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Rettet eine Umfahrung das Idyll? Die Verkehrsbelastung in Waakirchen – hier der Blick von Nordwesten – ist hoch. Vor allem der Schwerlastverkehr macht Probleme.

Dicke Luft bei Bürgerversammlung

Umfahrung: Hartl bleibt Bürgern Position schuldig

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Waakirchen - Bei der Bürgerversammlung in Waakirchen saß man sich gegenüber: Auf der einen Seite die Kämpfer für eine Ortsumgehung, auf der anderen die Gegner. Und dazwischen ein Bürgermeister, der keine Position bezieht und Fragen abblockt.

Die Turnhalle war voll besetzt. Die Bürger wollten mehr wissen zu jener Nachricht, die in die Osterferien geplatzt war: Der Bund hat der Ortsumfahrung von Waakirchen im Entwurf zum neuen Bundesverkehrswegeplan die höchste Dringlichkeitsstufe verliehen. Im Internet kann jeder die vom Staatlichen Bauamt Rosenheim eingereichte Trasse sehen. Die Wogen schlagen hoch. Die einen wollen die Umfahrung unbedingt, die anderen auf keinen Fall. Zur Bürgerversammlung lagen dazu auch viele schriftliche Anfragen auf dem Tisch. Doch bis die endlich zur Sprache kamen, verlangte Sepp Hartl (FWG) den Zuhörern viel Sitzfleisch ab. Seine Darlegung aller irgendwie relevanten Gemeindedaten und sein Rechenschaftsbericht übers Alltagsgeschäft eines Bürgermeisters zog sich bis fast 22 Uhr. 

Voll besetzt war die Turnhalle bei der Bürgerversammlung.

Die Waakirchner ertrugen es geduldig. Und bewiesen Kondition: Zu fortgeschrittener Stunde gab’s noch leidenschaftliche Plädoyers. Für die Gegner der Umfahrung sprach Landwirt Xaver März. Seit Jahren versuchten einige Bürger, den Verkehr von ihrem Haus wegzuleiten und die Verkehrsbelastung anderen anzuhängen, wetterte er. „Nachdem diese Maßnahme viel Geld und wertvollen Nutzgrund kosten würde, ist eine andere Gruppe von alteingesessenen Bürgern gegen eine Umgehung unseres Ortes“, machte März klar. Er hat Unterschriften gesammelt. Etwa 120 Betroffene hätten bereits unterzeichnet, berichtet März. Viele von ihnen sind Grundbesitzer – und laut März nicht bereit, auch nur einen Quadratmeter Fläche freiwillig für den Straßenbau abzutreten. Die Bewirtschaftung der durch eine Straße geteilten Flächen wären unzumutbar. Aus Sicht der Initiative gegen die Umfahrung bringen die geplanten Umgehungen von Holzkirchen und Bad Tölz bereits genügend Entlastung vom Fernlastverkehr, der Waakirchen quält. Ansonsten solle der Verkehr im Interesse der Geschäfte, Gaststätten und Gastgeber gar nicht verlagert werden. Diesen fehle sonst die Kundschaft.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass Umgehungsstraßengegner sich äußern. Bislang gab’s dafür auch keinen Anlass: Es bestand keine Aussicht auf Förderung. Das ist jetzt anders. „Jetzt ist die Chance da, die einzige, die Waakirchen je hatte. Die muss man doch nutzen“, machte Gerhard Voit von der Bürgerinitiative Verkehr klar. Voit und seine Mitstreiter haben für die Aufnahme der Umgehung in den Bundesverkehrswegeplan gekämpft und auch im Gemeinderat Gehör gefunden. Der Beschluss des Gremiums, den nun bewilligten Antrag beim Staatlichen Bauamt Rosenheim einzureichen, war einstimmig gefasst worden. Wo die Trasse verlaufen soll, ließ die Gemeinde offen. Also hatte das Staatliche Bauamt Rosenheim selbst eine Linie gezogen. „Das ist nur ein Strich auf dem Papier“, meinte Bürgermeister Hartl. Nichts weiter als „so ein Hakl“, den er selbst im Internet das erste Mal gesehen habe. 

Immer wieder hakten Bürger nach, wie Hartl zur Umgehung stehe, welche Schritte er unternehmen wolle, um die Umfahrung nach dem erfolgreichen Antrag zu realisieren. Doch der Rathauschef beließ es bei der Forderung an die Bürger, nun Farbe zu bekennen. „Ihr müsst sagen, ob Ihr eine Umgehung wollt oder nicht“, rief er immer wieder in die Halle. Die Bürger sollten im Rahmen der öffentlichen Beteiligung ihre Stellungnahmen abgeben. Seine eigene Position ließ Hartl völlig offen. Zunächst müsse der Gemeinderat beraten, wich er aus. Nachdem er „ein Teamworker, kein Patriarch“ sei, könne er zur Haltung der Gemeinde nichts sagen. Man werde wohl einen Verkehrsexperten beauftragten. Noch fehle es an Information. „Ich weiß auch nur, was in der Zeitung steht“, bekannte der Bürgermeister. 

Manchem in der Halle war das zu wenig. Man erwarte hier und jetzt eine Äußerung, rief der eine. Der Gemeinderat müsse halt jetzt öfter tagen, um das Projekt voranzutreiben, meinte ein anderer. „Ihr müsst mehr machen“, forderte Rainer Küppers von der Initiative pro Umgehung Hartl zum Handeln auf. Die Verkehrsbelastung könne doch nicht so bleiben – „diese Krankheit im Dorf, dieses Geschwür“. Die Verantwortung liege nun beim Gemeinderat: „Davon könnt Ihr Euch auch nicht wegbewegen.“ Hartl kommentierte das nicht. Immerhin ist ein Termin gesetzt: Der Gemeinderat tagt nächsten Dienstag.

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