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Die erste Kapitänin auf dem Tegernsee: Najd Boshi ist stolz, auf ihren Beruf. Sie lernt Bayern jeden Tag mehr lieben. 

Auf sicherem Kurs in ein neues Leben

Erste Kapitänin auf dem Tegernsee kommt aus Syrien

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Auf ihrer Flucht über das Mittelmeer kam Najd Boshi dem Tod gefährlich nahe. Trotzdem ist sie heute fast jeden Tag freiwillig auf einem Schiff unterwegs.

Tegernsee – Najd Boshi steht auf einem Schiff neben dem Kapitän – und lacht herzlich. Der Kapitän lacht nicht – weil er ernst gemeint hat, was er gerade gesagt hat. „Willst du nicht den Kapitän-Führerschein machen?“, hat er die 42-Jährige gefragt. Najd Boshi braucht einen Moment, bis sie merkt, dass es kein Scherz war. „Das ist viel zu viel Verantwortung“, sagt sie. „Denk mal in Ruhe drüber nach“, sagt er. Ein Monat vergeht, Najd Boshi denkt nicht darüber nach – dann stellt ihr der Kapitän noch einmal dieselbe Frage. „Ich habe keine Ahnung von Mechanik“, sagt sie. „Wenn es im Maschinenraum ein Problem gibt, musst du einfach einen Mechaniker rufen“, sagt er. Schließlich sagt Boshi zu.

Von der Kassiererin zur Kapitänin in nur drei Wochen

Der Unterricht dauert drei Wochen. Dann darf sie zum ersten Mal eine Kapitänsmütze aufsetzen. Alles ist aufregend bei ihrer ersten Fahrt. „Ich hatte richtig Bauchschmerzen“, sagt sie. Insgeheim hoffte sie, jemand anderes würde anbieten, das Schiff zu steuern und sie könnte wie früher einfach kassieren. Dann ihre erste Durchsage durchs Mikrofon. „Ich hatte große Angst, dass ich einen Fehler in dem Satz mache“, sagt sie. Sie spricht zwar längst sehr gut Deutsch – aber es sind viele neue Worte, mit denen sie auf einmal konfrontiert ist. Kurz bevor sie das erste Mal ablegt, kommt ein Fahrgast an Bord und sagt zu ihr: „Ich möchte darüber.“ Er deutet aufs andere Ufer. Nervös schlägt Najd Boshi die Karte auf, sucht mit ihren Augen die Gemeinden ab. „Ich war so aufgeregt, ich dachte ,Darüber‘ ist ein Ort“, sagt sie heute und lacht wieder ihr herzliches Lachen.

Mittlerweile ist ein Jahr vergangen. Den ganzen Sommer über hat Najd Boshi Touristen und Einheimische sicher über den See gebracht. Sie braucht keine Karte mehr, sie kennt das Tegernseer Tal inzwischen gut – es wird für sie immer mehr zu einer zweiten Heimat.

Kapitänin vom Tegernsee: Lebensbedrohliche Flucht aus Syrien 

Ihre alte Heimat, Aleppo in Syrien, hat sie vor fünf Jahren verlassen. Damals lebten dort bereits alle Menschen in ständiger Angst vor den Bomben. Najd Boshi wollte, dass ihre beiden Kinder in Sicherheit aufwachsen. Deshalb ist sie allein geflüchtet – mit dem Ziel, ihre Familie später auf sicherem Weg nachzuholen. Wenn sie an den Moment zurückdenkt, als sie sich von ihren Kindern verabschieden musste, steigen ihr noch heute Tränen in die Augen. „Meine Tochter hat mir damals ihren kleinen Schal geschenkt“, erzählt sie. Grün mit einem kleinen Teddy drauf. Sie hat ihn am Handgelenk getragen. Auf der Fahrt zur syrisch-türkischen Grenze, auf den vielen Etappen, die sie zu Fuß gehen musste, auf dem kleinen Schiff, das sie zu einer Insel brachte. Dort, so versprachen die Schleuser, würden Mitarbeiter der Caritas aus Griechenland die Menschen abholen. Doch wie sich schnell herausstellte, war das eine Lüge. Tagelang blickte Najd Boshi auf das Meer, während sie hungerte, furchtbaren Durst hatte und immer weniger daran glaubte, diese Flucht zu überleben. Sie hat überlebt. Die Polizei holte die Menschen schließlich von der Insel. 

Najd gelang es, bis nach München zu kommen. Schließlich landete sie am Tegernsee. Ihr Antrag auf Asyl wurde genehmigt, sie durfte ihren Mann und die Kinder nachholen. Von ihrem Mann lebt sie inzwischen getrennt. Ihre 16-jährige Tochter Nai und ihr zwölfjähriger Sohn Ali haben längst Freunde gefunden, sich hier ein neues Leben aufgebaut. Sie sind stolz auf ihre Mutter – denn Najd Boshi ist nicht nur eine Kapitänin, sondern die erste Kapitänin überhaupt auf dem Tegernsee.

Kapitänin Najd Boshi: „Es lohnt sich zu kämpfen“

Wenn sie am Steuer des Schiffes steht und ihren Blick übers Wasser schweifen lässt, hat sie nicht mehr die Bilder der Flucht vor Augen. „Das ist wie bei einer Geburt“, sagt sie. „Wenn es vorbei ist, vergisst man mit der Zeit, wie schlimm es war.“ Das Erzählen fällt ihr noch immer schwer. Trotzdem möchte sie es nun tun – mit allen Details. Sie will aus ihrer Fluchtgeschichte ein Buch machen. „Vielleicht macht das anderen Hoffnung“, sagt sie. Sie will zeigen: Es lohnt sich, zu kämpfen. Man kann alles schaffen, wenn man an sich glaubt. Man kann sogar die erste Kapitänin auf dem Tegernsee werden. Die Tegernseer Künstlerin Hilo Fuchs hilft ihr dabei, ihre Geschichte aufzuschreiben. Bei ihrem Tag des offenen Ateliers am 28. September werden die beiden den ersten Teil des Buches präsentieren.

Najd Boshi weiß, dass sie dann vielleicht häufiger von ihren Fahrgästen auf ihre Geschichte angesprochen wird. Bisher gab es kaum kritische Kommentare, weil sie Syrerin ist, erzählt sie. Eher weil sie eine Frau ist – aber damit kann sie umgehen. „Ein Mann sagte einmal, er weiß, nicht, ob er einer Frau als Kapitänin vertrauen kann“, erzählt sie. Najd Boshi lächelte ihn freundlich an und sagte: „Keine Angst, wir haben Rettungsringe an Bord.“

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Immer mehr Millionäre und Promis begehren ihn, immer mehr Medien richten ihre Kameras auf ihn: den Tegernsee. Wie sich der Tegernsee zum „Hot Spot“ gemausert hat - unsere große Hintergrund-Story. 

Lesen Sie auch: Hubert Burda und Philipp Lahm: So leben sie am Tegernsee.

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