+
Auf in die Freiheit: Der junge Mäusebussard fliegt los. Die Schaftlacher Kindergartenkinder mit ihren Betreuerinnen (hinten v.l.) Margitta Merkel und Sabrina Gast sowie Maria Esterl hatten den Vogel verletzt auf einer Wiese gefunden. Bürgermeister Sepp Hartl (l.) brachte ihn zu Alfred Ai gner (2.v.l.) in die Auffangstation.

Greifvogel in Schaftlach ausgewildert 

Fräulein Bussard und ihr Massel

Gleich einer ihrer ersten Flüge hätte beinahe tödlich geendet. Doch ein junger Mäusebussard hatte ein riesiges Massel: Schaftlacher Kindergartenkinder fanden ihn. Alfred Aigner hat das junge Bussardweibchen über die Sommerferien gesund gepflegt - und jetzt in die Freiheit entlassen.

Schaftlach– Als die Mädchen und Buben des Schaftlacher Kindergartens den Greifvogel das erste Mal sahen, saß er schwer verletzt in der Wiese. Jetzt gab’s ein Wiedersehen – und ein Happy End: Zusammen mit Alfred Aigner, der den Mäusebussard in der Greifvogel-Auffangstation in Otterfing aufgepäppelt hatte, entließen sie den ehemaligen Patienten in die Freiheit.

Es war an einem Vormittag Mitte Juli. An ihrem Waldtag machte sich die Kindergartengruppe mit den Betreuerinnen vom Erika-Sixt-Kindergarten in der Buchkogelstraße am Spielplatz vorbei auf dem Waldweg auf in Richtung Bahngleise, die sie immer queren, um in „ihr“ Waldstück zu gelangen. Maxi (5) war der erste, dem in der Wiese ein Tier auffiel. Ein Hase, dachte die Gruppe erst, oder eine Eule. Vor Ort stellte sich heraus: Es ist in der Tat ein Greifvogel – ein verletzter. Kinderpflegerin Sabrina Gast zögerte nicht, zog ihre Jacke aus und warf sie über den Vogel, damit er ruhig sitzen bleibt; sie kennt das von den Hühnern, die sie hält.

Gast zückte das Handy und rief bei der Tierärztin in Schaftlach an. Die vermittelte den Fall weiter. Förster Gerhard Waas fand zunächst niemanden, der sich kümmern konnte. Bis er auf Sepp Hartl stieß, der nicht nur Waakirchner Bürgermeister ist, sondern auch ausgebildeter Falkner. Eineinhalb Stunden, nachdem die Kinder den Patienten gefunden hatten, kam Hartl mit einer Katzenbox und Handtüchern ausgerüstet und transportierte den gefiederten Patienten zu Alfred Aigner in die einzige Greifvogelauffangstation in der Region, in Otterfing. Und Hartl versprach den Kindern, dass sie dabei sein dürfen, wenn der Vogel wieder in die Freiheit entlassen wird – sofern er wieder gesund wird.

Ein typischer Patient

Wäre Hilfe ausgeblieben, der Mäusebussard – ein junges Weibchen, das erst heuer aus dem Ei geschlüpft ist – wäre wohl elendig verendet. „Es ist wohl mit der BOB zusammengestoßen“, erklärt Aigner. Zwar hatte es keine Brüche, aber Prellungen und einen dicken Bluterguss im Luftsack, wodurch der Vogel nicht mehr flugfähig war. Eigentlich ein Todesurteil für einen Greifvogel, dessen Jagderfolg und damit Nahrungsgrundlage von Fitness und Geschick abhängt – wenn nicht hilfsbereite Menschen des Weges kommen. „Es war vermutlich einer ihrer ersten Flüge“, schätzt Aigner anhand des Alters des Vogels. Ihre Augen sind noch grau statt bernsteinfarben wie bei älteren Vertretern ihrer Art, ihr Brustgefieder noch eher längs gefleckt als mit Querbögen durchzogen. Aber ein besonders schöner Vogel ist es, sagt Aigner, „mit einem hübsch gezeichneten Gesicht und eher hell, wie sonst die Mäusebussarde aus dem Norden“. Nicht alle Bussarde, die man in der Region beobachten kann, sind hier heimisch: Im Herbst und Winter ziehen Bussarde aus Nordeuropa durch Bayern, die in wärmeren Gefilden in Frankreich oder Spanien überwintern. Fräulein Mäusebussard aber ist wohl hier geboren.

Lesen Sie auch: Herbst - die traurige Zeit der totgefahrenen Tiere

Ihr Bluterguss musste vom Tierarzt abgesaugt werden. Aigner päppelte den Jungvogel in Otterfing auf. Dort bezog Fräulein Mäusebussard eine Voliere und machte Flugübungen. An einem Heuhaufen, in dem sich Mäuse tummeln, lernte sie das Schlagen von Beutetieren. Jahr für Jahr betreut Aigner in der Auffangstation in Otterfing rund 150 solcher Fälle aller Arten von Greifvögeln: Turm- und Baumfalken, Uhus, Eulen & Co., sogar ein Schlangenadler und ein Fischadler waren schon unter den Otterfinger Patienten - vor allem aus den Landkreisen Miesbach, aus München, Bad Tölz-Wolfratshausen, Ebersberg und Rosenheim. Aber auch aus Tirol haben ihm Vogelfreunde schon Patienten vorbeigebracht. Hauptsächlich sind es Opfer von Verkehrsunfällen an Straßen und Schienen. „Das ist das Schlimme, weil man dabei eigentlich nichts tun kann“, sagt Aigner. „Stromleitungen kann man isolieren, Scheiben mit Flugsilhouetten oder CDs sichtbar machen. Aber der Verkehr nimmt einfach zu.“

Pflege geht ins Geld

Die medizinische Versorgung bei einer Fachtierärztin, Nahrung und Unterbringung für die Patienten gehen ins Geld: Rund 8000 Euro wendet die Greifvogelstation jährlich auf, obwohl Aigner diese rein ehrenamtlich betreibt – „eigentlich ein Vollzeitjob“, sagt Aigner und lächelt diesen Umstand schulterzuckend weg. 5000 Euro jährlich deckt ein Zuschuss der Kreissparkasse, der Rest muss an anderen Spenden oder Patenschaften aufgebracht werden.

Der einzige Gradmesser für Aigner, ob seine Arbeit Erfolg hat, sind die nummerierten Ringe der Vogelwarte Radolfzell, die er den Patienten anlegt, ehe er sie wieder in die Freiheit entlässt. Wird ein toter Greifvogel entdeckt und der Ring abgelesen, erfährt Aigner, wenn es einer seiner einstigen Schützlinge war. Es sind für ihn gute Nachrichten, wenn er hört, dass ein Vogel, den er vor zehn, 15 Jahren entlassen hat, so lange überlebt hat. „Nicht nur, weil der Vogel so lange überlebt hat“, sagt Aigner, „sondern weil er sich auch vermehren konnte.“

Aufbruch ins Leben

Die Kindergartenkinder fragten sich immer wieder, wie es dem Patienten wohl geht. Jetzt, nach den Ferien, haben sie das Happy End miterlebt – wie es ihnen der Bürgermeister versprochen hatte: Auf einer Anhöhe in der Nähe der Stelle, wo die Kinder den Vogel gefunden hatten, wurde er in die Freiheit entlassen. Auch die Kinder, die heuer in die Schule kommen, kamen extra vorbei, um dabei zu sein. Maxi, der den Bussard entdeckt hatte, durfte sogar die mächtige Schwinge halten und ausklappen. Ganz weich seien die Federn gewesen, erzählt er nachher. Überhaupt ist der Vogel ganz schön groß geworden, stellten die Kinder fest.

Nachdem Fräulein Bussard scheinbar recht geduldig die kleine Erklärstunde über sich ergehen hat lassen, entlässt Aigner sie mit einem beherzten Schwenk der Arme nach oben von der Hand in die Freiheit. Sie sucht sich erst mal einen Ast in einem nahen Baum und verschafft sich Überblick. Ein paar Minuten später dreht sie eine erste Runde über den Köpfen der Kinder. Ein Aufbruch in ein neues Leben. Wenn sie weiterhin so viel Massel hat, kann es bis zu 25 Jahre dauern.

Katrin Hager

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Lederhosen-Frau Doreen Dietel im Dschungelcamp 2019: Warum ist die ein Star?
Doreen Dietel ist eine Lederhosen-Frau im Dschungelcamp 2019. Aber warum ist die Kandidatin eigentlich ein Star?
Lederhosen-Frau Doreen Dietel im Dschungelcamp 2019: Warum ist die ein Star?
Frontalzusammenstoß auf der B318
Heftig gekracht hat es am Freitagnachmittag auf der Bundesstraße zwischen Gmund und Bad Wiessee: Auf Höhe Bayersäg kam es zu einem Frontalzusammenstoß zwischen einem …
Frontalzusammenstoß auf der B318
Bürgermeister fährt mit BR durch Schneechaos - und vergisst wichtiges Detail
Der Bayerische Rundfunk ist mit Waakirchens Bürgermeister im Schneechaos unterwegs. Am Steuer seines Audis zeigt er die Brennpunkte - und vergisst dabei etwas.
Bürgermeister fährt mit BR durch Schneechaos - und vergisst wichtiges Detail
Angela Wepper gestorben: Jetzt bricht ein Streit um ihre Beerdigung aus
Angela Weppers Ex-Mann, Ferfried Prinz zu Hohenzollern, wettert gegen Fritz Weppers Ex-Geliebte, Susanne Kellermann, die gerne zur Angelas Beerdigung gehen würde. 
Angela Wepper gestorben: Jetzt bricht ein Streit um ihre Beerdigung aus

Kommentare