Der Beichtvater des Königs

- Landkreis - Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. So waren im Fall des aus dem Erdinger Land stammenden bayerischen Aufklärers und Reformers Simon Rottmanner auch etliche seiner Nachkommen aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Vater Rottmanner: Ebenso tüchtige und erfolgreiche wie kritische und wache Geister, die in der bayerischen Geschichte Spuren hinterlassen haben und die es wert sind, als Söhne und Töchter einer Familie, die ihren Ursprung auf dem zwischen Walpertskirchen und Hörlkofen gelegenen Rottmanner-Gut Schloss Ast haben, im Andenken lebendig bewahrt zu bleiben. Einer davon ist Pater Odilo Rottmanner.<BR>

Die Namensgleichheit ist kein Zufall: Ein heute bekannter Odilo ist Altabt Odilo Lechner von der Benediktinerabtei St. Bonifaz und Andechs, der wegen seiner herzlichen, weltoffenen Art und wegen seines Charismas als einer der beliebtesten Geistlichen in und um München gilt. Bei öffentlichen Auftritten gibt Altabt Odilo gerne auch die Geschichte zum besten, wie er zu seinem Ordensnamen kam.<P>Als Kloster-Bibliothekar<P>hoch geschätzt<P><P>Als er 1953 in St. Bonifaz die erste Profess (Ordensgelübde) ablegte, erhielt er den Ordensnamen Odilo, damals noch ganz aus den geheimen Ratsschlüssen des Abtes, seines Vorgängers Hugo Lang. Er wollte wohl an einen der Großen des Hauses erinnern, an Odilo Rottmanner (1841 - 1907), langjähriger Bibliothekar, Stiftsprediger und anerkannter Gelehrter.<P>Ein Blick in die Tausende Bände umfassende Klosterbibiothek von St. Bonifaz zeigt: Tatsächlich ist Odilo Rottmanner ein Sohn des Rottmanner-Gutes Schloss Ast und Urenkel des großen Simon Rottmanner. Er war zu seiner Zeit ein bedeutender katholischer Theologe und wird noch heute in kirchlichen Kreisen weltweit als Kenner des großen Kirchenlehrers Augustinus geschätzt. Die Bibliothek bezeugt sein reges Schaffen.<P>Von Benediktinerschule<P>ins Priesterseminar<P><P>Odilo Rottmanner hieß ursprünglich Otto und ist am 21. November 1841 in Landsberg am Lech als erstes von acht Kindern geboren. Dorthin, nach Aichach, hatte es seinen Vater Karl Rottmanner (geb. 1805), Enkelsohn von Simon Rottmanner, als gelehrten Schulleiter verschlagen. Aus der Bauernsippe Rottmanner war also längst eine angesehene bayerische Akademikerfamilie geworden.<P>Otto Rottmanner besuchte bis 1860 das Gymnasium der Benediktiner in Augsburg. Nach seinem Schulabschluss wechselte er nach München ins Priesterseminar und an die Universität. Hier erhielt er bei den fortschrittlichen reformkatholischen Professoren Martin Deutinger, Ignaz von Döllinger und Bonifaz Haneberg, dem Abt von St. Bonifaz und späteren Bischof von Speyer, die wissenschaftlichen Weihen.<P>Haneberg war in seiner Zeit in München übrigens Erzieher des von den Eltern vernachlässigten Knaben und späteren Märchenkönigs Ludwig II. Auch war Haneberg als junger Mann Schützling und Freund von Odilos gelehrtem Vater, Karl Rottmanner, gewesen.<P>So kam es, dass Otto Rottmanner nach Abschluss seiner theologischen und philosophischen Studien und der am 31. Juli 1864 empfangenen Priesterweihe 1866 in München-Andechs als Pater Odilo ein Benediktiner wurde. 20 Jahre lang war er Katechet an Volksschulen, acht Jahre Novizenmeister und mehrere Jahre Ökonom des Klosters. Weithin bekannt war er als "Gastpater", ein Amt, das er 30 Jahre lang ausübte. Seit 1879 predigte Odilo Rottmanner jeden Sonntag in der Basilika des Klosters. In zwei Buchbänden mit dem Titel "Geistesfrüchte aus der Klosterzelle" sind die Predigten überliefert.<P>Vetrauter der<P>königlichen Familie<P><P>Er galt als kluger Beichtvater und Seelengeleiter, speziell in der königlichen Familie der Wittelsbacher. Einfache Katholiken suchten ebenso seinen Rat wie Damen des Adels, Mitglieder des Bayerischen Königshauses, darunter auch der spätere Märchenkönig Ludwig II., und bekannte Künstler. Seine Lebensaufgabe war jedoch die des Stiftsbibliothekars. Unter Odilo Rottmanners Leitung wuchs die Bibliothek auf 60 000 Bände an, und er wurde schließlich selbst zum lebendigen Register, wie er sich scherzhaft zu nennen pflegte.<P>Wie schon sein Urgroßvater Simon Rottmanner beherzigte auch Odilo dessen Lebensmotto "Bediene dich deines eigenen Verstandes". Und ebenso wie der Urgroßvater geriet auch Odilo in den Strudel der Ereignisse der damaligen Zeit: 1848 war von Frankfurt die deutschnationale demokratische Revolution ausgegangen und gescheitert. Kirche und Staat waren in der Folge uneins, und die katholische Kirche drohte in der aufkommenden Bismarckzeit gegen Protestantismus, Kulturkampf, Wissenschaft, Industrialisierung und den aufklärerischen Zeitgeist der Moderne ins Hintertreffen zu geraten.<P>Odilos Lehrmeister und Freunde - Döllinger, Haneberg und Bischof Hefele von Rottenburg - steuerten deshalb die Kirche auf Reformkurs. Gegensätzlich verhielt sich der ultrakonservative Papst Pius IX in Rom: Bereits 1854 erhob der Pontifex den Lehrsatz von der unbefleckten Empfängnis Marias zu einem allgemein verbindlichen Dogma.<P>1864 erließ Pius IX den Syllabus, eine feierliche Erklärung, in der der Papst viele Errungenschaften des Liberalismus - etwa die Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit sowie die Demokratie - als widergöttlich und unkatholisch verwarf. Diese Haltung löste besonders unter den gebildeten Katholiken im deutschsprachigen Raum Bestürzung aus.<P>Konservativer Pius IX<P>gegen Reformkurs<P><P>Gerade der päpstliche Stoß gegen die Pressefreiheit muss in der weitverzweigten Rottmannerfamilie eine Gegenreaktion ausgelöst haben: Eine Rottmanner-Tochter, Odilos Cousine Josefine, war verheiratet mit Julius Knorr, dem bedeutenden Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten.<P>1870 drückte Pius IX per Konzilsbeschluss ein für Katholiken unumstößliches Dogma durch, das bis heute zu den umstrittensten Beschlüssen der Kirchengeschichte zählt: "Wenn der römische Papst ex cathedra spricht [...], dann besitzt er [...] jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen zur Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte. [...] Wer sich vermessen sollte, was Gott verhüte, dieser unserer Glaubensentscheidung zu widersprechen, der sei verflucht."<P>In der Folge forderte die Kirche von allen Bischöfen und Priestern sogar einen so genannten Antimodernisierungseid, den jeder Geistliche abzulegen hatte. Der Unfehlbarkeits-Beschluss war zwar mit 535 gegen zwei Stimmen verabschiedet worden. Aber nicht einmal die Hälfte aller stimmberechtigten Bischöfe war bei dieser entscheidenden, feierlichen Zusammenkunft im Petersdom dabei. Die einen waren gar nicht zum Konzil angereist, andere hatten ihren Protest durch vorzeitige Abreise zum Ausdruck gebracht.<P>Auch in Bayern formierte sich daraufhin gegen das Unfehlbarkeitsdogma Widerstand: 1871 trat der Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten Knorr vehement für die Bewegung der Altkatholiken und den exkommunizierten Münchner Theologieprofessor Döllinger ein. Das am 18. Juli 1870 verabschiedete Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit bezeichnete sein Blatt als "ein gegen Gott, die Natur und die Menschheit gerichtetes Attentat".<P>Viele Theologen, Priester und Laien sahen die Dogmatisierung als eine neue, romkatholische Lehre an. Da sie die selben Katholiken wie vor dem Konzil bleiben wollten, nannten sie sich altkatholisch. Mit anderen Worten: sie verstanden sich als Katholiken von jeher, die es plötzlich mit einer veränderten Kirche zu tun hatten.<P>Modern Gesinnte aus<P>Kirche ausgeschlossen<P><P>Döllinger und seine Gesinnungsgenossen blieben trotz des Drucks von Rom standhaft bei ihrer Meinung. Die Quittung: Die Kritiker wurden 1871 exkommuniziert und aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen. Sogar König Ludwig II., der mit den Altkatholiken sympatisierte und das Dogma kritisierte, war von der Exkommunikation bedroht. Ludwig II. lenkte schließlich ein und ließ als Zeichen seine Truppen wieder bei der Fronleichnamsprozession mitmarschieren.<P>Odilo Rottmanner, Schüler und Bewunderer Döllingers, wurde verdächtigt, auch in der Führung der altkatholischen Bewegung zu sein. Doch Odilo Rottmanner fühlte sich als Benediktiner und Teil der traditionellen christlichen katholischen Kirche und ließ sich weder von der einen noch von der anderen Seite vereinnahmen. Der spätere Benediktiner-Abt Hugo Lang urteilte: "Odilo Rottmanner war niemals Döllingerianer, wie er überhaupt kein ,ianer` war."<P>Der Kirchenstreit, das so genannte Schisma, zog sich über die Jahrhundertwende hinweg, und ab 1900 brauten sich deswegen über Odilos Haupt immer wieder Gewitterwolken zusammen. Als er vor das Erzbischöfliche Generalvikariat in München vorgeladen wurde, wurden ihm seine Maipredigten zum Vorwurf gemacht. Auf eine Reihe von Anschuldigung hin antwortete der gewitzte Odilo Rottmanner, dass es sich nicht um Ketzerei, sondern um (ihm zur Last gelegte) Hetzerei handle.<P>Unter den schließlich als "pluria et gravia in materia fidei" gegen Rottmanner in Rom eingereichten Anklagen waren schließlich auch infame Vorwürfe, dass er zu Döllinger nicht nur einen freundschaftlichen, sondern einen regelrecht familiären Kontakt pflege. Der brave, durchaus sensible und herzensgute Odilo Rottmanner, der zudem in seinen letzten Lebensjahren schwer krank war, nahm sich diese Anschuldigungen sehr zu Herzen. Der damalige Abt-Präses Dr. Eugen Gebele nahm ihn jedoch in Schutz und verkündete gegenüber der Inquisition, dass es ganz ausgeschlossen ist, dass er, Odilo, von der Kanzel etwas Häretisches verkündet hat.<P>Harter Kampf gegen<P>Gerüchte und Krankheit<P><P>Auf Anweisung von oben teilte Abt Gebele Odilo Rottmanner schließlich formell mit, die "P.T. Cardinäle der Inquisition" hätten beschlossen: "Es solle nach dem Votum R.P. Odilo secrete et paterne eindringlich ermahnt werden, er solle in Zukunft beim Disputieren cautius at rectius sich verhalten und bei allen religiösen Erörterungen die Anschauungen und Gefühle anderer schonen." Gleichzeitig mit diesen traurigen Angriffen und Anklagen kamen Gerüchte auf, die sogar zu Zeitungsmeldungen Anlass gaben, der beliebte und gelehrte Odilo Rottmanner sei von der Krone für den Erzbischöflichen Stuhl in München in Aussicht genommen. Odilo Rottmanner, gerade von schwerer Krankheit genesend, erklärte: "Lieber zurück in die Chirurgische Klinik!".<P>Odilo Rottmanner wurde nie wieder gänzlich gesund und musste weiter leiden. Seinen ihm eigenen geistreichen Humor habe er hingegen nie verloren, berichtet der Zeitzeuge und spätere Abt Hugo Lang. Odilo, ein Sproß aus der Wurzel der alten Lex- und Rottmannerfamilie aus dem Erdinger Land, starb am 11. September 1907 früh morgens im Kloster St. Bonifaz, wo er auch beerdigt wurde. Sein Namensvetter, Altabt Odilo Lechner, will übrigens im Sommer zum bei Hörlkofen gelegenen Rottmann-Gut Schloss Ast pilgern, aus Verbundenheit zu Odilo Rottmanner, und um die dann restaurierte Kapelle einzuweihen.<P>

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