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Jeden Donnerstag treffen sich bis zu 40 Waakirchner beim Christlwirt zum Stammtisch.

Tradition im Tegernseer Tal

Hier lebt die bayerische Wirtshaus-Kultur noch

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Tegernseer Tal - Im Tegernseer Tal macht ein Wirtshaus nach dem anderen zu, die Wirtshaus-Kultur geht verloren. Das hört man oft - aber stimmt es auch? Eine Spurensuche.

Ein Donnerstagabend in Waakirchen. Die Stube des Christlwirt ist fast leer, nur an einem großen Tisch neben dem Kachelofen ist jeder Stuhl besetzt. Gut 20 Männer sitzen beieinander, ratschen, lachen viel und trinken aus Steinkrügen Bier. Stammtisch halt. Und was für einer.

Fanni Piroch, die Wirtin des Christlwirt, setzt sich gern am Stammtisch dazu - schließlich geht's immer lustig zu.

Den Stammtisch des Waakirchner Christlwirt könnte man legendär nennen: Jeden Donnerstag treffen sich dort bis zu 40 Männer aus dem Ort. Der jüngste ist 18 Jahre alt, der älteste 81. Die meisten haben ihren eigenen Bierkrug, im Deckel ist der Name eingraviert. Oft sitzen die Waakirchner und Hauserdörfler bis vier Uhr morgens zusammen, wenn's richtig lustig wird, musizieren sie. Wenn einer mal nicht kommt, erkundigen sich die anderen bei dessen Ehefrau. Es könnte ja etwas passiert sein. Der Stammtisch ist eine Institution. "Woaßt, warum Waakirchen Waakirchen hoaßt? An am Sonntag ist amoi d'Kirch leer g'wesen, dann is da Pfarrer ins Wirtshaus an Stammtisch ganga und hod g'sogt: Do waa Kirchn!", erzählt Albert (78) und der ganze Stammtisch lacht. Waakirchen und Stammtisch - das gehört halt einfach zusammen. 

Dass es den Christlwirt-Stammtisch noch gibt, ist nicht selbstverständlich, könnte man meinen. Schließlich macht gefühlt in fast jeder Gemeinde im Tegernseer Tal ein Wirtshaus zu, Stammtische, die dort entstanden sind, lösen sich auf. Die bayerische Wirtshaus-Kultur stirbt aus, sagen viele. Aber stimmt das überhaupt?

Beispiele aufgegebener (schwarz) und bestehender Traditionswirtshäuser (rot)

Der Bichlwirt im Kreuther Ortsteil Reitrain steht seit rund 25 Jahren leer.

Glaubt man einer Studie, die der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur auf seiner Homepage veröffentlicht hat, hatte im Jahr 2010 etwa jede siebte bayerische Gemeinde kein eigenes Wirtshaus mehr. Auch im Tegernseer Tal ist dieser Trend zu beobachten. Seit mindestens 25 Jahren steht zum Beispiel der Bichlwirt im Kreuther Ortsteil Reitrain leer, das Gebäude verfällt nach und nach, erzählt der Kreuther Bürgermeister Josef Bierschneider. Früher hat sich hier der Trachtenverein "D'Hirschbergler" zum Stammtisch getroffen, den Saal für Theateraufführungen genutzt. Dann bekamen die Hirschbergler ein eigenes Vereinsheim, es gab viele Pächterwechsel, die Einheimischen gingen nicht mehr zum Bichlwirt.

Die Zukunft des Gasthaus Glasl im Rottacher Ortsteil Oberach steht in den Sternen.

Das Gasthaus Glasl in Rottach-Egern ist auch so ein verlassenes Wirtshaus. Der Eigentümer hat die Gastronomie aufgegeben, wollte das Gebäude abreißen. Jetzt steht das Wirtshaus unter Denkmalschutz und die weitere Zukunft in den Sternen. Muss denn jede alte Wirtschaft unter Denkmalschutz gestellt und damit jede Veränderung erschwert werden, fragen sich manche im Ort. Ist Leerstand besser als Abriss?

Diese Frage stellt man sich auch in Gmund. Dort gammelt seit über 30 Jahren das unter Denkmalschutz stehende Gasthaus Maximilian mitten im Ort vor sich hin. Es soll sich etwas tun, Büros und Läden sollen einziehen. Doch die Wiederbelebung des Maximilian geht zäh voran.

Endgültig Vergangenheit ist hingegen das Gasthaus Knabl in Hauserdörfl. Mitten in der Gemeinde klafft seit einiger Zeit ein Loch, das Wirtshaus wurde abgerissen, an dessen Stelle werden Mehrfamilienhäuser gebaut. Ist das das Ende der bayerischen Wirtshaus-Kultur?

Der Gmunder Gasthof Maximilian ist seit rund 30 Jahren leer. Bald sollen dort ein Lokal und Büros einziehen, außerdem wird nebenan ein Supermarkt gebaut.

Zur Zeit gehe es mit dieser Tradition schon bergab, findet Angela Brogsitter-Finck von der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal. "Es werden immer weniger Gasthäuser." Das Problem sei, dass "Immobilien-Haie" sich sofort in ein Objekt verbeißen, wenn sie merken, dass ein Wirt im Tegernseer Tal finanziell etwas schwächelt - weil die Region bei Reichen so beliebt und für Investoren deshalb so interessant ist. Und: "Jeder im Tal schaut nur auf sich", findet Brogsitter-Finck. Aber: Die Wirtshaus-Kultur im Tal wird eine Renaissance erleben, ist sie sich sicher.

Eine Renaissance? Wohl eher ein Weiterführen, möchte man erwidern. Denn um die Wirtshaus-Kultur im Tegernseer Tal steht es gar nicht so schlecht. Wirtschaften mitten im Ort gibt es in jeder Gemeinde, mit Einheimischen am Stammtisch und bezahlbarem Essen und Trinken statt heimattümelnden Trend-Gaststätten mit Schweinsbraten auf Kartoffelbett für 20 Euro.

Hier in Waakirchen stand früher das Gasthaus Knabl. Jetzt entstehen dort Wohnungen.

In Kreuth gibt es einige solcher wahren bayerischen Wirtschaften: Zum Beispiel das Gasthaus Batznhäusl. In dem seit 110 Jahren bestehenden Wirtshaus treffen sich die Leute auch zum mit bis zu 16 Gästen größten Stammtisch im Ort. Auch in Rottach-Egern geht man zum Beispiel noch zum Stammtisch im Gasthaus Zum Rosser. In Bad Wiessee kommen die Einheimischen in der Post zusammen, in Gmund sind der Gasthof Am Gasteig oder der Feichtner Hof in Finsterwald Treffpunkte. Und in Tegernsee ist das Bräustüberl das Paradebeispiel für Wirtshaus-Kultur: Hier soll es über 40 verschiedene Stammtische geben.

Eines der erfreulichsten Beispiel für die lebendige Wirtshaus-Kultur im Tegernseer Tal ist aber sicherlich der Christlwirt in Waakirchen. Auch an besagtem Donnerstagabend ist das zu spüren. Die Männer am Stammtisch sind gut gelaunt, Wirtin Fanni Piroch auch. Seit drei Jahren treffen sich die Männer im Christlwirt, seit Fanni und ihr Mann Christian die Wirtschaft übernommen haben. Und: Immer freitags kommen neuerdings auch die Waakirchnerinnen und Hauserdörflerinnen im Christlwirt zusammen. "Da haben die Männer geschaut", erzählt Fanni Piroch und lacht. Sie ist mit Leib und Seele Wirtin, jeder Stammtischler ist ihr "Schatzi", die Krüge werden regelmäßig nachgefüllt.

Beim Christlwirt haben die meisten Stammtisch-Gäste ihren eigenen Bierkrug.

Aber warum kommen die Männer jeden Donnerstag? Was ist das besondere am Stammtisch? "Man erfragt viele Neuigkeiten", sagt einer mit demSpitznamen Rolex (39). "Am meisten red' ma über Frauen", sagt der Älteste am Tisch, den alle nur Kofferraummetzger nennen, weil er Geräuchertes aus dem Kofferraum heraus verkauft. Gelästert wird aber nicht, betonen alle. Und gestritten auch nicht. "Wenn einer Streit sucht, braucht er nicht mehr kommen", sagt Kare (52). Flo (26) ist relativ neu am Stammtisch. Vor einiger Zeit ist er aus Holzkirchen nach Waakirchen gezogen. Um die Menschen im Ort kennenzulernen, ist Flo zur Waakirchner Feuerwehr gegangen - und von dort schnell beim Christlwirt-Stammtisch gelandet. "Geh hoid amoi mit", hat's geheißen. Willkommen ist jeder, auch der katholische und der evangelische Pfarrer und der Bürgermeister. "Der kimmt a an Stammtisch - wenn Wahl is", sagt Rolex und der ganze Stammtisch lacht.

Von Veronika Stangl

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