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Rollstuhltaxi statt RVO-Bus: Valentin Seiler wollte mit dem Öffentlichen Nahverkehr nach Rottach-Egern kommen, bekam aber keine Zusage, dass ein rollstuhlgerechter Bus verkehre – obwohl es so im Fahrplan eingetragen war. 

Busse waren als behindertengerecht ausgezeichnet...

Wegen des RVO: Schwerstbehinderter erlebt Odyssee am Tegernsee

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Tegernsee – Der schwerstbehinderte Valentin Seiler aus München wollte ein unbeschwertes Wochenende am Tegernsee verbringen – und erlebte eine Odyssee. Dank vermeintlich behindertengerechten RVO-Bussen.

Valentin Seiler leidet an einer unheilbaren Muskelerkrankung und sitzt im Rollstuhl. Entsprechend groß war die Freude, als er vergangenes Jahr ein Preisausschreiben der Egerner Höfe in Rottach-Egern für Anfang November gewann. Seine Tante Henrike, die regelmäßig mit ihrem Neffen verreist, spendierte noch eine Übernachtung im Hotel, um den gemeinsamen Ausflug perfekt zu machen. Doch dann erlebten die beiden Münchner, wie es tatsächlich um die „Barrierefreiheit im Öffentlichen Raum und Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)“ steht, die sich Bayerische Staatsregierung zum Ziel gesetzt hat. Denn „Barrierefreiheit“, das mussten sie bei den Reisevorbereitungen leidvoll erfahren, sieht in Wirklichkeit völlig anders aus.

Da Henrike Seiler noch „keinen einzigen wirklich reibungslosen Ausflug“ erlebt hat, ging sie auf Nummer sicher und startete ihre Planungen schon im August. „Wir hatten uns vorgenommen, mit der BOB um 10.05 Uhr in München abzufahren, Ankunft 11.09 Uhr in Tegernsee.“ Hier hatte sie als Anschluss den Bus 9555, Abfahrt 11.12 Uhr Tegernsee Bahnhof (im Fahrplan mit einem Rollstuhlzeichen gekennzeichnet) heraus gesucht. „Eventuell hätten wir auch eine BOB früher genommen, um den Anschluss sicher zu kriegen.“

Als sie jedoch erfuhr, dass an besagtem Wochenende ein Schienenersatzverkehr eingesetzt werde, nahm die Odyssee ihren Lauf. Diverse Ansprechpartner beim RVO empfahlen eine Busfahrt mit der Linie 9551 von München nach Rottach. Seiler, aus Erfahrung skeptisch, hakte nach und erfuhr, dass dieser Bus hinfällig war, weil er Stufen hat. „Valentin ist 1,75 Meter groß. Ich kann ihn nicht alleine heben, also brauchen wir einen barrierefreien Bus mit einer entsprechenden Rampe für den Rollstuhl.“

Auch ein weiterer Anruf beim RVO in Tegernsee brachte sie keinen Schritt weiter. Dort bekam Seiler zu hören, dass ihr keine Anschlussverbindung von Tegernsee nach Rottach zugesagt werden könne. Es sei immer ungewiss, welcher Bus gerade eingesetzt wird. Der RVO arbeite mit sieben Subunternehmen zusammen, bei denen der Mitarbeiter nicht nachfragen könne, berichtet die Münchnerin von ihrem Telefonat. Seiler konfrontierte ihr Gegenüber mit der Frage, welche Bedeutung die Rollstuhlzeichen in den Fahrplänen dann überhaupt hätten. Die Zeichen böten keinerlei Garantie dafür, dass auch ein für Rollstuhlfahrer zugänglicher Bus käme, sei die Antwort gewesen.

Tatsächlich, versichert Peter Bartl vom RVO, handele es sich um einen bedauerlichen Einzelfall, „der uns leidtut“. Die Flotte sei zu 90 Prozent behindertengerecht, auf die Kennzeichnung „Barrierefrei“ im Normalfall „zu 99 Prozent“ Verlass – Ausnahmen, etwa bei Pannen könne man natürlich nie ausschließen. „Wenn ich einen Bus brauche, habe ich aber nichts von einer hohen Sicherheit“, entgegnet Seiler. „Dann brauche ich maximale Verlässlichkeit.“

Als Behindertenbeauftragter und Rollstuhlfahrer kämpft Anton Grafwallner für die Barrierefreiheit im Landkreis. Was ihn besonders an dem Vorfall ärgert, ist die Aussage des RVO, dass man mit sieben Subunternehmern zusammenarbeitet. „Dann darf ich eben nur den nehmen, der den Service gewährleisten kann“, sagt er. „Wenn ein Rollstuhlzeichen im Plan steht, ist es verbindend, oder es gehört gestrichen“, zürnt der Behindertenbeauftragte und wird noch deutlicher: „Ansonsten können wir das Thema barrierefreier Tourismus im Landkreis vergessen.“

Ein schönes Wochenende verbrachten Valentin und seine Tante letztlich trotzdem am Tegernsee. Nachdem sich Henrike Seiler an Anton Grafwallner gewandt hatte, organisierte der ein Rollstuhltaxi von Miesbach nach Rottach. Die Kosten teilten sie untereinander auf. Seilers Enttäuschung ist dennoch groß. Die Tatsache, dass die Durchführung einer Rollstuhlreise „im Jahr 2016 ein hohes Risiko ist“, sei ein Armutszeugnis. „Das kann es einfach nicht sein. Rollstuhlfahrer müssen doch das gleiche Recht haben zu verreisen.“

ah

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