tragluft-Halle in Rottach-Egern. Später zog er ins Haus Rheinland in Bad Wiessee. Da hatte er schon eine Ausbildung zum Elektroniker begonnen, zunächst in einem Sanitärbetrieb.

Nachhilfe für die Gesellenprüfung

Um die ganze Bandbreite seines Berufs zu erlernen, wechselte der junge Azubi im September 2018 zum E-Werk Tegernsee. Dort nahm ihn sein Ausbilder, Elektromeister Robin Baart, unter seine Fittiche. Baart freut sich über das Engagement seines Schützlings: „Da ist echter Wille dahinter.“ Während andere zum Feiern gingen, habe Sharif nach der Arbeit und am Wochenende gelernt. „In der Praxis ist er eh top“, sagt Baart über seinen ehemaligen Azubi. Die Theorie sei vor allem wegen der Sprache sehr schwierig. „Da gibt’s keine Hilfe, das muss alles auf deutsch sein.“ Zudem sei das, was in der Berufsschule vermittelt werde, teils nicht das, was die Innung bei der Gesellenprüfung verlange. Um Sharif zu unterstützen, setzten der Ausbilder und die Kollegen sich mit dem jungen Mann hin.

Technischer Leiter nimmt Azubi bei sich zuhause auf

Doch nicht nur fachlich gab’s Unterstützung. Als die Flüchtlingsunterkunft in Haus Rheinland wegen des schlechten baulichen Zustands aufgelöst wurde, nahm der technische Leiter Frank Thinnes Sharif bei sich zuhause auf. Ansonsten hätte der Azubi nach Miesbach umziehen müssen, berichtet Baart. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln täglich nach Tegernsee zu kommen, hätte viel Zeit gekostet.

Inzwischen braucht Sharif nur noch eine Minute zu Fuß zur Arbeit. Vor einem Vierteljahr konnte er eine Betriebswohnung des E-Werks in Weißach beziehen. Im dort angesiedelten Teil des Unternehmens ist Sharif jetzt als Geselle beschäftigt. Schön sei die Wohnung, strahlt Sharif. Er fühle sich am Tegernsee jetzt sehr wohl.

Bislang nur Duldung

Ob er auf Dauer bleiben kann, ist ungewiss. Seine Duldung wurde gerade um ein halbes Jahr verlängert. Im E-Werk hofft man mit Sharif, dass der junge Geselle nicht abgeschoben wird. Im Moment konzentriert sich Sharif auf seine berufliche Zukunft: „Ich will mich noch weiterentwickeln.“

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