Eine Gedenktafel für den Einsatz von Hannibal von Lüttichau und Dick Dougherty hängt seit 2011 im Tegernseer Rathaus. Heimatforscher Markus Wrba erinnert an die Geschichte zweier heimlicher Helden.
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Eine Gedenktafel für den Einsatz von Hannibal von Lüttichau und Dick Dougherty hängt seit 2011 im Tegernseer Rathaus. Heimatforscher Markus Wrba erinnert an die Geschichte zweier heimlicher Helden.

Sie wurden Freunde

Zweiter Weltkrieg: Wie ein deutscher Major und ein amerikanischer Leutnant das Tal retteten

Ein deutscher Major und ein amerikanischer Leutnant retteten das Tegernsee Tal in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vor der Bombardierung durch US-Streitkräfte. Eine Geschichte voller Menschlichkeit.

Tegernseer Tal– Vor einem Monat jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Dabei rückte auch die Erinnerung an die Rettung des Tegernseer Tals in den Vordergrund (wir berichteten). Bekannt ist die Geschichte der drei Parlamentäre, die eine wichtige Botschaft für die Alliierten hatten. Oft wird die Geschichte jedoch nur unvollständig erzählt, davon ist Peter Janssen überzeugt. Denn auch durch das beherzte Eingreifen eines deutschen Majors wurden die amerikanischen Soldaten letztlich davon überzeugt, das Tal ohne Blutvergießen einzunehmen.

Zweiter Weltkrieg: Wie ein deutscher Major und ein amerikanischer Leutnant das Tal retteten

In seiner Zeit als Bürgermeister der Stadt Tegernsee hat Janssen deshalb eine zweite Ehrentafel im Rathaus anbringen lassen, mit der an diesen Teil der Geschichte erinnert wird. Am 4. Mai 1945 stand Dick Dougherty am Tegernsee, es waren die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Dougherty war Second Lieutenant in der US-Armee. Weil verbliebene SS-Soldaten den anrückenden Amerikanern noch immer Widerstand leisteten, stand ein massiver Artilleriebeschuss des Tals durch die US-Truppen kurz bevor. Doch dann traf Dougherty bei St. Quirin auf Hannibal von Lüttichau. Das Treffen der beiden Männer machte Geschichte: In letzter Minute verhinderte es, dass das Tal in Schutt und Asche gelegt wurde.

Die Männer vertrauten sich und retteten damit Leben. Kurz zuvor war bereits eine erste Rettungsaktion angelaufen und gescheitert. Der SS-Kommandant Georg Bochmann hatte zugesichert, seine Truppen so weit zurückzuziehen, dass die Ortschaften um das Südende des Sees nicht mehr gefährdet seien. Mit dieser Garantie machten sich Franz Heiss, Karl Friedrich Scheid und Paul Winter auf den Weg nach Gmund, wo amerikanische Soldaten Stellung bezogen hatten. Nachdem sie bei Bad Wiessee einen SS-Posten passiert hatten, wurden sie von hinten niedergeschossen.

Der Tegernseer Anwalt und Heimatforscher Markus Wrba vermutet, dass die Täter versprengte SS-Soldaten waren, die den Todesmarsch von KZ-Häftlingen begleitet hatten. Obwohl Heiss und Scheid schließlich zu den US-Truppen gelangten – von Winter ist seitdem jede Spur verschwunden –, war die Aktion zunächst erfolglos. „Die Amerikaner brauchten immer einen Offiziellen“, erklärt Wrba.

Auf der anderen Seite des Tegernsees sorgte sich fast zeitgleich von Lüttichau um das Tal und seine Bewohner. Rund 12 000 Menschen lebten damals am Tegernsee. Die meisten waren Zivilisten, aber in Lazaretten lagen auch viele verwundete Soldaten. Von Lüttichau war selbst zur Heilung in Tegernsee, er hatte sich im Krieg eine Kopfverletzung zugezogen. Der Major und Träger des Ehrenkreuzes entschloss sich schließlich, nachts mit weißer Fahne Richtung St. Quirin zu laufen, um die Alliierten vom Beschuss des Tals abzuhalten.

Zuvor hatte er die SS-Truppen in Tegernsee dazu gebracht, ihre Kampfhandlungen aufzugeben. Er zwang den damaligen Tegernseer Bürgermeister Karl Müller dazu, mitzukommen, ein Dolmetscher und ein Sanitäter waren ebenfalls dabei. Wie von Lüttichau in einem Interview mit Wrba erzählte, seien die Amerikaner durchaus nervös gewesen. Er habe sich mit einer Taschenlampe selbst angeleuchtet, um sichtbar zu sein. Schließlich konnte er sein Gegenüber, Dick Dougherty, davon überzeugen, dass die SS weg sei. Die beiden seien dann zusammen durch Tegernsee gelaufen. Da gehöre schon sehr viel Mut dazu, urteilt Lokalhistoriker Wrba.

50 Jahre nach Kriegsende haben sich die ehemaligen Kontrahenten wieder getroffen. Doughertys Sohn Steve war dabei, als sich die beiden Militärs 1995 in Deutschland trafen. In einem Artikel für die New York Times beschrieb er 2010, dass die Ex-Soldaten sofort Freundschaft geschlossen hätten.

Steve Dougherty war auch in Tegernsee, als 2011 die Tafel zu Ehren von Lüttichaus im Rathaus eingeweiht wurde, mit Heimatforscher Wrba steht er bis heute in Kontakt. Der deutsche Major Hannibal von Lüttichau starb 2002, sein amerikanischer Freund Dick Dougherty 2008. Gesehen haben sie sich nach ihrem ersten und einzigen Treffen nach Kriegsende nicht mehr. Ihre Taten an diesem Morgen des 4. Mai 1945 beschreibt Doughertys Sohn als ein Lehrstück geteilter Menschlichkeit.

von Andreas Wolkenstein

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