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Der Autor Henric L. Wuermeling vor der Fahne der Aufständischen, die er nach Original fertigen ließ.

Jetzt gibt es auch ein Buch

Mordweihnacht: Der erste Volksaufstand Europas 

Alle Jahre wieder an Heiligabend findet am Oberländer Denkmal in Waakirchen das Gedenken an die Sendlinger Mordweihnacht statt. Warum der Termin bis heute so wichtig ist. 

Tegernsee/Waakirchen– „Diese ,Bauernschlacht‘ war der erste Volksaufstand Europas“, wertet Wuermeling. „Sie können es vergleichen mit dem Arbeiteraufstand zum 17. Juni 1953. Das Volk hat sich erhoben und politische und wirtschaftliche Forderungen gestellt.“ Weit über das Oberland hinaus – von Tölz bis Cham, von Burghausen bis Braunau – hatte sich das bayerische Volk erhoben. Bis zu 100.000 Mann beteiligten sich am Aufstand, um für ihr Bayernland Frieden zu erkämpfen. In seinem Buch verarbeitet Wuermeling Zeitzeugnisse zu einer romanhaften Erzählung. Beklemmend und gewaltig dicht zeichnet er die Not und die Wut, die sich aufstaute – über das, was die Landbevölkerung damals erlebte.

Der Autor Henric L. Wuermeling vor der Fahne der Aufständischen, die er nach Original fertigen ließ.

Weihnachten 1705 also brachen die Landbewohner für ihre Idee zu einem Sternmarsch nach München auf. Der Ruf „Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben“ war ihr Motto, Dreschflegel und Mistgabeln ihre Waffen. Ohne Kampferfahrung war ihr Einsatz von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es war ein Aufstand der Verzweifelten. Bayern war zu Beginn des 18. Jahrhunderts nur noch Durchmarschland alliierter Besatzungstruppen. Allein Rosenheim verzeichnete 200 Truppendurchzüge. Soldateska brandschatzte das Land. Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren grausam: Folterungen, Vergewaltigungen, Plünderungen, Zwangsrekrutierungen und soldatische Exzesse. Kurfürst Max Emanuel interessierte das nicht: Er war nach Brüssel geflohen, nachdem in der Schlacht von Höchstädt die bayerisch-französischen Truppen geschlagen worden waren. Diese Schlacht veränderte die politische Achse der Welt, urteilte später Winston Churchill. Mit dem britischen Premier hat Henric L. Wuermeling einen prominenten „Zeugen“ gefunden, der diesen Volksaufstand in seiner europäischen Auswirkung einordnet. Blenheim Castle, das Schloss der Churchills, war die Siegprämie nach dieser Schlacht.

Dieser erste Volksaufstand Europas zu Weihnachten 1705 ist bitter gescheitert. Weil die Aufständischen verraten wurden. Weil die Soldaten die Aufständischen in einem irren Blutrausch schlachteten, zuerst am Weihnachtstag in Sendling, dann am 8. Januar 1706 in Aidenbach. 10 000 Opfer gab es. In der Egerner Kirche erinnert eine Votivtafel an die Gefallenen. Sie ist 1707 als Dank der Überlebenden gestiftet worden. Die Zahl der Toten, die im Tegernseer Tal damals zu beklagen waren: 15 aus Tegernsee, 31 aus Egern, 28 aus Gmund, 34 aus Waakirchen unter der Führung des sagenumwobenen Schmiedbalthes. Er soll – sofern es ihn wirklich gab, denn das bezweifeln Historiker – in Waakirchen geboren sein. An einem Hof in der Schaftlacher Straße erinnert eine Tafel an ihn.

In seinem Buch schildert Wuermeling das Leben einer Oberlandler Bauernfamilie, die dieses Jahr 1705 überstanden hat. Es war eine grausame Zeit. Aber die Aufständischen schufen etwas völlig neues: „die Gemain der Bürger und Bauern“ und ein „Baiern-Parlament“ in Braunau, das ihre Rechte vertreten sollte. Sie waren die ersten, die in Europa einen derartigen politischen Aufstand wagten. Es sollte noch 90 Jahre dauern, bis die Französischen Revolution eine neue Ordnung in Europa begründete. Die Menschen in Bayern ertrugen – so zeigt das Buch, das aus historischen Zeugnissen zitiert – danach das Leben wieder Gott ergeben und nahmen das Jahr 1705 hin, mit dem Satz: „Es war ein strenger Winter.“

Das Buch

Henric L. Wuermeling: „1705. Der bayerische Volksaufstand und die Sendlinger Mordweihnacht“. Mit einem Prolog von Winston Churchill. Verlag Langenmüller, ISBN 978-3784430072

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