Auch Kaiserin Sissi vertraute auf Wunderheilerin aus Marschall

- VON DORIS JONES Holzkirchen/Marschall - Sie ist so schillernd wie die Tänzerin Lola Montez, so berühmt wie die Großbetrügerin Adele Spitzeder, doch in Holzkirchen erinnert kaum noch etwas an das berühmte Gemeinde-Kind Amalie Hohenester. Nur eine kleine Glocke in der Kapelle in Marschall, die die Wunderheilerin stiftete, zeugt von der Herkunft der Heilerin, die im 19. Jahrhundert in Bad Heilbrunn selbst Kaiserin Sissi mit ihren Hausmitteln behandelte. 1827 kam Amalie Hohenester im Alter von einem Jahr nach Marschall, wo sie auf einem kleinen Bauernhof aufwuchs, den ihr Vater gekauft hatte.<BR>

Obwohl es zahlreiche Romane, Volksstücke und sogar einen Film von Hans Fitz (mit Maria Schell in der Hauptrolle) über Amalie Hohenester gibt, sei sie in Holzkirchen fast vergessen, so Gemeinde-Archivar Werner Jennerwein. Auch er sei erst 1978, als er von Hans Grünberger das Archiv übernommen habe, auf den Namen der Heilerin gestoßen.

Amalie Hohenester, in Holzkirchen laut Dekan Josef Imminger Haberl-Amalie genannt, war das zwölfte Kind von Michael und Philippina Nonnenmacher. Ihre Brüder brachten es noch vor der Schwester zu zweifelhafter Berühmtheit.

Haberlbande zog durchs Oberland

Als Räuberbande, die Haberlbande, zogen sie durchs Oberland, bis sie 1850 hinter Schloss und Riegel gebracht wurden. Bisweilen sei die Haberlbande glorifiziert worden, so Jennerwein. Angeblich hätten die jungen Männer wie Robin Hood das geraubte Gut an Arme weitergegeben. Doch daran glaubt der Archivar nicht: "Es war eine richtige Räuberbande." Einer der Brüder sei für die Schandtaten sogar gehängt worden.

Amalie Hohenester wurde zu dieser Zeit als Magd nach München geschickt, später, so heißt es in den Quellen, war sie in einem gräflichen Haushalt beschäftigt. Sie bereiste angeblich die Welt. Doch 1856 wurde sie von der Frankfurter Polizei nach Marschall abgeschoben.

Hier begann die spätere Wunderheilerin zusammen mit ihrer Mutter, Kranke aus der Umgebung zu kurieren. Die Behörden waren von ihrer Heilkunst jedoch nicht überzeugt.

Wegen "Pfuscherei" wurde die 32-Jährige 1859 zu zwei Tagen Polizeiarrest verurteilt. Die Strafe hatte das Landgericht Miesbach verhängt. 1861 verließ Amalie Hohenester Marschall für immer. Sie heiratete Benedikt Hohenester, den späteren Wagnerbauer in Deisenhofen. Der Hof florierte, ebenso die Geschäfte der Amalie Hohenester, die nun in Deisenhofen ihre Heilkünste erprobte. Zwei Jahre später kaufte sie das alte Heilbad Mariabrunn bei Dachau, das ihr zur Berühmtheit verhalf. "Damals ist die Bahnverbindung München-Holzkirchen schon gestanden", so Jennerwein. Dies hätte den Kranken die Möglichkeit gegeben, zu Hohenester zu fahren. Und diese Möglichkeit wurde ausgeschöpft. Nicht nur die Kaiserin Elisabeth von Österreich war bei ihr in Behandlung. Auch Russlands Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, die Großfürstinnen Vera und Alexandra, die Königin von Schweden und weitere gekrönte Häupter sollen den Weg zu ihr gefunden haben. Sogar der Papst habe ihr ein goldenes Kreuz geschickt, schreibt Dekan Josef Imminger in seiner Chronik.

Respekt vor ihrer Kundschaft hatte Hohenester nicht. So sprach sie alle mit "Du" an - egal ob Kaiserin oder Großfürst. Ihre Diagnose erstellte die Wunderheilern aus der Analyse des Urins - doch ließ sie ihre Gäste wohl auch durch ihre 90 Bediensteten ausfragen. Ihren Patienten verordnete sie dann Heilkräuter-Tees und Fastenkuren sowie ausgedehnte Spaziergänge. Was sie wirklich über Heilkünste wusste, bleibt wohl verborgen, doch "heilte" sie 17 Jahre lang, auch wenn sie angesichts fehlender Ausbildung immer wieder wegen Pfuscherei mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Um den Streitigkeiten mit der Polizei zu entgehen, soll sie später auch Dr. Curtius, einen Günstling der Lola Montez, eingestellt haben. Amalie Hohenester selbst scheint sich nicht an ihre gern erteilten Ratschläge zur gesunden Lebensweise gehalten zu haben, denn laut den Chroniken starb sie 1878 an Herzverfettung. Eine kleine Kapelle in Marschall erinnert an sie. 1875 ließ die Heilerin das Kirchlein restaurieren. Im Spitzturm hängt seither eine von ihr gestiftete Glocke.

Quellen: Imminger-Chronik, Hachinger Heimatbuch von Pfarrer Karl Hobmair, Chronik des Marktes Holzkirchen; Bücher: Die Pfuscherin: Amalie Hohenester, Wunderheilerin und Doktorbäuerin, Roman von Dr. Norbert Göttler (1. Auflage 2000), D`Haberl vom Marschall von Carl Weinberger, Die Haberltöchter vom Marschall von Georg Stöger-Ostin.

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