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Weltliche Diskussionen um das königliche Spiel: Eigentlich sollten alle Städte und Gemeinden das Schulschach-Projekt unterstützen, doch haben sich bislang nicht beteiligt. dennoch will der Verein das Angebot aufrecht erhalten.

Diskussionen ums Schulschach

Rochaden rund ums Bezahlen

Seit 2011 wird an den Schulen im Landkreis Schachunterricht unterrichtet. Damals startete das Angebot als Gemeinschaftsprojekt, doch auch nach sechs Jahren lehnen vier Gemeinden eine finanzielle Beteiligung ab. Nun murren die Zahler.

Die Vorzüge für die Schüler sind noch immer dieselben: Schach fördert die Konzentrationsfähigkeit und das logische Denken. Mit diesem lernpädagogischen Ansatz wurde das Schulschach-Projekt 2011 landkreisweit gestartet. Mittlerweile gibt es an 21 Schulen im Landkreis – Grundschulen, Realschulen und Gymnasium – einstündige Wochenkurse, eingeteilt nach Anfänger und Fortgeschrittene. Über 750 Schüler werden inzwischen von insgesamt drei Lehrern unterrichtet. „Das Projekt“, sagt Initiator Horst Leckner aus Waakirchen, „hat sich gewaltig entwickelt. In Deutschland ist es einzigartig. Und es wächst weiter. Die Nachfrage ist groß.“

Umso unverständlicher ist es für ihn, dass einige Gemeinden trotz aller Erfolge immer noch das Schulschach boykottieren – zumindest finanziell. Denn egal ob Bayrischzell (siehe unten), Holzkirchen, Irschenberg (siehe unten) oder Schliersee: Auch ohne finanzielle Hilfe aus dem Rathaus findet dort der Schachunterricht statt. Die Entscheidungen in Holzkirchen und Schliersee stehen für 2017 noch aus.

Kommunen zahlen nach Einwohnern

Dabei geht es nicht um riesige Beträge. Die Städte und Gemeinden sollen gemeinsam 15 000 Euro aufbringen. Die jeweilige Beteiligung richtet sich nach der Einwohnerzahl. Basierend auf den Daten aus dem Jahr 2008 zahlt beispielsweise die Stadt Miesbach für ihre damals 11 057 Einwohner – bezogen auf insgesamt 95 292 Landkreisbürger – auch heute noch 1740 Euro (siehe Kasten). Irschenberg wäre mit 481,50 Euro dabei – Grundlage sind 3000 Einwohnern.

Irschenbergs Bürgermeister Hans Schönauer weiß seinen Gemeinderat hinter sich. „Uns stört, dass so ein Projekt ins Leben gerufen wird mit der Maßgabe, dass alle mitzahlen müssen – ob man will oder nicht“, erklärt er. „Und die Höhe wird auch gleich festgelegt.“ Die Gemeinde habe die Ausstattung fürs Schulschach übernommen und stelle die Räume – das müsse reichen. „Generell helfen wir dort, wo es notwendig ist.“ Mit gerade mal 19 Schachschülern ist Irschenbergs kleine Grundschule sehr überschaubar dabei. Zum Vergleich: In Miesbach sind es aktuell 115 Schüler.

Kosten entstehen dennoch, sagt Leckner, der auch als stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins fungiert. Das gelte vor allem für Bayrischzell. „Es dauert schon allein eine halbe Stunde, um dorthin zu fahren“, erklärt er mit Blick auf die abgelegene Lage der Wendelsteingemeinde. Dennoch wolle man das Angebot aufrecht erhalten – der Schüler zuliebe.

Denn durch die Resonanz der Eltern sieht sich Ruheständler Leckner in seiner Mission bestätigt: „Viele haben sich schon bedankt, weil wir mit dem Schachunterricht quasi das Leben ihrer Kinder gerettet haben.“ Durch Schach hätten es die Schüler gelernt, sich über lange zeit zu konzentrieren. Das komme auch im Unterricht zugute.

Um Schach richtig vermitteln zu können, braucht es laut Leckner nicht nur Qualität. „Wichtig ist, dass alle über eine pädagogische Ausbildung verfügen“, betont er. Schach können sei nicht alles. „Auf das Vermitteln kommt es an.“

Renommierte Schach-Pädagogen

Mit dem Internationalen Meister Roman Vidonyak und Großmeister Michael Prusikin (beide A-Schein-Inhaber) sowie Marina Manakov (B-Schein) hat der Förderverein Schulschach drei Schach-Experten mit pädagogischer Ausbildung engagiert, die renommiert sind. So ist Vidonyak einer von nur vier Senior Trainern des Schach-Weltverbands FIDE in Deutschland. Und Prusikin war Trainer des Jahres 2012 des Deutschen Schachbunds. Manakov studierte Schach in Moskau, ist Internationale Meisterin und achtfache Deutsche Meisterin – dreimal im Blitzschach. Alle drei gehören auch zur Schach-Regionalliga-Mannschaft des TV Tegernsee. Ein vierter Lehrer soll kommen.

Mittlerweile sind die Kosten pro Jahr auf 190.000 Euro angestiegen. Lehrer, Sekretariat, Steuerberater, Versicherungen, Mietkosten, Unterrichtsmaterial und nicht zuletzt Urkunden für Wettbewerbe kosten. „Dabei decken die Eltern 58 Prozent der Kosten“, sagt Leckner. 14 Euro pro Monat kostet die Teilnahme über zwölf Monate. Weitere 36 Prozent decken Sponsoren ab und sechs Prozent die Kommunen. Deren Anteil könnte künftig niedriger werden, wenn der Landkreis mitspielt. „Geplant ist, dass der Landkreis 7.500 Euro von den 15.000 Euro der Kommunen übernimmt“, berichtet der Waakirchner. „Dann müsste jede Kommune nur noch die Hälfte zahlen.“

Ein Engagement des Landkreises wäre auch aus einem anderen Grund wünschenswert. Seit 2014 schmückt sich der Landkreis mit dem Siegel „Bildungsregion in Bayern“. Dabei, so verrät Leckner, „war das Schulschach-Projekt eine zentrale Säule für die Verleihung. Nur finanziell unterstützt hat der Landkreis das Projekt nie.“ Das soll sich bald ändern.

Unabhängige Finanzierung

Denn auch bei den Sponsoren gibt es keine Planungssicherheit. Die Kreissparkasse hat in den vergangenen Jahren ihre Unterstützung auf 25 000 Euro gekürzt, und die Stiftungen lehnen laut Leckner eine auf unbegrenzte Dauer angelegte Förderung ab, weil sie lediglich eine Anschubfinanzierung leisten wollen. An Bord sind noch die Fritz und Thekla Funke Stiftung und seit 2016 die Hubertus Altgelt Stiftung (jeweils etwa 20 000 Euro) sowie der Lions Club Tegernsee. Die Oskar Troplowitz Stiftung sei nicht mehr dabei.

Deshalb arbeitet der Trägerverein daran, finanziell unabhängiger zu werden. dafür ist Leckner bereit, das Konzept bei Interessenten vorzustellen – und auch bei den Gemeinden, bei denen er bislang keinen Termin bekommen habe. Denn zu erfahren gebe es viel.

„Schach ist Hochleistung“, betont er. „Man braucht Kondition und einen guten Kreislauf.“ Im Wettkampf könne die Pulsfrequenz auf 180 Schläge steigen. Eine Beschäftigung für Stubenhocker sei dies keinesfalls. „Unsere Topspieler beim TV Tegernsee treiben Sport zum Ausgleich, um fit zu sein.“ Auch das Schulschach hält fit – zumindest Leckner: „Ich bin von dieser Idee überzeugt. Das ist meine Lebensaufgabe. Und sie hält mich jung.“

Miesbacher Stadtrat schießt gegen Irschenberg

Der Zuschussantrag des Trägervereins Schulschach über 1740 Euro, den der Stadtrat Miesbach für die nächsten Jahre angenommen hat, sorgte zuvor für Diskussionen. Der Grund: die fehlende Zahlungsbereitschaft Irschenbergs. „Ich find’s unmöglich, das auf dem Rücken der Kinder auszutragen“, echauffierte sich Franz Mayer (CSU), und Zweiter Bürgermeister Paul Fertl (SPD) wunderte sich, dass „wegen Kleinstbeträge Solidarität nicht gelebt“ werde. Miesbach sei beim Zahlen stets dabei, „andere nicht“. Bei der Anschaffung der Drehleiter habe es dieselbe Diskussion gegeben. Während Markus Seemüller (FW) nur über 2017 hinaus zahlen wollte, wenn alle zahlen, regte sein Fraktionskollege Florian Ruml an, die Berechnungsgrundlage umzustellen – weg von Einwohnern hin zu Teilnehmern. Irschenbergs Bürgermeister Hans Schönauer (FW Niklasreuth) ließ die Diskussion in Miesbach kalt: „Wir mischen uns auch nicht bei den Miesbachern und deren Schulden ein.“

Auch Bayrischzells Gemeinderat lehnt Förderung ab

Auch Bayrischzell will den Schulschachverein finanziell nicht unterstützen. Wie in den Vorjahren lehnte der Gemeinderat den Antrag über 242 Euro ab. „Unsere Kinder haben vom Fußball- über Plattler-, Ski- und Langlauftraining genug Vereine“, stellte Bürgermeister Georg Kittenrainer fest. Zudem verwies Geschäftsleiter Josef Acher darauf, dass bereits verschiedene Stiftungen das Schulschachprojekt ebenso unterstützen wie die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee. Florian Müller war ebenfalls dagegen: „Schach ist ein toller Denksport, aber Kinder sitzen heutzutage schon viel in der Schule und vorm Computer.“ Er sehe das Geld besser angelegt in den örtlichen Ski- und Sportvereinen. Vizebürgermeister Egid Stadler betrachtete die Summe dagegen eher als einen symbolischen Wert. Letztlich stimmte der Gemeinderat mit 8:4 gegen den Zuschussantrag. Trotzdem stellt die Gemeinde ihre Räume in der Grundschule weiterhin zur Verfügung.

ddy

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