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Ungezügelt, intelligent, musikalisch auf höchstem Niveau: So begeisterte die Familie Well als Wellbappn das Publikum auf der Waakirchner Kleinkunstbühne.

Nah dran an der bayerischen Gefühlswelt

Die Wellbappn und ihr umjubelter Auftritt

Politisch aktuell, nah dran am Konzertort und an der allgemeinen bayerischen Gefühlslage, mit einem Großaufgebot an Instrumenten: Das ist das Erfolgsrezept, mit dem die Wellbappn Waakirchen begeisterten.

Waakirchen –Traditionell starteten die Wells – Papa Hans, Sohn Jonas, Tochter Sarah und Freund Sebastian, stellvertretend für Tabea, die ihr Geigenstudium gerade um ein Auslandssemester in Indien ergänzt, – mit einem Beschuss ihres Konzertortes. In Waakirchen, dem „Blinddarm des Tegernseer Tals“, nahmen sie den Wegfall des Biergartens und der Bühne beim Knabl zugunsten des Wohnungsbaus, die Schließung der vhs, die nackerte Venus und die geplante Umgehungsstraße aufs Korn.

Zugleich lobten die Musiker aber die Häuser, die Waakirchen so schnell für die Asylbewerber gebaut hat. Und damit waren sie schon mittendrin in den großen politischen Themen, die Bayern bewegen und gegen die es sich mit Harmonie (Gesangsverein), Eintracht (Fußballclub), „Bärwurz on the rocks“ (Burschenverein) und „Pina Colada“ (Katholischer Frauenbund) wappnet. Frei nach dem Motto: „Mit Ministranten aus dem Senegal, sind wir liberal.“

Mit einem Blick in die angewandte Gemeinderatsdemokratie zeigten die Wellbappn auf, wie Dorfentwicklung aussehen kann: Wenn der Dorfladen scheitert und durch einen Aldi weit draußen ersetzt wird, denkt man über die Belebung des Dorfes durch die Erweiterung des Friedhofs nach, unterstützt durch einen chinesischen Investor, der das neue Krematorium finanziert. Das sitzt. Das Publikum lacht und applaudiert und hat seinen Spaß, wenn es um das traditionelle Dorfleben geht.

„Die Welt ist in Aufruhr. Es herrscht eine Bedrohung durch die islamische Welt“, verkündet Sarah und visioniert vom Austritt Bayerns – inklusive antimuslimischer Mauer, Mautgebühr und Freibier, Gebirgsschützen in der Nato und Hoeneß als Präsident des bayerischen Steuerzahlerbundes. Mit Angelas kirchlich anmutendem Klagelied schießt das Quartett aus der Merkel-Perspektive gegen deren Widersacher: den Minister des Versagens (Seehofer), die oberbayerische Filzlaus (Dobrindt), die Wurst aus Würselen (Schulz).

Nicht nur thematisch ließen die Wellbappn nichts aus, auch musikalisch loteten sie alle Möglichkeiten der bayerischen Volksmusik aus: von Viergesang über Jodler und Landler bis hin zu rasant schnellen Stückln mit instrumentalen Soloeinlagen. Mit dem Waakirchner Gefangenenchor besang man nach dem Schlager „Aloha Heja“ die Klimaerwärmung und die Folgen für Bayern. Da wachsen im Bayerischen Wald die Palmen und das Allgäu wird zur Malaria-Zone.

Aber die Wells träumen noch von Gerechtigkeit, zum Beispiel davon, dass Trump in einem mexikanischen Slum wiedergeboren wird und es dann nicht über die von ihm selbst errichtete Mauer ins gelobte Land schafft. Mit kleinen, innerfamiliären Neckereien, Seitenhieben auf die Generation „Whats App“, den VW-Abgas-Skandal, den Brexit und – getarnt als predigthafte Lesung aus dem „Buche Bayerns“ – auf die Banca Bavaria, Ilse, die Hoffnungslose, Sigi, den Gwamperten, und Nahles, die Gschlamperte, ging schließlich ein umjubelter Abend zu Ende.

Stürmischen Applaus gab’s für diese intelligent-freche und aktuelle Themen-Mischung, die schon zu Zeiten der Biermösl Blosn zündete und für deren Texte Hans Well, neunter Spross der Musikerfamilie, verantwortlich zeichnet. Gut, dass Hans Well und seine Kinder auch weiter in bester Well’scher Tradition einfach ihre Bappn nicht halten können und so das politische Musik-Kabarett in die nächste Generation führen.

Alexandra Korimorth

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