Mit links: Igor Levit beim Auftakt.

Igor Levit eröffnet 29. Internationales Musikfest Kreuth am Tegernsee

Stolperstein zum Auftakt

Mit einem furiosen Abend ist das Internationale Musikfest Kreuth in seine 29. Auflage gestartet, zum zweiten Mal im Gut Kaltenbrunn. Igor Levit bewies, warum er mehr als „nur“ ein Starpianist ist.

Kaltenbrunn– Das Internationale Musikfest Kreuth etabliert sich mit seiner 29. Auflage in einer Liga, die weit über das beschauliche Tegernseer Tal hinaus wirkt. Die Eröffnung am Dienstagabend in der Tenne von Gut Kaltenbrunn mit Igor Levit machte dem Ruf, den sich das Fest erarbeitet hat, alle Ehre.

Falls jemand selbst nach der kurzen Begrüßung durch Festivalleiter Dieter Nonhoff noch nicht gewusst haben sollte, dass die diesjährige Musikfest-Eröffnung einer bestreitet, den Kritiker als einen Jahrhundertpianisten bejubeln, dem machte Igor Levit (31) das mit den ersten Takten klar. Die Chaconne in d-Moll, die Johannes Brahms aus Johann Sebastian Bachs Violin-Partita Nr. 2 BWV 1004 für die linke Hand am Klavier übertrug, bildete den Auftakt. Levit ließ den rechten Arm zunächst auf dem Schoß ruhen, dann an der Seite herabhängen, später sachte mitdirigieren. Laien würden wohl streckenweise schwören, dass da doch eine zweite Hand im Spiel sein muss, wäre es nicht anders zu sehen. Levit lässt sich von den dynamischen, aufwühlenden Passagen mitreißen, bis er mit dem Fuß auf den Bühnenboden aufstampft und mit der rechten Faust auf den Lederbezug des Klavierhockers haut. Bereits da dürfte jedem der fast 400 Besucher im vollen Saal klar sein: Bequeme Wege sucht dieser Künstler nicht. Nicht für sich und auch nicht für alle anderen.

In einer Zeit, in der in München politische Mandatsträger ein Demo-Verbot für die Kammerspiele fordern, die sich an einer Großdemo gegen rechte Hetze und gegen eine angstgetriebene Politik beteiligen wollen – da steht nun dieser Künstler mit Haltung und Meinung auf der Bühne, der mit acht Jahren als Kind einer jüdischen Familie aus Russland nach Deutschland kam und sich nicht nur zu einem außergewöhnlichen Pianisten, sondern auch zu einem relevanten Künstler und einer gehörten Stimme in der Gesellschaft entwickelt hat. Während andere Protagonisten dahinter Schutz suchen, dass Musik doch nicht politisch sei und hehre künstlerische Ansprüche über allem stünden, haut Levit auf Twitter und in Interviews einen Klartext nach dem anderen raus. Und statt als Pianist einfach technisch brillant und emotionsgeladen den Konzertflügel zu bearbeiten und die Literatur durchzuackern, bringt er sich selbst, sein Instrument und sein Publikum an Grenzen, um etwas anzustoßen. Levit ist ein praktizierender Stolperstein. Er sagt: „Schweigen ist schlimmer Luxus.“

An diesem Abend spielt dieser hochgeachtete Künstler, der zu den Ersten gehörte, die nach dem Eklat um die Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang den Echo zurückgaben, nun Richard Wagners „Feierlichen Marsch zum Heiligen Gral“ aus dem „Parsifal“ in der Bearbeitung von Franz Liszt. Der Künstler, der selbstbewusst politisiert und sich keinem Gleichschritt unterordnet, mit der Bearbeitung eines Marschs von einem Komponisten, der politisiert wurde wie kaum ein anderer. Levit bringt den Flügel in dem Stück bis an seine physischen Grenzen. Einen solchen Künstler muss auch das Instrument aushalten.

Mit links: Igor Levit beim Auftakt.

Im „Parsifal“-Marsch ebenso wie in Ferruccio Busonis Fantasia nach Bach BV 253, in Robert Schumanns „Geistervariationen“ und in der überragenden Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ S 259 von Liszt in der Bearbeitung Busonis lotet Levit die Dramatik an ihren Grenzen aus, von einzeln kaum mehr hörbaren, gehauchten Tönen bis hin zum donnernden Gewitter, bisweilen exzessiv perkussiv.

Levit nutzt auch die Pausen so aktiv, wie man es als Zuhörer gerade noch aushält. Levit nimmt sie sich als seinen Freiraum, spielt sie aus bis zu dieser Millisekunde nach jenem Punkt, an dem der Zuhörer schon kaum mehr mit einem nächsten Ton rechnet. Damit spannt Levit die Aufmerksamkeit des Publikums wie eine Klaviersaite, um kurz vorm Reißen das eine Ende losschnalzen zu lassen. Ein Abend, der zweifelsohne Spuren in den Zuhörern hinterlässt. Auch wenn der donnernde Schlussapplaus und die Bravo-Chöre längst verklungen sind.

Katrin Hager

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