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Die Familie Piroch vor dem Christlwirt.

Auszeichnung für die Pirochs

Christlwirt: Wie ein Wirtshaus Heimat wird

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Der Christlwirt stand seit zwei Jahren leer, als Fanni und Christian Piroch auf das Traditionshaus aufmerksam wurden. Es war Liebe auf den ersten Blick. Seit nun acht Jahren sorgt die Familie dafür, dass im Christlwirt Leben ist.

WaakirchenWirtshaussterben überall in Bayern: Der Preis „Beste Heimatwirtschaft“ kommt nicht von ungefähr. Der Freistaat hat ihn ausgelobt, um die zu stärken, die mit Leidenschaft und viel, viel Einsatz dafür sorgen, dass Dörfer ihre Seele behalten. Im Juli haben die Pirochs den Preis geholt (wir berichteten). Waakirchens Bürgermeister Sepp Hartl gratulierte wiederum mit einer öffentlichen Würdigung. „Ihr seid eine Bereicherung fürs Dorf, für unsere Vereine“, lobte er und überreichte eine prächtig gestaltete Urkunde.

Den Pirochs tut das gut. Aber sie wissen auch so: In Waakirchen ist die Wirtsfamilie angekommen. „Wir haben die Wirtschaft gesehen und sofort gewusst: Das ist es“, sagt Christian Piroch (44). Damals bewirtschafteten die beiden das Gasthaus Jennerwein in Dürnbach, auch ein traditionsreiches Haus. Aber das Tegernseer Tal, dieser besondere Kosmos mit hoher Promi-Dichte, war nicht der Ort, wo sie für immer bleiben wollten. „Waakirchen ist halt traditioneller“, sagt Piroch. Der Christlwirt ist eines der ältesten Anwesen in Waakirchen, seine Historie reicht bis 1790 zurück. Die Stube mit dem alten Ziegelboden, das polierte Holz, der Tresen mit den imposanten Krügen: ein Stück Dorfgeschichte.

Das war der Platz, den die Pirochs gesucht hatten. Sie verließen das Tegernseer Tal und fingen in Waakirchen neu an. „Das sind zwei Welten, auch wenn nur ein paar Kilometer dazwischen liegen“, sagt Fanni Piroch (43). Im Juni 2010 eröffneten die beiden den Christlwirt wieder, als Pächter. Seitdem gibt’s immer nur dienstags eine Atempause, ansonsten sind die Pirochs täglich für ihre Gäste da. Auch die Söhne Christopher (17) und Barnabas (14) packen mit an. „Die sind da hineingewachsen“, sagt Fanni Piroch.

Eine Angestellte hat die Familie; wenn Hochbetrieb ist, kommen Aushilfen. Ansonsten kümmert sich Fanni um den Service, Christian steht am Herd. Inzwischen gemeinsam mit Sohn Christopher, der im heimischen Betrieb eine Ausbildung absolviert. Und wenn’s in der Gaststube rund geht, packt auch Barnabas mit an. So viel Freude den Eltern der Eifer ihrer Söhne auch macht: Ob die beiden mal in ihre Fußstapfen treten, ist offen. „Das ist kein Muss“, betont der Vater.

Er selbst wurde ins Metier ebenso hineingeboren wie seine Kinder. Die Oma hatte einen Betrieb in Kärnten, er hat Koch gelernt. Seine Fanni, eine Ungarin, hat er bei der Arbeit getroffen. Seit 21 Jahren sind die beiden verheiratet, seit 16 Jahren selbstständig. Immer zusammen, aber immer voll eingespannt. „In den 16 Jahren gab’s vielleicht sechs Tage, an denen der Betrieb lief, aber wir nicht da waren“, meint Fanni. Dass vielerorts die Wirtshäuser schließen, wundert sie nicht. „Wer will schon 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten?“

Die Pirochs wollen. „Wir haben Leidenschaft fürs Metier und viel Idealismus“, sagt Christian Piroch. Die Gäste danken es mit Treue. Dass Urlauber einfach so im Christlwirt einkehren, ist selten, trotz des schönen Biergartens. „90 Prozent sind Stammgäste“, sagt Fanni. Der Alte-Herren-Stammtisch, der Damen-Stammtisch, der Jäger-Stammtisch: Alle haben hier ihren Platz.

Während der Eishockey-Saison kehren die Fans nach den Spielen ein, da müssen die Pirochs schon mal Tische dazu stellen. Und der 24. Dezember, einst Familientag bei den Pirochs, gehört seit dem Umzug nach Waakirchen den Gebirgsschützen. „Das ist halt Tradition hier“, sagt Fanni Piroch. Nach dem Gedenken an die Sendlinger Mordweihnacht geht’s in den Christlwirt. So zahlreich, dass in der Gaststube statt des üblichen Mobiliars dann Bierzelt-Garnituren aufgestellt sind.

Und weil die Pirochs in Waakirchen nun dazugehören, sind sie inzwischen auch ordentlich verheiratet. Kirchlich. Aus einem Scherz in der Wirtsstube übers „gschlamperte Verhältnis“ wurde vor vier Jahren eine Vermählung in der Kirche mit Hochzeitslader, Kutsche und allem, was zu einer bayerischen Dorfhochzeit gehört.

Die Stammgäste der Pirochs kommen übrigens nicht nur aus Waakirchen, sondern auch aus Bad Tölz, Lenggries, oder aus München. Gäste aus dem Tegernseer Tal sind hingegen rar. Denn das ist hier in Waakirchen doch ziemlich weit weg.

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