Unaufgeräumt: der leer stehende Bauernhof in Georgenried.
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Unaufgeräumt: der leer stehende Bauernhof in Georgenried.

Zwei Waakirchner standen vor Gericht, weil sie zwei Kühe aus Stall in Georgenried holten

Viehdiebe oder Tierretter?

Weil sie zwei Kühe aus einem in ihren Augen nicht tierwohlgerechten Stall in Georgenried retten wollten, standen zwei Freunde aus Waakirchen nun wegen Diebstahls vor Gericht. Der Richter erkannte ihre gute Absicht an – und sprach sie frei.

Waakirchen – Immer wieder war es auf einem leer stehenden Hof in Georgenried 2015 zu mysteriösen Einbrüchen gekommen, nachdem dessen damaliger Eigentümer verstorben war. Auch der Stall des Anwesens, in dem mehrere alte Kühe ihr Dasein fristeten, war wiederholt aufgebrochen worden. Die Täter hatten sich auf einem Zettel als „Tierretter“ bezeichnet. Bei einem der Einbrüche landete die Stalltüre samt Stock auf dem Misthaufen, ein andermal wurden die mit Vorhängeschlössern gesicherten Ketten aufgeknackt. Jetzt musste sich eine 52-jährige Waakirchnerin wegen (Kuh-)Diebstahls vor dem Amtsgericht Miesbach verantworten.

Der Abend Mitte Oktober 2015 habe mit einer kleinen Feier begonnen, schilderte die Angeklagte. Sie und ein 46-jähriger Landwirt hätten sich bei einer Freundin getroffen. Zu vorgerückter Stunde und nach einigem Alkoholkonsum habe der 46-Jährige verkündet, er werde zu dem verlassenen Hof gehen und sehen, ob die Kühe noch da seien. „Ich hatte schon etwas Angst, weil er völlig überdreht war“, erinnerte sich die Frau.

Stall in Georgenried - „wie auf einer Müllkippe“

Dennoch seien sie zu dem etwa zwei Kilometer entfernten Hof gefahren. Der Landwirt habe dann die Bretter von einem der vernagelten Fenster gerissen, sei in den Stall gestiegen und habe die Türe geöffnet. Der Anblick des Stalls sei erschütternd gewesen. Bis zu den Knien seien zwei Kühe in ihrem eigenen Dreck gestanden. Außerdem hätten sie kein Futter gehabt, und das Wasser sei nur tropfenweise aus dem Hahn geflossen. Im Stall habe sich ein Berg aus alten Büchsen und anderem Abfall getürmt „wie auf einer Müllkippe“.

Richter Walter Leitner konfrontierte die Angeklagte an dieser Stelle mit Bildern einer Überwachungskamera im Stall. Auf den Fotos war weder vom Müllberg noch von kniehohem Tierkot etwas zu erkennen. Zum Tatzeitpunkt aber war diese Kamera gerade ausgefallen. Während der 46-Jährige die Kühe einfach habe freilassen wollen, habe sie wegen der nahen Staatsstraße Bedenken gehabt und ihren Mann angerufen, erklärte die Angeklagte weiter. Der sei mit einem Ladeanhänger gekommen. Doch beim Aufladen der ersten Kuh habe die zweite das Weite gesucht und blieb verschwunden.

Kühe aus Stall bei Georgenried geholt: Waakirchner packte die Reue

Also habe man die verbliebene auf dem Hof des Landwirts eingestellt. Am nächsten Tag sei dann die Reue über die „dumme, unüberlegte Handlung“ gekommen, sagte der Landwirt aus. Er habe deshalb das Veterinäramt angerufen und erklärt, ihm seien Kühe zugelaufen. „Wir wollten sie ja nicht veräußern, sondern wollten, dass sie leben dürfen“, bekräftigte der Waakirchner. Die flüchtige Kuh allerdings hatte sich bei ihrem Fluchtversuch ein Bein gebrochen und musste eingeschläfert werden.

Sie habe auch den Nachlassverwalter, Rechtsanwalt Stefan Brandmaier, angerufen, um ihm die Kühe abzukaufen, erklärte die Angeklagte. Sie hätte den Tieren als Übergangslösung ein besseres Leben bieten wollen. Doch der geforderte Preis sei ihr doch zu hoch gewesen. Brandmaier erklärte wiederum, er habe nach dem Vorfall ein „ungutes Gefühl“ gehabt und sei deshalb dem Angebot skeptisch begegnet.

Schließlich endete die Verhandlung mit Freispruch. Objektiv handle es sich zwar um „reinrassigen Diebstahl“, sagte Richter Leitner in der Urteilsbegründung, aber offensichtlich sei die Absicht der Angeklagten gewesen, die Tiere gut versorgt zu wissen, nicht sie zu veräußern.

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Stefan Gernböck

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