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Überfall am Mordweihnacht-Denkmal: Touristen aus China haben die Gebirgsschützen in ihrer Montur entdeckt.

Die große Hintergrund-Story zum Alpenregionstreffen der Gebirgsschützen

Warum die Gebirgsschützen Bayern zusammenhalten

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Waakirchen – Tausende Gebirgsschützen kämpfen bis heute für ihre Heimat. Jetzt kommen alle nach Waakirchen zum Alpenregionstreffen. Warum sie Bayern im Innersten zusammenhalten.

Hauptmann Martin Beilhack, 60, steht vor dem Oberländer-Denkmal in Waakirchen, dort, wo Bayern so bayerisch ist wie nirgends sonst. Über ihm trohnt stolz ein kupferner Löwe, die Rautenfahne schützend unter seinen Pranken. „Es ist ein Wahnsinn“, sagt Beilhack. Momentan ist er bis an die Krempe seines federgeschmückten Stopselhuts im Stress. Denn übermorgen geht es los, dann ist das kleine Dorf Waakirchen im Kreis Miesbach das Zentrum des bayerischen Brauchtums. 

Es herrscht jetzt schon Ausnahmezustand.

„Es ist ein Wahnsinn“, wiederholt Hauptmann Beilhack noch einmal. Er ist von oben bis unten ein Bilderbuch-Bayer: Er trägt einen medaillenbehangenen Lodenjanker über Hemd und Lederhose, die grünen Strümpfe enden in polierten Haferlschuhen. Beilhack führt die Waakirchner Gebirgsschützen-Kompanie an. Seine 300 Mann starke Truppe gehört zur letzten Bastion des bayerischen Königreichs. Die Weltgeschichte hat Purzelbäume geschlagen, Revolutionen, Kriege, der Untergang der Monarchie. Die Gebirgsschützen haben das alles überstanden. Sie sind Nachfolger jener „Landesdefension“, die das Königreich Bayern seit dem Mittelalter schon gegen die Schweden und die Österreicher verteidigt hat. Nun bereitet sich die Waakirchner Kompanie gerade auf eine weitere Invasion vor. Diesmal allerdings eine freundliche.

Gut 450 Kompanien strömen nach Waakirchen - ein Mega-Event

Kompanien wie die von Hauptmann Beilhack gibt es in ganz Bayern, Tirol, Südtirol und dem Trentino („Welschtirol“), gut 450 an der Zahl. Sie alle strömen ab Donnerstag nach Waakirchen zum Alpenregionstreffen, das alle zwei Jahre bei einem anderen Schützenbund stattfindet. 7500 Gebirgsschützen haben zugesagt – das 24. Treffen seiner Art wird ein Brauchtums-Mega-Event. Obwohl der Gebirgsschütze natürlich nie das Wort Mega-Event in den Mund nehmen würde, er würde sagen: a Riesnsach.

Tiroler und Bayern - eigentlich ehemalige Erzfeinde...

Aus Bayern und Tirolern, die einander noch Anfang des 19. Jahrhunderts erbittert bekämpften, sind längst Freunde geworden. „Eigentlich sind wir ja das gleiche Volk“, sagt Beilhack, gleiche Sprache, gleiches Brauchtum, „gottseidank leben wir in Frieden miteinander und das feiern wir.“

Alle aktuellen Infos gibt's hier:

Alpenregionstreffen der Gebirgsschützen in Waakirchen: Wo gibt's die Parkplätze? Was wird geboten? Wann sind die Veranstaltungen? Wo sind die Sperren? Alle aktuellen Infos gibt's hier.

Ganze Zeltstadt steht schon im Ort

Beim Alpenregionstreffen wollen sich die Waakirchner als Gastgeber nichts nachsagen lassen und haben dafür eine ganze Zeltstadt auf die grüne Wiese gestellt. Beilhack ist sowas wie der Fest-Manager, er rennt gerade von einem Termin zum nächsten. Und jetzt muss auch noch ein neuer Sicherheitsdienst her, weil die Behörden das Fest als Großveranstaltung eingestuft haben. „Da vergeht’s einem ja mit dem ganzen Formularzeigs“, schimpft der Hauptmann, um aber sofort hinzuzufügen, „des pack ma scho“.

Der große Überblick: So sieht Waakirchen zum Alpenregionstreffen der Gebirgsschützen aus

Brasilianische Nacht und Gebirgsschützen - wie passt das zusammen?

Die Gebirgsschützen gibt es schon seit Jahrhunderten, trotzdem, und darauf sind sie stolz, gehen sie beim Feiern mit der Zeit. In Waakirchen zum Beispiel wird es am Freitag eine brasilianische Nacht geben – inklusive leicht bekleideter Samba-Tänzerinnen und einer Copacabana-Bar. Südamerikanische Leichtigkeit und bayerisches Traditionsbewusstsein – wie passt das zusammen? 

„Ganz wunderbar“, findet Oberleutnant Herbert Stubenrauch, 63, Schriftführer und Pressesprecher bei den Waakirchner Gebirgsschützen. Und Hauptmann Beilhack zitiert das brasilianische B-Promi-Sternchen Fernanda Brandão, die einmal im BR etwas gesagt hat, das ihm gefallen hat: „Die Bayern und die Brasilianer sind sich ähnlich von der Gemütlichkeit und von der Lebenslust her.“ „Wir leben das halt unterschiedlich aus“, ergänzt Oberleutnant Stubenrauch.

Brauchtum muss man leben, um es zu bewahren

Gruppenbild mit Dame: Die Vorstandschaft der Gebirgsschützen-Kompanie Waakirchen um Oberleutnant Herbert Stubenrauch (3. v. l.) und Hauptmann Martin Beilhack (ganz rechts) mit der Marketenderin Andrea Haberl, die immer einen Schnaps dabei hat, vor dem Löwendenkmal.

Wenn es aber um die Verteidigung ihres Heimatlandes geht, verstehen die Gebirgsschützen keinen Spaß. Dann zitiert Hauptmann Beilhack plötzlich keine B-Promi-Sternchen mehr, sondern hält es mit Goethes Faust: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Sprich: Brauchtum muss man leben, um es zu bewahren.

Rangtitel aus Zeit, als Bayern noch einen König hatte

Die Schützen tragen ihre militärischen Rangtitel aus der Zeit, als Bayern noch einen König hatte. Auch wenn sie keine reguläre militärische Truppe mehr sind, ist klar: Die Gebirgsschützen sind kein Trachtenverein. Sie sind gelebte Landesverteidigung. Sie sind, wenn man so will, Heimatpfleger. Das Oberländer-Denkmal, unter dem sich Beilhack und die anderen Vorstände der Waakirchner Schützen an diesem Tag versammelt haben, erinnert an die Sendlinger Mordweihnacht im Jahr 1705. Und an den legendären Schmied von Kochel, den Helden aller Gebirgsschützen, der als letzter gefallen sein soll, als die österreichischen Besatzer einen bayerischen Volksaufstand blutig niederschlugen.

„Wenn uns etwas nicht passt, stehen wir auf und mischen uns ein“

Freilich kämpfen die Gebirgsschützen heute nicht mehr mit Gewehr und Säbel gegen fremde Invasoren – obwohl ihnen das Waffenrecht eine Ausnahmegenehmigung zum Führen scharfer Gewehre einräumt. Heute verteidigen die Gebirgsschützen die bayerische Sprache und Kultur. „Wenn uns etwas nicht passt, stehen wir auf und mischen uns ein“, sagt Beilhack. Erst im April traf der Schützenzorn den BR: Weil Bayern 1 den letzten Rest Volksmusik aus seinem Programm verbannte, richteten die bayerischen Kompanien eine Petition an den Landtag. Ihr Anliegen nannten sie: „kulturellen Umweltschutz“.

Ein Dutzend Chinesen - die Gebirgsschützen sind hilflos

Heute aber muss die Waakirchner Kompanie überraschend den Rückzug antreten: Ein Dutzend chinesischer Touristen ist auf die feschen Oberländer in voller Montur aufmerksam geworden und fällt mit riesigen Kameraobjektiven über sie her. Oberleutnant Stubenrauch blickt halb schmunzelnd, halb flehend hinauf zum Löwen mit der Rautenfahne, als könne dieser ihn beschützen. Es ist hoffnungslos: Mit einem fröhlichen „Hello! Photo!“, schieben sich zwei Chinesinnen an ihn heran und posieren mit hochgereckten Daumen für das Urlaubsalbum.

Vor dem fernöstlichen Blitzlichtgewitter flieht die Truppe schließlich ins Vereinsheim im zweiten Stock des Feuerwehrhauses. Dort, umgeben von kunstvoll bemalten Ehrenscheiben und auf Hochglanz polierten Schützenpokalen, erklärt Hauptmann Beilhack, was einen echten Gebirgsschützen ausmacht: „Christ muss er sein und einen Bürgen muss er haben, damit wir sehen, ob er zu uns passt.“ Wer diese Bedingungen erfüllt, darf an Schießübungen teilnehmen und mit der Kompanie zu repräsentativen Anlässen ausrücken. Stubenrauch erzählt von dem Besuch beim Bundespräsidenten in Berlin – „der war schwer beeindruckt“. Und der Privataudienz bei Papst Benedikt in Rom – „da läuft es einem kalt den Buckel hinunter“.

Schirmherr der Schützen ist übrigens immer der amtierende bayerische Ministerpräsident. Edmund Stoiber rückt sogar heute noch in voller Montur aus. Auch wenn die Schützen gute Beziehungen zur hohen Politik haben, manchmal packt sie doch die Sehnsucht nach der Zeit, als die Bayern noch einen richtigen König hatten. Eine konstitutionelle Monarchie wie in England oder Dänemark, das wäre was, findet Hauptmann Beilhack: „Ein echter Kini in der Münchner Residenz, das würde doch gleich viel mehr her machen.“ Bis dahin, man wird ja noch träumen dürfen, vertreiben sich die Schützen in Waakirchen die Zeit mit Tanzlmusik und Samba.

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