Das Mahnmal am Waakirchner Ortseingang erinnert an den Todesmarsch, der am 2. Mai 1945 hier endete. Dokumentarfilmer Max Kronawitter arbeitete sechs Monate lang an seinem Film.
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Das Mahnmal am Waakirchner Ortseingang erinnert an den Todesmarsch, der am 2. Mai 1945 hier endete. Dokumentarfilmer Max Kronawitter arbeitete sechs Monate lang an seinem Film.

Vor 76 Jahren endete der Todesmarsch der KZ-Gefangenen aus Dachau in Waakirchen

Tödlicher Marsch Richtung Freiheit

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Vor 76 Jahren endete in Waakirchen der Todesmarsch von KZ-Gefangenen aus Dachau. Max Kronawitter hat darüber einen Film gedreht.

Waakirchen – Am Ortsrand von Waakirchen erinnert Hubertus von Pilgrims Mahnmal an den Todesmarsch, der hier am 2. Mai 1945 endete. Sechs Tage zuvor waren die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau aufgebrochen – Marschziel unklar. Ihr Weg führte durch Allach und Pasing, durchs Würmtal bis Starnberg. Über Wolfratshausen und Bad Tölz ging es weiter Richtung Tegernsee. Kurz vor Waakirchen schlugen die Häftlinge ihr Nachtlager auf. Als sie am Morgen des 2. Mai aufwachten, waren sie frei: Die SS-Männer hatten sich aus dem Staub gemacht, nachdem die US-Panzer immer näher gerückt waren.

Der Dokumentarfilmer Max Kronawitter hat einen Film über den Todesmarsch gedreht – die Gemeinde Waakirchen bezuschusste das Projekt mit 1000 Euro. „Wir haben das gemacht, weil es sich hier um einen Teil der Ortsgeschichte handelt, die nicht in Vergessenheit geraten darf“, sagt Bürgermeister Norbert Kerkel (FWG).

Kronawitter ist gebürtiger Passauer, lebt seit 20 Jahren im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Dort fielen ihm die Mahnmale auf. „Dass sie auf einen Todesmarsch verwiesen, hat mich interessiert. Allerdings habe ich wenig darüber in Erfahrung bringen können.“ Kronawitter fing an, selbst zu recherchieren. „Das hat dann eine Eigendynamik angenommen.“

erinnerung an den Todesmarsch der KZ-Häftlinge: Zeitzeuge meldet sich für Doku

Kronawitter zeigt in seinem Film historische Fotos von Waakirchen, die er im United States Holocaust Memorial Museum in Washington gefunden hat. Waakirchner, die den Zug gesehen haben, kommen nicht zu Wort. Zwar hatten sich sieben Zeitzeugen nach einem Aufruf gemeldet, aber aus dramaturgischen Gründen entschied sich der 58-Jährige für einen Zeitzeugen aus Reichersbeuern. „Friedel Kunstwald war damals 14 Jahre alt. Ein völlig ausgemergelter Häftling drückte ihm eine Ziehharmonika in die Hand mit den Worten: Brot! Brot!“ Der Mut des Buben, zuhause Brot zu holen und sich dann wieder unter den Marsch zu mischen, um den Häftling zu versorgen, habe ihn beeindruckt. Schließlich war es gefährlich, Häftlingen zu helfen. Mit Gewehren stießen die SS-Männer Milchbehälter um, schossen Helfern hinterher. „Es wäre das einfachste gewesen, zu sagen: ,Mich geht das nichts an, ich mache die Türe zu‘“, sagt Kronawitter. „Viele haben das ja auch so gemacht.“

Bei seinen Recherchen in den Gemeinden machte Kronawitter unterschiedliche Erfahrungen. Die Waakirchner begegneten ihm mit großer Offenheit. „Zu sehen, wie schlecht es den Häftlingen des Todesmarsches ging, wie ausgehungert sie waren, hat die Waakirchner Zeitzeugen geschockt“, sagt Kronawitter. Einer erzählte ihm, wie sich ein Häftling über den Abfall hinterm Haus hermachte und einen Knochen abnagte.

Dagegen fasste der Dokumentarfilmer im Eurasburger Ortsteil Beuerberg mit seinen Recherchen ein glühend heißes Eisen an: „Ältere Bürger haben zum Teil bis heute ein zwiespältiges Gefühl zum Todesmarsch.“ Kronawitter führt das darauf zurück, dass – bedingt durch das Vorrücken der Amerikaner – der Marsch hier für circa 5000 Häftlinge plötzlich endete. Sie waren ausgehungert, zogen zum Teil plündernd durch die Gegend. „Es ist verständlich, dass sie sich Nahrung besorgt haben. Es ist aber auch verständlich, dass das den Menschen nicht gefallen hat.“ In Waakirchen dagegen kümmerten sich die Amerikaner um die Häftlinge, organisierten Essen und Unterkunft. Unter anderem im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald kamen viele Überlebende unter. Hier warteten sie darauf, auszuwandern.

Dokumente über Ziel, Zweck und Route gibt es nicht. Klar ist, dass es nicht den einen Todesmarsch gab, sondern mehrere Nebenstrecken. Immer wieder musste die Route geändert werden, weil alliierte Truppen näher rückten. Womöglich wusste die SS nach der Räumung der Konzentrationslager selbst nicht genau, wohin mit den zigtausenden Zeugen ihrer Verbrechen.

„Man darf sich den Marsch ab Wolfratshausen nicht als Formation vorstellen, mit Bewachern vorne und hinten“, sagt Kronawitter. Auf den ersten Kilometern marschierten die Häftlinge noch in Vierer-Formation. „Aber bald wurde daraus ein verstreuter Haufen am Ende seiner Kräfte.“

Hinweise auf Route und Nebenstrecken geben unter anderem die Einmarschberichte, die Gemeindepfarrer im Auftrag der Diözese zur Zeit des Einmarschs der Alliierten schrieben. Sie berichten von Erschossenen in Häftlingskleidung am Wegrand. Grausige Belege für den Zug, der sich meist nachts vorwärtsbewegte und deshalb in einigen Orten unbemerkt blieb.

Der Dokumentarfilm wird am Donnerstag, 29. April, um 19.30 Uhr kostenlos gezeigt. Notwendig ist nur eine Anmeldung via E-Mail an kronawitter@ikarus-film.de.

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bst

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